Hamburg

Corona-Tagebuch: Wenn eine Stadt dichtmacht

| Lesedauer: 9 Minuten
In der Europa Passage sind die Geschäfte am Dienstag geschlossen, nur die Restaurants und Coffeeshops haben noch geöffnet.

In der Europa Passage sind die Geschäfte am Dienstag geschlossen, nur die Restaurants und Coffeeshops haben noch geöffnet.

Foto: Marcelo Hernandez

Dritter Teil: So unterschiedlich reagieren Menschen – Beobachtungen zwischen Einkaufsstraßen, Märkten und Joggingstrecken.

Es ist ein Gefühl wie am Sonntag, wenn die Geschäfte ohnehin geschlossen haben, aber mit dem mulmigen Gefühl, das man noch von G 20 kennt: Die Läden in der City sind zu, es sind nur wenige Passanten unterwegs und kaum Autos auf den Straßen in der Innenstadt. Für Fahrradfahrer ist das sehr angenehm, aber freuen kann man sich in diesen Tagen darüber nicht so recht. Die Türen zur Europa Passage sind zwar geöffnet, immer wieder gehen Menschen rein und raus, aber die Läden sind dicht, nur Gas­tronomie ist noch erlaubt. Und es sind viele Streifenwagen der Polizei zu sehen. An den Colonnaden sollen Beamte dafür gesorgt haben, dass auch die letzten Geschäfte zumachen. In den HVV-Bussen sitzen viel weniger Menschen als sonst auf dem Weg in die Innenstadt, selbst der Bus der Linie 5, sonst proppenvoll, ist leer. Die, die in die Stadt fahren, haben die Schließungen der Geschäfte vermutlich noch nicht mitbekommen. Oder sie sind neugierig auf dieses andere Hamburg-Gefühl. (Geneviève Wood)


Sind das italienische Verhältnisse?
Am Abend kam die Allgemeinverfügung des Senats, die nicht lebensnotwendigen Geschäfte zu schließen. Wer nun durch den Westen der Stadt bummelt, wundert sich dann doch – der Änderungsschneider hat geöffnet, der Buchladen ohnehin, der Optiker öffnet ebenso wie die Wäscherei. Weinläden halten sich ohnehin für Getränkemärkte, zumal im Netz auch die Falschmeldung kursiert, das Corona-Virus sei alkoholsensibel. Die Hamburger, die sich aus dem Homeoffice gestohlen haben, kaufen eifrig ein. Virologen werden es anders sehen. Aber ich gönne es den in ihrer Existenz bedrohten Einzelhändlern von Herzen. Während der deutsche Handel jeden Tag Verluste von 1,15 Milliarden Euro schreibt, hat Amazon nun 100.000 neue Jobs in Aussicht gestellt. Das Coronavirus ist lebensgefährlich, für unsere Einkaufsstraßen wahrscheinlich sogar tödlich. Falls Bundesfinanzminister Olaf Scholz eine ruhige Minute findet: Wir brauchen dringend eine Liefersteuer ... (Matthias Iken)


Homeoffice klingt ganz lauschig,
bis vor wenigen Tagen galt es gar als Krone der Arbeitnehmerrechte. Aus grauer Städte Büromauern ins gemütliche Heim, so sah für viele die Zukunft aus. Nun ist sie da, und schon sehnt man sich nach der guten alten Zeit zurück. Für alle Beteiligten ist die Umstellung eine extreme Herausforderung – vor allem, wenn noch ein paar süße Kinder um diese Heimarbeitsplätze herumhopsen, über Stecker stolpern und Apfelschorle über die Unterlagen gießen. Und nun dürfen die Eltern zwischen Videoschalte und E-Mail-Kommunikation noch eben nebenbei die Kinder beschulen. Unser Wohnzimmer ist zur Dorfschule geworden, inklusive Tafel, die aus dem Kinderzimmer umgezogen ist. Drei Schüler, zwei Gymnasiasten und eine Grundschülerin mit wechselnder Motivation, wechselnden Stoffen, wechselnden Stimmungen – sage keiner, das Leben eines Lehrers sei leicht (zumindest in normalen Zeiten). Ich muss an die Witz-App denken, die am Wochenende tausendfach versendet wurde: „Empfohlener Notvorrat nach Bekanntwerdung der Schul- und Kitaschließung: 4 Packungen Ohropax, 3000 Bügelperlen, Schnapspralinen für die Nachbarn und für Mama, 2000-Teile-Puzzle, Netflix-Abo, fünf Kisten Wein, folgende Bücher: ,Erziehung ohne Gewalt‘, ,An Familienkrisen wachsen‘ und ,Herzinfarkt – die Gefahr früh erkennen‘.“ Noch lachen wir. (Matthias Iken)



Das Wort „gespenstisch“ hört man so oft in diesen Tagen. Auf die Atmosphäre in Hoheluft passt das nicht. Seit Tagen ist die Flaniermeile am Isebekkanal gut frequentiert. Obwohl man sagen muss: Am Dienstagvormittag waren immerhin etwas weniger Menschen unterwegs als an den Tagen davor. Dennoch bleibt festzuhalten, dass neben Kita-Unbehausten vor allem Leibesertüchtigende in stattlicher Zahl vor die Haustür gingen. Flexible Heimbüroarbeitszeiten animierten also zum Joggen: Fitnessstudios haben zu, und wer rennt, stärkt sein Immunsystem und zeigt sich und der Welt: Ich bin fit. Einer trägt einen Sportpulli mit dem Schriftzug „Closed“, aber solange sich das noch nicht auf die Trimm-dich-Pfade Hamburgs bezieht, kann einem die Nervbratze Corona scheinbar nichts anhaben. (Thomas Andre)


