Corona-Krise in Hamburg

Beschränkungen für Läden, Restaurants und Spielplätze

| Lesedauer: 9 Minuten
Jens Meyer-Wellmann, Christoph Rybarczyk, Andreas Dey und Jule Bleyer
Verwaiste Spielgeräte und keine Kinder in Sicht: So wie an der Grundschule Knauerstraße sah es am Montagvormittag­ an allen Hamburger Schulen und Kitas aus.

Verwaiste Spielgeräte und keine Kinder in Sicht: So wie an der Grundschule Knauerstraße sah es am Montagvormittag­ an allen Hamburger Schulen und Kitas aus.

Foto: Michael Rauhe

Erster Corona-Toter in Hamburg. Jetzt 260 Infizierte. Gaststätten müssen um 18 Uhr schließen. Gespenstische Stille an Kitas.

Hamburg.  Die Corona-Pandemie hat nun auch in Hamburg das erste Todesopfer gefordert. Ein bereits am Freitag im Hospiz Alstertal verstorbener 76-Jähriger wurde nach seinem Tod positiv auf das Virus getestet. Es sei nicht klar, ob die Infektion die Ursache des Todes gewesen sei, so die Gesundheitsbehörde.

Die Zahl der Infektionen ist am Montag um 64 auf 260 Fälle gestiegen – was einem Zuwachs um 33 Prozent binnen eines Tages entspricht. Der Senat rechnet wegen der vielen Ferienrückkehrer aus Risikogebieten mit „einem weiteren, deutlichen Anstieg“. Der Chefarzt am Marienkrankenhaus, Dr. Michael Wünning, zeigte sich entsetzt über die Sorg­losigkeit vieler Hamburger: „Ich habe das Gefühl, dass die Ernsthaftigkeit der Lage nicht bei allen angekommen ist.“

Klagen über die Corona-Telefon-Hotline

Derweil häuften sich die Klagen, dass die vom Senat genannte Telefon-Hotline 116 117 kaum erreichbar sei. Der Senat verwies darauf, dass die Hotline in Zuständigkeit der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) liege und kündigte Gespräche über Verbesserungen an. Auf Fieberkontrollen von Fernreisenden auf Flughafen und Bahnhöfen wie in Asien soll weiter verzichtet werden. Allerdings prüft Hamburg die Möglichkeit vereinfachter Testverfahren, etwa „Drive-in-Testung bzw. andere mobile Lösungen“.

Unterdessen haben Bund und Länder sich auf weitere Einschränkungen geeinigt. Der Einzelhandel wird geschlossen. Öffnen dürfen ab heute nur noch Läden für Lebensmittel, Wochenmärkte, Abhol- und Lieferdienste, Getränkemärkte, Apotheken, Sanitätshäuser, Drogerien, Tankstellen, Banken, Poststellen, Friseure, Reinigungen, Waschsalons, Zeitungsverkauf, Bau-, Gartenbau- und Tierbedarfsmärkte sowie der Großhandel. Das Sonntagsverkaufsverbot ist für diese Bereiche vorerst aufgehoben. Restaurants dürfen nur noch von 6 bis 18 Uhr geöffnet werden. Auflagen wie die 1,5-Meter-Abstandsregel gelten weiter.

Übernachtungsangebote sind nur noch „zu notwendigen und ausdrücklich nicht zu touristischen Zwecken zulässig“. Das bringe es auch mit sich, „dass es keine Urlaubsreisen ins In- und auch keine ins Ausland geben soll“, sagte Kanzlerin Angela Merkel (CDU). Ausdrücklich verboten werden zudem Reisebusreisen. Zusammenkünfte in Kirchen, Moscheen, Synagogen oder von anderen Glaubensgemeinschaften sind untersagt – ebenso wie die Nutzung von Kinderspielplätzen.

Gespenstische Stille an Kitas und Schulen

Dort, wo sonst die Geräusche spielender und tobender Kinder ganze Stadtteile erfüllen, herrschte am Montagmorgen gespenstische Stille. Am ersten Tag der Corona-bedingten Zwangsauszeit für Schulen und Kindergärten haben nur 0,35 Prozent der Eltern von Schulkindern und deutlich weniger als zehn Prozent der Kita-Eltern die angebotene Notfall-Betreuung in Anspruch genommen – ganz im Sinne des Senats, der dazu aufgerufen hatte, dies nur zu nutzen, wenn sich der Alltag gar nicht anders organisieren lässt.

Vor einer Kita im Hamburger Süden, in die kein Kind zur Notbetreuung gebracht wurde, standen am Morgen Mitarbeiter und rätselten, wie sie die kommenden zwei Wochen verbringen sollen - so lange dauert die Einstellung des Regelbetriebs mindestens an. Mit Putzen und Aufräumen sei man ja nach einigen Tagen durch. Und dann? Überstunden abbummeln? Zwangsurlaub?

Coronavirus: So können Sie sich vor Ansteckung schützen

  • Niesen oder husten Sie am besten in ein Einwegtaschentuch, das Sie danach wegwerfen. Ist keins griffbereit, halten Sie die Armbeuge vor Mund und Nase. Danach: Händewaschen
  • Regelmäßig und gründlich die Hände mit Seife waschen
  • Das Gesicht nicht mit den Händen berühren, weil die Erreger des Coronavirus über die Schleimhäute von Mund, Nase oder Augen in den Körper eindringen und eine Infektion auslösen können
  • Ein bis zwei Meter Abstand zu Menschen halten, die Infektionssymptome zeigen
  • Schutzmasken und Desinfektionsmittel sind überflüssig – sie können sogar umgekehrt zu Nachlässigkeit in wichtigeren Bereichen führen

„Dies wird in erster Linie durch die Träger zu klären sein, die unternehmerisch im Rahmen des Gutscheinsystems tätig sind“, sagte Martin Helfrich, Sprecher der Sozialbehörde. Die Behörde werde mit den Trägern das Gespräch suchen, um „möglichst für alle Seiten angemessene Lösungen zu finden“.

