Hamburg

Corona: Peter Tschentscher rechnet mit sehr viel mehr Fällen

| Lesedauer: 11 Minuten
Ulrich Gaßdorf, Christoph Heinemann, Juliane Lauterbach, Jens Meyer-Wellmann, Geneviève Wood

Corona in Hamburg: Tschentscher über eine Ausgangssperre

Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) sprach bei einer Pressekonferenz über die Situation der am Coronavirus infizierten Menschen in Hamburg.

Beschreibung anzeigen

Zugleich versuchte Hamburgs Bürgermeister, die Menschen zu beruhigen: „Man muss keine Angst haben." Supermärkte schlagen Alarm.

Hamburg. Das Coronavirus ist auch in Hamburg das Thema Nummer eins. Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) rechnet mit „sehr viel mehr“ Corona-Erkrankungsfällen in den nächsten Tagen in Hamburg. Darauf müsse man sich einstellen. Zugleich beruhigte er die Bürger bei einer im Netz übertragenen Pressekonferenz am Dienstag im Rathaus. „Man muss keine Angst haben“, sagte Tschentscher. „Wir sind in der Lage diejenigen, die infiziert werden und vielleicht erkranken, medizinisch zu behandeln.“ Hamburg habe „sehr, sehr große Schritte unternommen“, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Man könne die Epidemie aber nicht vollständig stoppen.

Am Dienstag meldete die Gesundheitsbehörde 52 bekannte neue Corona-Fälle als am Montag. Die Gesamtzahl wuchs damit von 260 auf 312, was einem Anstieg von 20 Prozent binnen eines Tages entspricht.

Corona: Ausgangssperren nicht ausgeschlossen

„Wir werden viele Erkrankungsfälle haben und das ist etwas, das auch notwendig ist“, machte Tschentscher klar. „Das wirksamste Mittel gegen das Virus ist unser Immunsystem selbst. Das hat aber bisher keine Gelegenheit gehabt, gegen dieses Virus zu wirken und sich darauf einzustellen. Da wir keine Impfung haben, können wir auch nicht nachhelfen. Deswegen ist die wichtigste Maßnahme, dass wir den Immunsystemen der Bürgerinnen und Bürger die Gelegenheit geben, sich aufzustellen gegen das Virus. Aber das wie in einem Wellenbrecher nicht mit voller Wucht zum gleichen Zeitpunkt, sondern über einen gestreckten Zeitraum. Dadurch kommen wir in die Lage, dass wir weitergehende Maßnahmen möglicherweise nicht benötigen.“ Derzeit seien keine Ausgangssperren geplant, so der Bürgermeister. „Wir können aber nicht sagen, ob es morgen oder übermorgen weiterer Maßnahmen bedarf.“

Tschentscher wies darauf hin, dass es aus seiner Sicht nicht sinnvoll sei, dass sich jetzt 1,8 Millionen Menschen in Hamburg auf das Virus testen ließen. Das würde einerseits die Testkapazitäten überfordern. Zum anderen sei ein Test nicht zu jedem Zeitpunkt sinnvoll, da dieser Test erst einige Tage nach der Infektion positiv würden.

Corona: Ausweitung der Testmöglichkeiten in Hamburg

Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) kündigte eine Ausweitung der Testmöglichkeiten an. So solle es für Mitarbeiter von wichtigen Einrichtungen wie etwa Polizei, Feuerwehr oder dem Gesundheitswesen, die sich in häuslicher Isolation befinden, mobile Testteams geben. Diese könnten sich dann bereits nach rund fünf Tagen testen lassen, damit sie bei negativer Testung ihre Arbeit wieder aufnehmen könnten. Außerdem seien Testzentren vor sieben Hamburger Kliniken geplant, dazu würden Gespräche geführt. Hamburg wolle auch seine Kapazitäten für Intensivpatienten ausbauen, so Prüfer-Storcks. Um das zu tun, brauche man zusätzlich Beatmungsgeräte, die der Bund bereits zugesagt habe. Die Lieferung dieser Geräte sei derzeit der „Flaschenhals“ beim Ausbau der Kapazitäten.

Um die zuletzt überlastete Hotline des Arztrufs unter der Nummer 116117 zu stärken, soll diese mit mehr Personal gestärkt werden. Zudem riefen Tschentscher und Prüfer-Storcks die Hamburger dazu auf, nur bei dieser Nummer anzurufen, wenn sie wirklich Symptome hätten und in einem Risikogebiet gewesen sind oder Kontakt zu infizierten Personen gehabt hätten. Die Hotline solle für Menschen freigehalten werden, die wirklich einen Test benötigten. Es habe leider Fälle gegeben, in denen Menschen Symptome nur angegeben hätten, die sie gar nicht hatten, wie sich später herausstellte. Allgemeine Fragen zum Coronavirus würden unter der Hotline 040 428284-000 beantwortet, so die Gesundheitssenatorin. Diese sei 24 Stunden an 7 Tagen erreichbar.

