Corona-Tagebuch Teil 2

Corona: Das Virus macht uns hypersensibel

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Matthias Iken
Corona-Leere in der Großen Freiheit auf St. Pauli

Corona-Leere in der Großen Freiheit auf St. Pauli

Foto: dpa

Wie schön so ein Stau sein kann! Wie wunderbar, auf der Baustelle wird gearbeitet! Aufzeichnungen aus einer verunsicherten Stadt.

Hamburg. Sonntagabend auf dem Kiez brennen noch ein paar Lichter. Der helle Neonschein mancher Lichtreklamen ist das Einzige, was ist wie immer. Oder muss es heißen wie früher? Kaum ein Mensch ist unterwegs, die Läden nicht nur geschlossen, sondern auch heruntergelassen. Um 17.01 Uhr hatte der Senat per Allgemeinverfügung sämtliche Bars und Musikclubs, Bordelle, Tanz- und Nachtlokale, Spielhallen und Casinos geschlossen. Das Herz von St. Pauli, es hat ausgesetzt.

Sonntagabend bei Anne Will. Eines ist sicher: Noch nach dem Weltuntergang dürfte das deutsche Talkshowfernsehen kontrovers über die apokalyptischen Reiter streiten, meckern, keifen. Corona ist kein Weltuntergang, es ist nur ein Virus. Trotzdem wird gestritten, wenn auch etwas ruhiger, in Moll. Das Studiopublikum fehlt. Endlich hört Deutschland, wie Greta es immer gefordert hat, auf die Wissenschaft.

Der Virologe Alexander Kekulé, binnen Tagen wie Christian Drosten von der Charité zum Star avanciert, sagt zu einer möglichen Ausgangssperre: „Die ganze Republik jetzt in die Bude einzusperren, dafür gibt es keine medizinische Indikation.“ Und noch ein Satz hallt nach. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) spricht von der „ernstesten Situation in den letzten 70 Jahren unseres Landes“.

Puh. Da fällt einem wieder ein: Österreich hat Sebastian Kurz, Frankreich Emmanuel Macron. Und wen haben wir? Wir haben Schweigen.

Corona macht uns hypersensibel. Der Gang zum Mülleimer war sonst ein alltäglicher Gang, ohne dass das Hirn überhaupt zu arbeiten begann. Nun sind die wenigen Schritte voller Symbolik, weil sie mich plötzlich an Italien erinnern. Dort, nach mehreren Tagen strikter Ausgangssperre, gilt das Müll-Rausbringen schon als der „neue Aperitif“. In den sozialen Netzwerken machen Videos die Runde von aufgestylten Menschen, die mit Müllsäcken zu den Tonnen vor der Tür marschieren...

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Was für eine Stille. Erst nach mehreren Hundert Metern im Fahrradsattel auf dem Weg zur Arbeit wird mir klar, was heute Morgen fehlt – ich habe noch kein einziges fahrendes Auto gesehen. Dabei müsste heute, an einem Montag nach die Skiferien, eigentlich der Teufel los sein. Aber viele Menschen machen Heimarbeit oder mussten von der Piste gleich den Einkehrschwung in die Quarantäne machen.

Hamburg wirkt, als gingen die Ferien einfach weiter. Aber dann das: Einige Hundert Meter weiter stauen sich plötzlich die Fahrzeuge wieder in den Gassen von Ottensen. Wir sehen unsere kleine Welt plötzlich mit anderen Augen. Wie schön so ein Stau sein kann! Wie herrlich, der Bus vor uns hält an jeder Station! Wie wunderbar, auf der Baustelle wird gearbeitet! Alles so normal hier.

Im Stammcafé um acht Uhr morgens trinke ich draußen einen Cappuccino. Vielleicht wird es der vorerst letzte sein? Cafébetreiber Fele Ardente muss sich erstmal um den 1,50 Meter Mindestabstand zwischen den Tischen kümmern und glaubt nicht, dass er noch lange geöffnet bleiben darf.