Klopapier sollten alle nun ausreichend daheim haben. Was jetzt knapp wird, sind Windeln. Zumindest in den Drogerien Eimsbullerbüs. Auf den Ladeflächen der Kinderwagen, die hier durch die Straßen geschoben werden, türmen sich die Pakete mit extra saugstarken Modellen. Auch bei der Pre-Milch herrscht teilweise schon Leere im Regal. Dafür sind die Kassiererinnen umso freundlicher, obwohl sie an vorderster Front stehen. Auch die Frage nach der Payback-Karte ist noch nicht eingestellt. (Jule Bleyer)

Coronavirus: So können Sie sich vor Ansteckung schützen

  • Niesen oder husten Sie am besten in ein Einwegtaschentuch, das Sie danach wegwerfen. Ist keins griffbereit, halten Sie die Armbeuge vor Mund und Nase. Danach: Händewaschen
  • Regelmäßig und gründlich die Hände mit Seife waschen
  • Das Gesicht nicht mit den Händen berühren, weil die Erreger des Coronavirus über die Schleimhäute von Mund, Nase oder Augen in den Körper eindringen und eine Infektion auslösen können
  • Ein bis zwei Meter Abstand zu Menschen halten, die Infektionssymptome zeigen
  • Schutzmasken und Desinfektionsmittel sind überflüssig – sie können sogar umgekehrt zu Nachlässigkeit in wichtigeren Bereichen führen


Not macht erfinderisch. Auf dem Isemarkt (heute genauso voll wie immer) stechen vier Verkäufer hervor, die knallgrünen Mundschutz tragen. Selbst gebastelt. „Meine Mutter hat das ganze Wochenende genäht“, sagt Malte Jahn. Er hat einen Stand für Salat und frische Kräuter, seine Mitarbeiter und er tragen den Mundschutz, „weil wir eine Verantwortung haben in Zeiten von Corona!“. Da es nirgendwo mehr Schutzmasken zu kaufen gab, griff seine Mutter zu doppellagigem Baumwollstoff, nähte ihn zusammen und klebte jeweils zwei Slipeinlagen in die Innenseite. Ein Arzt habe gesagt, das würde funktionieren. Die Slipeinlagen tauschen sie regelmäßig aus, es handelt sich also auch noch um eine wiederverwertbare Schutzmaske. „Und guck mal, diese ist mit Jasminduft, wir haben also Variationen.“ (Yvonne Weiß)


Unten auf der Straße fährt ein Kleintransporter vorbei, in knallbunten Buchstaben steht Livotto drauf. Er verlangsamt, gibt dann aber doch wieder Gas und fährt weiter. Schade, dass er nicht anhält und bimmelt. Man hätte selbst bei acht Grad Lust gehabt, nach unten zu laufen und sich ein, zwei Kugeln in die Knuspertüte geben zu lassen. Obwohl es doch heißt, die besten Eismacher kämen aus … Wie auch immer: Die Saison hat begonnen, und hoffentlich fällt der Eiswagen nicht unter die verkündeten Geschäftsschließungen, sondern kommt in den nächsten Wochen so regelmäßig wie immer. Da ist was, das ist wie jedes Jahr Mitte März. Und das will in diesen Tagen ja schon was heißen. (Heiner Schmidt)

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Wenn man ohnehin in häuslicher Quarantäne lebt, geht völlig an einem vorbei, wie die Stadt langsam zum Erliegen kommt. Langsam bekommen wir etwas Routine darin, nicht rauszukönnen. Aber wir werden bestens versorgt. Abwechselnd kaufen Freunde (von uns oder den Kindern) für uns frische Lebensmittel ein. Den Hamsterkäufern von Nudeln und Dosengerichten sei gesagt: Wenn man nicht einkaufen gehen kann, hat man auf nichts so sehr unbändigen Appetit wie auf frisches Obst und Gemüse. Die Einkäufe werden stets vor unserer Tür abgestellt, das Geld überweisen wir per PayPal – bargeldlos und virenfrei. Eine Herausforderung ist der Weg zum Mülleimer. Wir ziehen Handschuhe an, um die Klappe zu öffnen. Die Vorsicht – aus Rücksicht auf unsere Nachbarn – haben wir verinnerlicht. (Elisabeth Jessen)

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CORONA-TAGEBUCH TEIL 1

CORONA-TAGEBUCH TEIL 2


Wie unterschiedlich die Menschen auf das unsichtbare und doch allgegenwärtige Virus reagieren, lässt sich allüberall in der Stadt bestaunen. Erstmals seit meiner China-Reise sehe ich Menschen, die mit Atemmasken durch die Straßen schlendern – sie tragen die Panik im Gesicht. Andere schlagen alle guten Ratschläge in den Wind oder haben in der Schule bei den metrischen Einheiten geschlafen. Zwei Meter sind das Zehnfache von den zwei Dezimetern, die gerade die jungen Leute mit dem Kaffee in der Ottenser Hauptstraße für ausreichend halten. Währenddessen schlendert ein Handwerker vorbei, der in sein Telefon ruft „Ich mache jetzt richtig Schulden, bald sind wir doch eh alle tot“ und lacht. Auch der Humor fällt unterschiedlich aus. (Matthias Iken)

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