Coronavirus-Pandemie

Glücklich sein trotz Corona-Krise: Geht das?

Der Direktor der Klinik für Kinder- und Jugend­psychiatrie am Universitätsklinikum Hamburg- Eppendorf (UKE), Michael Schulte-Markwort.

Der Direktor der Klinik für Kinder- und Jugend­psychiatrie am Universitätsklinikum Hamburg- Eppendorf (UKE), Michael Schulte-Markwort.

Foto: HA

Was der UKE-Psychiater Michael Schulte-Markwort uns allen rät – und für wen er sogar große Chancen sieht.

Hamburg. Die Kinder und Jugendlichen, die in diesen Tagen in die Sprechstunde von Psychiater Michael Schulte-Markwort kommen, sind erstaunlicherweise fast erleichtert wenn sie zum Beispiel über ihre Zwangsstörungen sprechen können: „Endlich mal ein anderes Thema als Corona, sagen sie dann“, erzählt der Hamburger Mediziner, der im Moment sehr gefragt ist, wenn es um den richtigen Umgang mit Jugendlichen, Familien und einen Alltag ohne Schule und Kita, dafür aber im Homeoffice geht.

Sein vielleicht wichtigster Rat: „Eltern sollten die Kinder ein einziges Mal sachlich aufklären über das Virus, die eigenen Ängste und Sorgen aber ansonsten von ihnen fernhalten.“ Überhaupt rät er gerade ängstlichen Menschen dazu, sich nicht zu intensiv mit den unzähligen Meldungen zur Epidemie zu beschäftigen: „Die meisten von uns wissen jetzt ausreichend, worum es geht, was sie tun sollten und was lieber nicht. Ich empfehle, sich ein- bis zweimal am Tag auf den neuesten Stand zu bringen, und sonst zu versuchen, den Kopf frei zu kriegen.“

Kein anderes Thema als Corona?

Was schwer genug sei in einer Welt, in der es neben Corona im Moment kein anderes Thema zu geben scheint: „Es ist hysterisch, was gerade passiert, man spürt körperlich, wie gereizt viele Menschen sind.“ Und man könne jetzt verschiedene Notfallmechanismen studieren: Etwa, wenn Menschen auf einmal beginnen, und sei es beim Einkauf im Supermarkt, nur noch an sich selbst zu denken.

„Das wirkt auf andere bedrohlich und erzeugt bei ihnen Angst“, sagt Schulte-Markwort. Dadurch entstünden unter anderem die sogenannten Hamsterkäufe, weil ein Kunde befürchtet, dass der andere ihm nichts mehr übrig lässt, und dann selbst den Einkaufswagen vollpackt, bis es nicht mehr geht: „Dabei ist jetzt Solidarität und Zusammenhalt das Gebot der Stunde.“

Hat der Experte auch eine Erklärung dafür, warum die Deutschen offensichtlich die größte Angst davor haben, kein Klopapier mehr zu bekommen? „Ja, die Italiener hamstern Grappa, die Franzosen Rotwein – und wir Klopapier“, sagt Schulte-Markwort. „Wahrscheinlich steckt dahinter der Wunsch der Deutschen, sich auf keinen Fall schmutzig zu machen, komme, was da wolle.“ Überhaupt sei die Corona-Epidemie nicht nur ein virologisches, sondern auch ein psychologisches Problem, „vielleicht sogar zu 50 Prozent, genau wie das Geschehen an der Börse“.

Corona-Pandemie: Menschen mit Angstzuständen haben die größten Probleme

Deshalb findet der Psychiater es auch schwierig, dass die Kommunikation Medizinern überlassen wird, die sich mit dem Virus an sich vielleicht gut auskennen, aber nicht mit der Art und Weise, wie man Wissen darüber verständlich darstellt: „Vieles, was manche Virologen sagen, ist unverantwortlich. Natürlich darf man Ängste nicht bagatellisieren, aber man darf sie eben auch nicht zusätzlich bedienen.“

Ein Beispiel: Einerseits würden die Experten immer darauf hinweisen, dass die Sterblichkeit bei Corona angesichts der veröffentlichten Zahlen über der einer Influenza („echten Grippe“) liege. Andererseits erklären sie, dass die Dunkelziffer der Infizierten viel höher ist als bekannt, wahrscheinlich um den Faktor acht bis zehn: „Wenn Letzteres stimmt, liegt die Sterblichkeit aber eher in Richtung Promillebereich.“

Die größten Probleme mit der aktuellen Situation hätten Menschen, die auch sonst unter Angstzuständen leiden würden, „sie werden zusätzlich getriggert“. Wer jetzt verstärkt Panikattacken bekäme, solle sich deshalb an einen Experten wenden: „Wir sind ja noch da und stehen für Gespräche zur Verfügung.“

Gute Erfahrungen mit WhatsApp-Beratungen

Übrigens müssten diese nicht immer im persönlichen Kontakt sein, Schulte-Markwort hat schon in den vergangenen Jahren gute Erfahrungen etwa mit WhatsApp-Beratungen oder Telefonaten gemacht: „Wir überschätzen die Wirkung eines 45 Minuten langen Gesprächs“, sagt er, oft könne man mit kürzeren Interventionen genauso viel erreichen. Oder mit einer App: „Es geht auch bei uns viel mehr digital, als man denkt.“

Für den sehr analogen Alltag, dem sich jetzt viele Familien gegenüber sehen, hat der Kinder- und Jugendpsychiater nicht nur gute Ratschläge – er glaubt sogar, dass die erzwungene Pause für Schüler eine Chance sein könnte: „Zu Hause werden sie weniger abgelenkt, können sich ganz auf den Stoff konzentrieren und lernen, sich selbstständig zu organisieren. Das muss nicht schlechter sein als der normale Unterricht.“

Zumal sich die meisten Lehrer wirklich etwas einfallen ließen, den Schülern zum Beispiel Lernpakete zusammenstellten, die die Eltern für sie abholen könnten. Lernen könnten übrigens nicht nur die Kinder, sondern auch Mütter und gerade Väter: „Nutzen Sie die Gelegenheit, und erleben Sie mit, was und wie viel Ihre Kinder in der Schule machen. Jetzt ist die beste Zeit dafür!“

Geregelter Tagesablauf trotz Homeoffice

Grundsätzlich sei es auch im Homeoffice für alle wichtig, einen geregelten Tagesablauf zu haben: „Man sollte jeden Morgen besprechen, wer wann etwas macht, wann die Kinder sich allein beschäftigen sollen und wann die Eltern auf keinen Fall gestört werden wollen.“ Darüber hinaus sei es wichtig, gemeinsame Aktivitäten zu haben – das könne Gartenarbeit genauso wie Kochen oder Backen sein. „Wichtig ist, dass man zusammen etwas schafft, dass jeder in diesen schwierigen Zeiten seinen Beitrag leistet“, sagt Schulte-Markwort. Und: „Wir müssen aufpassen, dass die Quarantäne, ob erzwungen oder selbst verordnet, nicht zu einem Gefängnis wird.“

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