Ein anderer Gast, natürlich in zwei Metern Abstand, ist lungenkrank und hat heute noch einen Arzttermin. Er ist schon älter und fürchtet sich, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren. Später treffe ich mehrere Rückkehrer aus dem Skiurlaub entspannt auf den Straßen. Sie gehen weiter in Cafés, als sei alles wie immer. (Genevieve Wood)

An der Tarpenbek in der Frühe beim täglichen Lauf in Langenhorn: Ich überhole einen Nordic Walker im Rentneralter, der daraufhin stehenbleibt, mir den Rücken zudreht und sich maximal nach vorne beugt, um die Distanz zwischen uns so groß wie möglich zu machen. Es ist gespenstisch. Auf dem Rückweg treffe ich dann eine andere Walkerin. Wir sehen uns mehrmals in der Woche, haben uns aber bislang immer nur gegrüßt, nie weiter geredet. Jetzt aber freuen wir uns gemeinsam über zwei aufgeregte Buntspechte im Baum. Es gibt beides. (Holger True)

Im Supermarkt in Eimsbüttel sind die Schlangen lang, während die Auslagen allenthalben lichte Stellen zeigen. Beim Bäcker hustet mein Kind - sofort richten sich Augenpaare misstrauisch auf den Lütten, einige Kunden huschen mit Side-Steps nach rechts. Schon nach drei Tagen im Home-Office und der überwiegenden Isolation fällt uns die Decke auf den Kopf.

Es gab bereits einen Disput um die Frage, wer einkaufen gehen darf, um der drögen Enge mit einem rechtfertigenden Grund zumindest für kurze Zeit zu entfliehen. Ich warte nur auf die Ausgangssperre – bei steigenden Außentemperaturen. Vielleicht sollte ich mir vorher noch eine Quetschkommode besorgen, um dann - wie in Italien - traurige Weisen vom Balkon zu schmettern. Wenn ich doch bloß Akkordeon spielen könnte… (Daniel Herder)

Montagmittag in der Redaktion. „Papa, Charly hat gesagt, sein Vater hat gesagt…“ – das waren in den Siebziger- und Achtzigerjahren Klassiker im Hörfunk. Heute werden diese Geschichten etwas anders erzählt und verschmutzen als Fake News das Internet - irgendjemand hat gesagt, sein Kumpel habe gehört, Politiker oder Firmen planten Folgendes zu Corona – und dann folgen Schauergeschichten:

In der Redaktion verifizieren wir solche Gerüchte, etwa dass eine Supermarktkette bald immer um 15 Uhr schließen will. Es ist falsch, wie vieles, was sich viral weiterverbreitet. Die Unruhe ist groß genug, da bedarf es keiner digitalen Klatschbasen. Sondern eines professionellen Journalismus.

Lang lebe das Toilettenpapier. Es gibt Forscher, die in bester Sigmund-Freud-Tradition den Deutschen einen „analen Charakter“ attestieren. Im Land eines Götz von Berlichingen sieht man dieser Tage tatsächlich Menschenmassen nicht mehr mit Handtaschen durch die Straßen streifen, sondern mit Klopapierrollen unter dem Arm.

Ob in Lokstedt, auf St. Pauli oder in Hoheluft – überall wird gehamstert und das erworbene Papier nach Hause getragen - mal stolz, mal eher verschämt. Im Internet heißt es, die Hatz auf Klorollen sei typisch deutsch, in Frankreich würden hingegen Rotwein und Kondome knapp. Noch so ein Vorurteil, das der Recherche nicht stand hält.

In den Kaufhäusern der Innenstadt gibt es weder Hamsterkäufe noch Endzeitstimmung. Überraschend viele Senioren kaufen hier ein, ohne Sorge, ohne Hatz, ohne Tüte. Es sieht nach normalem Geschäft aus. Nur die Unicef-Spendenwerber vor der Europapassage haben es heute doppelt schwer – wer will sich schon ohne Not in ein Gespräch über die Not verwickeln lassen?

Auch in den Buchhandlungen spüren die Verkäufer noch keinen Corona-Knick – vielleicht decken sich manche noch schnell ein vor der befürchteten Ausgangssperre. An der Kasse stehen die ersten Corona-Schnellschüsse, rasant gedruckt und schon hoffnungslos veraltet. Auf den hübsch drapierten Büchertischen ist ohnehin die Klimakatastrophe mit reichlich Lesestoff das Spitzenthema. Die Wirklichkeit ist weiter. Leider.

( Mit gen, hot, dah )

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