Corona-Krise

Wie kann man Obdachlosen in Hamburg noch helfen?

| Lesedauer: 7 Minuten
Peter Wenig
Für Obdachlose – hier unter der Kersten-Miles-Brücke an der Helgoländer Allee – ist das Leben in Corona-Zeiten noch härter als sonst.

Für Obdachlose – hier unter der Kersten-Miles-Brücke an der Helgoländer Allee – ist das Leben in Corona-Zeiten noch härter als sonst.

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Corona stellt Helfer wie wohnungslose Menschen vor immense Herausforderungen. Viele Initiativen mussten ihre Angebote einschränken.

Hamburg. Als die Helfer der Obdachlosen-Initiative „Schau nicht weg“ am Mittwochnachmittag Richtung Hauptbahnhof fuhren, warteten dort bereits Polizeibeamte. Ihr Ziel: das Verteilen von Lebensmittel-Spenden an Obdachlose am sogenannten Gabenzaun zu verhindern. An diesen Gabenzaun hängen seit 2017 ehrenamtlich tätige Organisationen Lebensmittel, Hygieneartikel und Kleidungsstücke für die Ärmsten der Gesellschaft.

Wie unter einem Brennglas zeigte sich an diesem Tag das große Dilemma der Hilfsaktionen für Obdachlose in Corona-Zeiten. Denn das Verbot hängt unmittelbar mit dem Virus zusammen. „Wir müssen sicherstellen, dass es bei solchen Verteilaktionen nicht zu großen Versammlungen kommt, wo viele Menschen sich infizieren können, weil sie die Abstandsregeln ignorieren“, sagte ein Polizeisprecher am Donnerstag dem Abendblatt. Genau dies habe die Initiative nicht garantieren können, sondern nur darauf verwiesen, dass man mit Schutzkleidung arbeite. Die Initiative sagt dagegen, dass man sehr wohl erklärt habe, wie man auch die Klienten schützen wolle: „Wir hätten dafür gesorgt, dass die Obdachlosen in ausreichendem Abstand einzeln an den Zaun kommen, um sich ihre Spende zu nehmen.“

Obdachlose können sich besonders leicht mit Corona anstecken

Wie hilft man bei der laut Angela Merkel größten Herausforderung für Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg den Menschen, die am dringendsten auf Hilfe angewiesen sind? Seit Wochen sorgt diese Frage für Kopfzerbrechen bei Sozialämtern, Wohlfahrtsorganisationen und Initiativen. Das Problem: Obdachlose können sich durch ihre katastrophalen hygienischen Lebensbedingungen besonders leicht anstecken. Zudem zählen sie durch Vorerkrankungen in aller Regel zu Risikopatienten mit drohenden schweren Krankheitsverläufen.

„Wir befinden uns in einer Ausnahmesituation“, sagt Jan Marquardt (58), Geschäftsführer der Obdachlosen-Einrichtung CaFée mit Herz auf St. Pauli. Der Verein macht weiter, allerdings unter neuen Voraussetzungen. Das Café selbst ist geschlossen, um die Ansteckungsgefahr zu minimieren. Doch ein warmes Mittagessen wird unter Einhaltung des Infektionsschutzes aus einem Fenster weiter ausgeteilt, das notwendige Einweggeschirr hat Marquardt vergangene Woche in großen Mengen eingekauft. „Wir haben einen Versorgungsauftrag. Und wenn der Wind mal rauer wird, dürfen wir unsere Gäste nicht im Stich lassen“, sagt Marquardt. Mit Sorge sieht der Geschäftsführer, dass die Zahl der Klienten weiterwächst. Rund 350 kommen jetzt Tag für Tag, 70 mehr als sonst.

Ansturm auf das CaFée mit Herz

Wer die Liste der Hilfsprogramme liest, die das Straßenmagazin „Hinz&Kunzt“ auf seiner Homepage ständig aktualisiert, kann sich über den Ansturm auf das CaFée mit Herz kaum wundern. Fast alle der aufgeführten 43 Organisationen haben ihre Dienste vorübergehend eingestellt oder zumindest reduziert. Die Hamburger Tafel etwa fährt nach wie vor die Essensausgabestellen an, verteilt allerdings vor allem Ware aus dem Lager, ergänzt durch Frischware einiger ausgewählter Partner.

„Wir dürfen weder unsere Gesundheit noch die Gesundheit unserer Klienten riskieren“, sagt Ronald Kelm, seit Jahren in der Obdachlosenhilfe aktiv. Der Krankenpfleger und Dozent hat vor drei Jahren einen ausrangierten Transporter, in dem früher Schauspieler bei Dreharbeiten geschminkt wurden, in ein Gesundheitsmobil verwandelt. Dort behandeln Ärzte und Pflegekräfte auf ehrenamtlicher Basis Menschen, die auf der Straße leben.