Auch an der benachbarten Grundschule ist weit und breit kein Kind zu sehen. Am Tor hängt, wie vor allen Hamburger Schulen, ein Schild der Schulbehörde mit der Frage: „Habt Ihr / Haben Sie die Ferien in Italien/Südtirol verbracht? Oder in einem anderem Corona-Risikogebiet? Dann ist das Betreten des Schulgeländes zunächst verboten! Es gilt eine Quarantäne (häusliche Isolation) für alle Rückkehrer aus Corona-Risiko-Gebieten.“

Schüler werden mit Unterrichtsmaterial versorgt

Auf dem Lehrer-Parkplatz stehen Autos und deuten auf die Anwesenheit von Pädagogen hin. Die waren alle gehalten, am Montag zunächst in die Schulen zu kommen und Pläne auszuarbeiten, wie die Schüler zu Hause mit Aufgaben versorgt werden können.

„Nach den bislang vorliegenden Rückmeldungen aus den staatlichen Schulen sind heute weniger als 700 Schülerinnen und Schüler zur Betreuung an die 192 eigenständigen Grundschulen, 58 Stadtteilschulen und 61 Gymnasien gekommen“, teilte Schulbehördensprecher Peter Albrecht am Nachmittag mit. Das seien nur 0,35 Prozent der rund 200.000 Schüler an den staatlichen Schulen, deutlich weniger als erwartet. „Die Schulbehörde war von einer Betreuungsquote von rund 20 Prozent ausgegangen“, so Albrecht. Angaben für die Privatschulen konnte er nicht machen. „Wir rechnen aber damit, dass der Bedarf täglich variieren wird, die Anzahl der betreuten Schüler durchaus auch wieder steigen kann.“

Die Schulen seien dieser Tage damit beschäftigt, die Schüler mit Unterrichtsmaterial zu versorgen, so der Behördensprecher. „Das kann über digitale Lernplattformen, Messenger, E-Mails oder auch die Abholung von Material an Schulen passieren, je nach Schulform und Schulstufe sowie Ausstattung der Schulen.“ Die konkreten Wege der Kommunikation zwischen Lehrkräften und Schülern könnten je nach Schule, Schulform, Stufe und Fach variieren: Viele Schulen setzten auf „digitale Klassenzimmer“, bei denen auch direkter Austausch möglich ist. Andere Schulen bereiteten Material vor, das abgeholt werden könne.

Zugangsprobleme und Netzüberlastungen

Berichte aus Schulkreisen, wonach sämtliche digitalen Lernplattformen wie Eduport am Montag unter dem Ansturm zusammengebrochen seien, konnte Albrecht­ nicht bestätigen. Wenn es Probleme gegeben haben sollte, liege das nicht an den digitalen Lernplattformen, sondern an allgemeinen Zugangsproblemen und Netzüberlastungen.

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In den mehr als 1100 Kitas wurden nach Erkenntnissen der Sozialbehörde weniger als zehn Prozent der üblicherweise 90.000 Kinder betreut – obwohl bis auf wenige Ausnahmen alle Kitas eine Notbetreuung angeboten hatten. Diejenigen, die darauf verzichtet hatten, hätten sich im Vorwege „darauf verständigt, dass für keine der Eltern eine Notbetreuung erforderlich ist“, so Behördensprecher Martin Helfrich. Keine Kita habe wegen eines Corona-Falls oder -Verdachts geschlossen bleiben müssen.

Bei den städtischen Elbkindern, Hamburgs größtem Kita-Betreiber, der normalerweise mehr als 23.000 Mädchen und Jungen in rund 180 Kindertagesstätten betreut, seien am Montag nur 774 Kinder erschienen, so eine Sprecherin. Das entspreche einer Quote von etwa 3,3 Prozent. Im Dienst seien 3154 von regulär 4382 Mitarbeitern gewesen. 204 Mitarbeiter seien derzeit freigestellt, weil sie aus Risikogebieten zurückgekehrt waren. „Die anderen haben regulär Urlaub oder sind aus anderen Gründen, die nicht mit dem Corona-Virus zusammenhängen, nicht in der Kita.“ Bislang gebe es bei den Elbkindern noch keinen bestätigten Corona-Fall.

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In den SterniPark-Kitas wurden 75 Kinder betreut, von sonst 2500. „Wir haben sehr verständnisvolle Eltern“, sagt Geschäftsführerin Leila Moysich. Da an vier der 19 Standorte gar keine Kinder abgegeben wurden und an anderen teilweise nur sehr wenige, werde man jetzt die Betreuung teilweise zusammenlegen und nur noch acht Häuser öffnen. Um die Eltern, die ihre Kinder zu Hause betreuen, zu unterstützen, seien Erzieher gerade dabei, Mails mit Spielideen zu verschicken. Dazu gebe es Anregungen, womit das jeweilige Kind sich in der Kita gerne beschäftigt.

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