Coronavirus

Corona-Selbsttests aus privatem Labor: Neun Prozent positiv

Foto: Felix Kästle / dpa

Dr. Jens Heidrich bietet Covid-19-Abstrich-Kits für besorgte Hamburger an. Warum der Labormediziner das Angebot für wichtig hält.

Hamburg. An der Ausgabestelle des privaten Labors im Klinikweg klebt ein inzwischen häufig gelesener Warnhinweis: „Bitte halten Sie zwei Meter Abstand.“ Eine Frau in Schutzkleidung gibt hier SARS-CoV-e/COVID-19-Abstrichtests aus an besorgte Hamburger, die fürchten, sich infiziert zu haben und eine Indikation laut Vorgaben des Robert-Koch-Instituts aufzeigen.

Die Labormitarbeiterin fragt hier kritisch nach, sie und ihre Kollegen müssen ihre Kapazitäten gut einteilen. „Bitte auch noch die Hände desinfizieren“, sagt sie zu einem jungen Herrn, bevor der sich die kleine Tüte greift. Es handelt sich um ein sogenanntes Selbstabstrich-Kit mit genauer Anleitung zur Durchführung des Abstrichs. Die Leute machen den Testabstrich zu Hause, stecken das Röhrchen in die Versandtasche, schicken sie per Post zurück (viele bringen sie auch persönlich vorbei, weil sie nicht solange warten möchten).

Im Labor erfolgt die Analyse nach WHO-Standard. Die Kunden erhalten ihr Ergebnis per Mail; wer allerdings positiv getestet wurde, dessen Telefon klingelt, denn ein Laborarzt ruft ihn sofort an.

Coronavirus: Privates Labor bietet Selbsttest seit vier Wochen an

Es sind keine angenehmen Telefonate, aber zumindest bringen sie Sicherheit. „Ich sage den Leuten, sie sollen zu niemandem mehr Kontakt haben und sich das Essen notfalls vor die Tür stellen lassen“, sagt Dr. Jens Heidrich. Der Facharzt für Laboratoriumsmedizin (ein Kollege von Peter Tschentscher also) wendet die Selbstabstrich-Methode seit vier Wochen an. Die Idee kam ihm, als er zu Beginn der Corona-Krise immer häufiger von Ärzten gebeten wurde, ihre Patienten zum Abstrich direkt ins Labor schicken zu dürfen, damit sie selbst möglichst wenig Kontakt zu potenziell Infizierten haben und nicht Gefahr laufen, ihre Praxis wegen Selbstinfektion schließen zu müssen.

Das könnte Sie auch interessieren

„Aber auch ein Fachlabor kann so einen Ansturm nicht alleine bewältigen, deshalb setzen wir auf Selbstabstrich-Tests“, erklärt Dr. Heidrich. Diese seien keineswegs mit dem im Online-Handel angebotenen Schnelltests in der Art von Schwangerschaftstests oder sogenannten Antikörpertests zu verwechseln. „Von allem, was nicht von seriösen Stellen wie Arztpraxen, Kliniken und Fachlaboren als Selbstabstrich-Test angeboten wird, sollte man die Finger lassen.“

Privates Corona-Labor: Es fehlen Fachkräfte

In dem Labor Dr. Heidrich und Kollegen arbeiten 133 Leute, sie könnten gerade noch mindestens zwei zusätzliche Fachkräfte einstellen, doch der Markt ist leergefegt. Zwölf bis 16 Stunden-Tage legen die meisten hin, gestern wurde eine Physiotherapeutin einbestellt, die die schlimmsten Verspannungen behandelt. Es gibt Kollegen, die bis zu 4000 Mal am Tag die gleiche Armbewegung machen, um so viele Tests wie möglich zu schaffen. „Ich muss aufpassen, dass die Mitarbeiter nicht umkippen,“ sagt Heidrich. Das Labor ist Anfang des Jahres erst umgezogen, aus den Wänden hängen noch die Kabel, die Treppen sind unverputzt, aber immerhin gibt es Kekse – sie werden einzeln mit Schutzhandschuhen aus der Packung genommen.

An einer der teuren Spezialmaschinen hängt ein Brief, mit rot geschrieben und gemalten Blumen versehen: „Danke von Herzen, dass wir den Test bei Ihnen machen können und sie in den schweren Stunden für uns da sind.“

UKE-Virologin: "Können Corona-Ausbreitung nicht verhindern"

UKE-Virologin: "Können Corona-Ausbreitung nicht verhindern"
UKE-Virologin: "Können Corona-Ausbreitung nicht verhindern"

Sie würden hier am „Point of Sale“ von Corona arbeiten, sagt eine Kollegin, deren Halbtagsjob nun zur Vollzeitstelle wurde. Angst vor Ansteckung? Ungern würde man den Virus aus Versehen mit nach Hause schleppen, sagt sie. Dr. Heidrich gibt zu, sollte sich nur ein Mitarbeiter infizieren, müssten sie sich fortan selbst täglich testen lassen.