Kältebus ist weiter im Einsatz

„In dem Bus ist es jedoch so eng, dass wir einen wirksamen Infektionsschutz kaum gewährleisten können“, sagt Kelm. Und für ihn wäre das Risiko gerade in Corona-Tagen unverantwortlich: „Stellen Sie sich nur vor, dass sich eine medizinische Fachkraft ansteckt und in Quarantäne muss, statt Patienten zu helfen.“ Im Einsatz ist weiter der Kältebus, der in Winternächten Obdachlose mit warmen Getränken, Schlafsäcken, Kleidung und Keksen versorgt – inklusiver menschlicher Wärme für tröstende Gespräche. Mit dem Bus verteilt die Initiative Alimaus, gegründet 1992, nun Lebensmittelspenden. Bewusst hält Kelm die Route geheim, um zu verhindern, dass sich zu viele Obdachlose an Verteilungspunkten versammeln.

Wer in diesen Tagen erlebt, wie sich wohlsituierte Bürger in Supermärkten um Klopapier und Frischhefe streiten, kann erahnen, wie schwierig es sein muss, bei solchen Verteilaktionen auf Corona-Abstandsregeln zu achten. Menschen am Rande der Gesellschaft fürchten Hunger und Durst weit mehr als das Virus. „Was habe ich noch zu verlieren, ich bin doch sowieso ganz unten“, hat jüngst ein Obdachloser zu Kelm gesagt.

Schmaler Grat zwischen Hilfe und Ansteckung

Wie schmal der Grat zwischen Hilfe und Ansteckung ist, zeigt sich gerade in der Unterkunft von Fördern & Wohnen an der Friesenstraße, die rund 300 wohnungslosen Menschen im Winter ein Nachtquartier bietet. Seitdem ein Nutzer positiv auf das Virus getestet wurde, gleicht das ehemalige Bürogebäude einer Quarantänestation (das Abendblatt berichtete). Die erkrankte Person lebt nun in einem separierten Bereich. Die anderen Bewohner, die allesamt getestet werden sollen, wohnen dort jetzt Tag und Nacht zusammen, darunter viele Suchtkranke. Mit aller Überzeugungskraft will das Personal dafür sorgen, dass niemand das Haus verlässt oder betritt, um weitere Ansteckungen zu verhindern. Ein totales Verbot ist indes rechtlich nicht durchsetzbar.

Coronavirus: So können Sie sich vor Ansteckung schützen

  • Niesen oder husten Sie am besten in ein Einwegtaschentuch, das Sie danach wegwerfen. Ist keins griffbereit, halten Sie die Armbeuge vor Mund und Nase. Danach: Händewaschen
  • Regelmäßig und gründlich die Hände mit Seife waschen
  • Das Gesicht nicht mit den Händen berühren, weil die Erreger des Coronavirus über die Schleimhäute von Mund, Nase oder Augen in den Körper eindringen und eine Infektion auslösen können
  • Ein bis zwei Meter Abstand zu Menschen halten, die Infektionssymptome zeigen
  • Schutzmasken und Desinfektionsmittel sind überflüssig – sie können sogar umgekehrt zu Nachlässigkeit in wichtigeren Bereichen führen

Was tun? Die Sozialbehörde kündigt Hilfsprogramme an, geprüft werde, Kapazitäten in Erstaufnahmeeinrichtungen verstärkt für Obdachlose zu nutzen. Die Diakonie will Angebote bündeln, bei „Hinz&Kunzt“ fragen viele Hamburger, wie sie helfen können. „Wir brauchen eine professionelle Corona-Koordinierungsstelle“, sagt Geschäftsführer Jörn Sturm. Kelm sieht den Staat in der Pflicht, mehr für die Obdachlosen zu tun: „Warum werden nicht jetzt leer stehende Hotels als Quartiere genutzt? Es müssen ja keine Luxusherbergen sein.“

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Die Initiative „Schau nicht weg!“ verteilte am Mittwoch die mitgebrachten 500 Stullentüten, 100 Obsttüten, 100 Kilo heißen Pellkartoffeln mit Kräuterquark und 130 Getränkeflaschen statt am Gabenzaun am Altonaer Bahnhof, auf der Reeperbahn und spätabends am Hauptbahnhof. Eine Sprecherin sagt: „Es war erschütternd zu sehen, wie ausgehungert diese Menschen sind. Es gab so viel Dankbarkeit und Tränen.“

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