Coronavirus: Polizei Hamburg kontrollierten Kneipen

Tschentscher forderte die Hamburger auf, sich an die derzeit gültigen Regelungen zu halten. „Wir werden kontrollieren und ggfs. sanktionieren“, so der Bürgermeister. Wie eine Sprecherin der Innenbehörde bestätige, ist die Polizei bereits seit Montagabend um 19 Uhr offiziell im Einsatz, um „in Amtshilfe“ die Schließung von Gastronomiebetrieben und Geschäften durchzusetzen. Beamte fuhren dabei auch etwa Kneipen wie den „Elbschlosskeller“ auf St. Pauli an und forderten die Betreiber auf, die Etablissements zu schließen. In Senatskreisen heißt es, man sei zufrieden damit, wie die Betroffenen sich bereits ohne Nachdruck an die neuen Vorgaben hielten. Es sei demnach nicht geplant, Polizisten an „verbotenen Orten“ gesondert Streife gehen zu lassen. Man werde jedoch „anlassbezogen“ reagieren. Bei Zuwiderhandlungen gegen die sogenannte Allgemeinverfügung drohen hohe Geldstrafen, im Extremfall sogar bis zu fünf Jahre Gefängnis.

Hamburgs Krankenpfleger und –pflegerinnen haben derweil gefordert, in Hamburg schnell Coronavirus-Testzentren einzurichten. „Wir schauen auf Italien, und wir wissen, mit welcher Wucht uns die Pandemiewelle treffen wird“, sagt Karl-Heinz Fernau, Krankenpfleger und ein Vertreter Hamburger Krankenhausbewegung, einem Zusammenschluss der Gesundheits- und Krankenpfleger. Fernau und seine Kollegen machen in einem dringlichen Appell darauf aufmerksam, dass vorausschauendes Handeln derzeit fehle und wichtig sei, um eine Situation wie in Italien zu verhindern. Dort sind die Krankenhäuser durch Coronapatienten überlastet. „Die Möglichkeit zu massenhaften Tests ist ein entscheidendes Mittel zur Senkung der Infektionsrate“, sagt Karl-Heinz Fernau. Aber noch immer kämen Menschen in die Notaufnahmen, die drohen, „unter dem Ansturm einfach zusammenzubrechen“. Selbst Krankenhausmitarbeiter würden derzeit nicht immer getestet.

Supermärkte in Hamburg fordern Verhaltenskodex für Kunden

Der selbst organisierte Zusammenschluss aus Beschäftigten verschiedener Berufsgruppen in Hamburger Krankenhäusern appellierte eindringlich an die Hamburger, sämtliche Maßnahmen zur Eindämmung des neuartigen Coronavirus ernst zu nehmen. Derzeit seien die Hamburger Krankenhäuser von den Intensiv-Kapazitäten her nicht auf eine Entwicklung wie in Norditalien vorbereitet – nicht wegen der technischen Kapazitäten, sondern wegen des Personalmangels, „den wir seit Jahren anprangern, aber die Politik macht nichts dagegen“, so Karl-Heinz Fernau.

Coronavirus: So schützen Sie sich vor Ansteckung

  • Niesen oder husten Sie am besten in ein Einwegtaschentuch, das Sie danach wegwerfen. Ist keins griffbereit, halten Sie die Armbeuge vor Mund und Nase. Danach: Hände waschen
  • Regelmäßig und gründlich die Hände mit Seife waschen
  • Das Gesicht nicht mit den Händen berühren, weil die Erreger des Coronavirus über die Schleimhäute von Mund, Nase oder Augen in den Körper eindringen und eine Infektion auslösen können
  • Ein bis zwei Meter Abstand zu anderen Menschen halten
  • Schutzmasken und Desinfektionsmittel sind überflüssig – sie können sogar umgekehrt zu Nachlässigkeit in wichtigeren Bereichen führen

Derweil warnten Supermarkt-Betreiber davor, dass überfüllte Lebensmittelläden zu neuen Übertragungen führen könnten. „Bitte kommt nicht in Gruppen zum Einkaufen, sondern wenn es irgendwie geht allein!“, appellierte Edeka Niemerszein-Geschäftsführer Frank Ebrecht an seine Kunden. Besonders in der Filiale an der Osterstraße seien derzeit oft so viele Menschen zwischen den Regalen unterwegs, dass gebotene Sicherheitsabstände nicht mehr gewährleistet werden könnten.

