Coronavirus

Arztruf 116117: Erfahrungen eines genervten Verdachtsfalls

| Lesedauer: 7 Minuten
Daniel Herder
Eine Ärztin bei der telefonischen Beratung eines Patienten (Symbolbild): Im Corona-Verdachtsfall benötigen beide Seiten ein dickes Fell.

Eine Ärztin bei der telefonischen Beratung eines Patienten (Symbolbild): Im Corona-Verdachtsfall benötigen beide Seiten ein dickes Fell.

Foto: Imago/McPHOTO

Einmal Warteschleife und zurück: Nach der Rückkehr aus dem Risikogebiet beginnt die Odyssee – am Telefon. Doch es gibt Tricks.

Hamburg. Ja, ich bin ein Verdachtsfall, glasklare Sache. Kurz vor meiner Abreise aus dem Skigebiet in Tirol - bis dahin war nur Südtirol als Risikogebiet gebrandmarkt - gab ich mich gegenüber der Redaktion aufrichtig gelassen. "Komme zurück, freu mich“, schrieb ich. Die Nachfrage, wo ich denn sei und wie es mir ginge, tat ich leicht amüsiert als "Wohl n büschen ängstlich“ ab.

Die Chefetage legte mir aber dringend ans Herz, in den kommenden zwei Wochen zuhause zu arbeiten, was nur eine höfliche Umschreibung war für: Denk‘ nicht mal dran, ins Büro zu kommen!

Fieber und Husten bei den Kindern

Da ging es mir aber noch recht gut, die Nase lief ein wenig, was ja nicht in die Kategorie größter anzunehmender Unfall nach einem Skiurlaub fällt. Außer bei einem Après Ski mit meiner Reisegruppe (jenseits der Party-Zone) hatte ich mich auch nie in einer größeren Menschengruppe getummelt.

Gut, die Kinder haben gefiebert und gehustet. Aber, hey, kleine Kinder husten und fiebern nun mal. Mother Nature. Alles bestens.

Coronavirus: So können Sie sich vor Ansteckung schützen

  • Niesen oder husten Sie am besten in ein Einwegtaschentuch, das Sie danach wegwerfen. Ist keins griffbereit, halten Sie die Armbeuge vor Mund und Nase. Danach: Hände waschen
  • Regelmäßig und gründlich die Hände mit Seife waschen
  • Das Gesicht nicht mit den Händen berühren, weil die Erreger des Coronavirus über die Schleimhäute von Mund, Nase oder Augen in den Körper eindringen und eine Infektion auslösen können
  • Ein bis zwei Meter Abstand zu Menschen halten, die Infektionssymptome zeigen
  • Schutzmasken und Desinfektionsmittel sind überflüssig – sie können sogar umgekehrt zu Nachlässigkeit in wichtigeren Bereichen führen

Reisebus voller schniefender Menschen

Na, irgendwie dann doch nicht. Auf der Rückfahrt am Freitagabend schniefte und hustete sich ein mit sehr jungen Menschen vollgestopfter Reisebus zurück nach Hamburg, und am Sonntag fing es bei mir mit einem Kratzen im Hals und leichtem Husten an.

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Einen Tag später übermannte mich eine unangenehme Mattheit, die am Tag darauf mit leichten Kopfschmerzen zusammenfloss, die einfach nicht vergehen wollten.

Arztruf 116117 - eine Nervenprobe

Nicht ängstlich, aber ein wenig besorgt wählte ich am Montag den Arztruf 116117 - ich ahnte ja nicht, wie sehr ich ihn in den kommenden Stunden verdammen und verfluchen sollte, wie verzweifelt ich an dieser Nummer scheitern sollte.

Dabei hatten die Behörden ausdrücklich geraten: Wer Erkältungsymptome nach der Rückkehr aus einem Risikogebiet zeigt, der solle sich testen lassen. Hat der Bürgermeister gesagt. Oder das Robert-Koch-Institut. Macht dieser Tage aber auch keinen großen Unterschied.