Laborinhaber behauptet: "Selbsttests sind sicherer"

Doch das ist nicht sein größtes Problem, er braucht dringend Nachschub. Gestern bekam er zehn neue Schutzmasken geliefert. „Hier arbeiten 130 Leute, was sollen wir mit zehn?“

Zum anderen ärgert sich der Laboratoriumsmediziner über die vielen Falschinformationen und –Interpretationen und die mangelhafte fachliche Aufklärung. Zuletzt gab es unter Medizinern Diskussionen darum, ob ein selbst vorgenommener Rachenabstrich genauso effektiv ist, als wenn er von einem Arzt und von einer Arzthelferin vorgenommen wird. „Ich behaupte, ein Selbstabstrich ist sogar genauer, denn es kommt nicht so stark zum Würgereiz, die Schutzreflexe sind geringer, wie wenn jemand bei Ihnen im Rachen rumfummelt. Alleine kommt man meist auch tiefer in den Rachen.“

Laut Anleitung im Abstrich-Set muss man den Tupfer hinter das Zäpfchen führen und schnell von der einen Seite zur anderen über die Mandeln bewegen.

Corona-Selbsttest kostet im privaten Labor 150 Euro

Zuletzt lag die Rate der positiven Testergebnisse in Heidrichs Labor über denen der Proben, die bundesweit von Ärzten durchgeführt wurden. Das könnte einen Rückschluss auf die Sicherheit zulassen, und auch Prof. Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité Berlin, erklärt dazu: „Es muss natürlich ein koordinierter Patient sein, der in den Spiegel schauen kann, und das auch hinbekommt, wirklich hinter das Gaumensegel zu gehen mit einem Abstrichtupfer.“

Weil die gesetzlichen Krankenkassen den Test bei Selbstabstrich nicht bezahlen, stellt das Labor 150 Euro in Rechnung. Ob man sich nicht an der Notsituation bereichere? „Diesen Vorwurf weisen wir auf das Schärfste von uns. Ein ärztlicher Betrieb muss sich an die ärztliche Gebührenordnung halten. Wir stellen für die Selbstabstrich-Tests nach dem 1,15-fachen Satz circa 150 Euro in Rechnung,“ erklärt der Laborbesitzer.

„Eine Abrechnung außerhalb der Gebührenordnung ist nicht zulässig, und glauben Sie mir: Wir sind gerade immer noch sehr im Minus, denn die ganzen Tests mussten wir erst einmal kaufen, die Überstunden bezahlen, zusätzliche Maschinen besorgen. Wir sind ganz sicher keine Abzocker. Wir versuchen, zu helfen. Außerdem hoffe ich doch sehr, dass die KV ihre Entscheidung überdenkt und unser Vorgehen unterstützt. Ich würde als Patient versuchen, mir die Rechnung von der Krankenkasse erstatten zu lassen. Die Gesellschaft sollte die Kosten tragen.“

Corona-Selbsttest: Neun Prozent der Selbstabstrich-Proben positiv

An diesem Tag waren neun Prozent der 296 Selbstabstrich-Proben positiv. Die Durchführung eines Tests dauert ungefähr sechs Stunden, doch das Problem sind die Maschinenkapazitäten und die Manpower. Etwa 2000 Aufträge täglich kommen rein, darunter nicht nur von Ärzten durchgeführte Covid-19-Abstriche, es gibt auch noch Menschen, die an anderen Dingen leiden.

„Wir dürfen wegen Corona nicht einen einzigen Herzinfarkt übersehen“, sagt Heidrich. Doch Mitarbeiter, die sonst Vaterschaftstests oder nicht so eilige Erbgut-Untersuchungen durchführen, die sollen sich jetzt auf Corona fokussieren. „Es sollten so viele Tests wie möglich vorgenommen werden, denn die psychologische Komponente spielt eine entscheidende Rolle bei der Bekämpfung der Epidemie. Wer in fett Rot sieht, dass er Corona hat, ist viel motivierter, die Regel einzuhalten und sich von anderen Menschen fernzuhalten,“ glaubt Heidrich.

Seiner Ansicht nach ist es „ein Wunder, dass eine solche Situation nicht schon eher eingetreten ist.“ Bei weltweit 60 Millionen Virusmutationen im Jahr hätten wir viel Glück gehabt, sie bislang stets so gut in den Griff bekommen zu haben. Der Vorteil in Deutschland läge in den vielen Experten und gut ausgestattete Krankenhäusern. „Außerdem haben wir eine Tradition in der Labormedizin. In Hamburg gibt es wahrscheinlich mehr Laborkapazitäten als in ganz Großbritannien, davon profitieren wir nun“, sagt Heidrich. Auch die drei Wochen Vorsprung zu Italien und andere Hygieneroutinen hierzulande seien natürlich ein Vorteil.

Die Ausgangsbeschränkungen hält er für sehr hilfreich, doch letztendlich wisse keiner, wie lange uns die Krise noch beschäftigen wird: „Zwischen drei Monaten und zwei Jahren ist alles möglich.“