Weiter fordert der Geschäftsführer von neun Filialen in Hamburg mehr Klarheit von der Politik. „Für andere Bereiche des öffentlichen Lebens gibt es klare Regeln. Aber wir brauchen nicht nur Verbote, sondern auch Gebote für die Geschäfte, die noch geöffnet sind, sowie eine Art Verhaltenskodex für unsere Kunden.“ In Kürze soll ein Plakat die Kunden in den Filialen darauf hinweisen, dass Gruppen-Einkäufe vermieden werden sollen. Auch Sicherheitspersonal wurde bereits engagiert, um im Zweifel reagieren zu können, wenn es zu voll werden sollte.

Coronavirus: Spielzeugladen öffnet auf Klopfzeichen an der Tür

In der Osterstraße in Eimsbüttel wussten unterdessen am Dienstag längst nicht alle überhaupt von den großflächigen Ladenschließungen. „Uns hat weder erreicht, dass die anderen Geschäfte schon heute zu machen, noch das wir wohl auch weiterhin öffnen dürfen“, sagte eine Mitarbeiterin vom Friseursalon "Hair Express" am Heußweg. Es kämen aber ohnehin kaum noch Kunden. „Es ist hier ja auch gar nicht ohne eine gewisse Nähe zueinander möglich. Das schreckt schon viele ab“, so die Mitarbeiterin. Die Passanten strömten fast alle nur in die Supermärkte und Drogerien. Auch in der "Schuhkay"-Filiale gab es jedoch Warteschlangen und viel Betrieb – "Jetzt 50 Prozent auf alles", steht auf eilig aufgestellten Schildern. Man rechne mit einer längeren Schließungszeit, heißt es hier.

Der Spielwarenladen "Spielplatz" hat bereits die Türen dicht gemacht – aber versucht den Betrieb aufrechtzuerhalten. "Viele Eltern haben uns zu verstehen gegeben, dass unser Angebot gerade jetzt von großer Bedeutung ist. Und wie gerne wären wir jetzt für sie da", steht auf Zetteln im Schaufenster. Deshalb liefere man nach Möglichkeit etwa Gesellschaftsspiele und Kinderhörspiele aus, "solange wir uns noch draußen bewegen dürfen".

Coronavirus: Das könnte Sie auch interessieren:

Die Mitarbeiterinnen sind noch im Geschäft, öffnen auf ein Klopfzeichen die Tür und geben einzelne Spielzeuge heraus – allerdings nur gegen Kartenzahlung. Wer bei der Bäckerei "Junge" um die Ecke noch mit Bargeld zahlt, muss danach seine Kontaktangaben in eine behördliche Liste eintragen, um im Falle einer Infektion zurück verfolgbar zu sein. Einige Modegeschäfte an der Osterstraße haben noch regulär geöffnet, aber praktisch keine Kundschaft. "Ich weiß, dass ich den Laden eigentlich schon abschließen muss", sagt eine Verkäuferin. "Aber ich warte noch auf ein Signal von oben". Sie meint die Geschäftsführung.

Hamburger Hotels schließen wegen des Coronavirus'

Die Auswirkungen der Corona-Krise werden derweil auch für die Hamburger Hotellerie immer dramatischer. Das Luxushotel Le Méridien an der Außenalster hat bereits am Dienstag den Betrieb komplett eingestellt. Zunächst soll die Nobelherberge, die 285 Zimmer und Suiten hat, bis Ende April geschlossen bleiben. Für die 160 Mitarbeiter wird Kurzarbeit angemeldet.

„Vor dem Hintergrund der weltweiten Entwicklung der Corona-Pandemie mussten wir uns aufgrund des zunehmenden behördlichen Drucks dazu entschließen, das Le Méridien Hamburg und seine gastronomischen Betriebe vorübergehend zu schließen“, sagte Direktor Anton Birnbaum dem Abendblatt. Birnbaum sagte weiter. „Als passionierte Hoteliers tragen wir für das Wohl der Menschen eine große Verantwortung und kommen unserer Fürsorgepflicht gegenüber Mitarbeitern, Gästen und Lieferanten nach.“ Privatreisende dürfen in Hamburg nicht mehr beherbergt werden. Das Le Méridien ist kein Einzelfall. Nach Abendblatt-Informationen werden am Freitag auch das The Westin in der Elbphilharmonie und das Marriott Hotel an der ABC-Straße schließen. Das Hotel Michaelishof in der Katholischen Akademie am Herrengraben hat seit heute geschlossen.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Hamburg