Informationen zum Coronavirus:

Der Trick mit der Wähltaste 1

Es waren wirklich disparate Stunden. Nicht etwa, weil meine Angst auf der nach oben offenen Corona-Skala alle Werte sprengte, sondern weil wirklich jeder Versuch, bei der 116117 durchzukommen, misslang und die Hoffnung auf rasche Hilfe tiefer Hoffnungslosigkeit wich.

Immerhin hatte ich recht schnell den Trick raus, die immergleichen, drei Minuten währenden, dutzendfach gelesenen Handlungsempfehlungen zum Schutz vor dem Virus zu umgehen (einfach nochmal die 1 drücken).

Hausarzt nimmt ab - und fährt weg

Irgendwann gab ich auf, und folgte dem Beispiel einer Kollegin, die auf ebenso hoffnungsloser Mission versucht hatte, über die 116117 einen Corona-Test für ihren fiebernden Sohn zu arrangieren. Die Familie war auch gerade aus einem Skigebiet in Tirol zurückgekehrt.

Ich wählte also die Nummer meines Hausarztes - und erreichte ihn persönlich. Jackpot. Oder auch nicht. Er gehe jetzt in den Urlaub, ich müsse seinen Stellvertreter anrufen.

Anruf beim Stellvertreter, der ausweislich der Sprechstundenhilfe gar nicht Stellvertreter jenes Hausarztes ist. "Kriege ich trotzdem einen Corona-Test", fragte ich. "Leider nur über Ihren Hausarzt, bitte versuchen Sie es über die 116117". Dann ein trauriges Piepen in der Leitung - die 116117 hatte mich zurück.

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Rettungsanker Gesundheitsbehörde

Es folgten weitere Anrufe, die kläglich scheiterten. Immer wieder wurde ich aus der Leitung gekegelt, manchmal hörte ich ein Knistern oder glaubte Gesprächsfetzen zu hören. "Hallo? Hallo? Ist da jemand???", rief ich in den Hörer. Vermutlich wäre die Chance größer, mit Außerirdischen in Kontakt zu treten.

Aber, ha und heureka!, da gibt es doch noch die Gesundheitsbehörde, 040428284000, die hilft bestimmt. Gedacht, gewählt. Am anderen Ende der Leitung: geballtes Fachwissen. Ich erzählte meine Geschichte: Risikogebiet Tirol, Kinder krank, verstärkte Symptome. Wann kommen die Männer in den weißen Anzügen und mit den Teststäbchen?

Naja, sagt der Fachmann, so wie Sie es schildern, würde man mich wohl testen. Aber weil ich ohnehin zuhause bleiben müsse, komme es ja gar nicht darauf an, ob ich jetzt Corona hätte oder nicht. Ansonsten bitte die 116117 anrufen. Spannende Aussagen, dachte ich. Und war langsam wirklich verärgert.

Kurz vor Mitternacht die Teil-Erlösung

Es folgten elf weitere Anrufe, dann um 23.10 Uhr landete ich erstmals in der Warteschleife. Die seichte Musik hatte mich fast in den Schlaf gewiegt, als um 23.39 Uhr eine nette Frau abhob, deren Stimme nicht nur leicht gestresst klang. Ich erzählte ihr meine Odyssee sehr kurz und kompakt.

Die Leute, sagte sie, würden ihnen die Bude einrennen, alle ackerten hier im Akkord. Wieviele Kollegen sie hatte, wollte sie mir nicht sagen. Sie nahm aber meine Daten auf, in den nächsten 36 Stunden würde jemand vorbeikommen und einen Abstrich machen.

Weil die Technik nicht immer rund liefe, könne ich ja "bei Langeweile" am nächsten Tag mal durchrufen und fragen, ob auch wirklich alles klappt. Ich sollte mich also für eine vage Rückfrage noch einmal dieser Telefon-Tortur aussetzen, "mal durchrufen". Ernsthaft?

Da mussten wir beide lachen.

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