Hamburg

Vom Polizisten zum Künstler: Sein Thema ist der Hafen

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Kunst mit vollem Körpereinsatz: Bürmann in seinem Atelier an der Ditmar-Koel-Straße.

Kunst mit vollem Körpereinsatz: Bürmann in seinem Atelier an der Ditmar-Koel-Straße.

Foto: Andreas Laible

Heute produziert Frank Bürmann Hamburg-Souvenirs zum Anziehen. Eines seiner Werke hat sogar bereits den Planeten verlassen.

Hamburg. Frank Bürmann ist ein einziger Klecks. Seine Jacke, seine Hose, seine Schuhe – alles vollgesudelt mit Grün, Blau, Rot, Gelb usw. Ein Regenbogen wirkt wie eine traurige Veranstaltung im Vergleich zu dem Farbfeuerwerk, das der Hamburger Künstler hier am eigenen Leibe bietet. Wir sind in seinem Atelier an der Ditmar-Koel-Straße. Der 56-Jährige macht hier aus Taschen, T-Shirts, Kapuzenjacken, Hemden, Kleidern, Babystramplern, Shirts und Porzellan kleine Kunststücke. Für ihn kann alles zur Leinwand werden, ganz egal, Hauptsache bunt, wild und einzigartig.

Würde Bürmann sich auf den Holzboden legen, wäre er gut getarnt, denn der Untergrund sieht genauso aus wie er. Ein Rausch an Farben, was auf die Arbeitsweise des Hamburgers schließen lässt. Bei ihm von Handarbeit zu sprechen wäre untertrieben, er malt mit vollem Körpereinsatz. Dabei benutzt er alles, was ihm in die Finger kommt. Ein Wischmopp wird zum Pinsel, ein Handfeger sorgt für gute Farbstrukturen; aus Pappe, Heißkleber und Holzreste werden Stempel.

Hamburg zum Mitnehmen: Bürmanns Thema ist der Hafen

Von wegen Computer-, Sieb- oder Offsetdruck! Bürmann bedruckt die Kleidung mit seinen selbst gemachten Stempeln, pro Größe immer nur zweimal, die Stücke sollen limitiert bleiben. Verkauft werden sie direkt vor Ort in dem kleinen Laden, ausgestattet mit weiß lackiertem Treibgut. Alles hier ist ein Stück Heimat zum Mitnehmen, denn Bürmanns Thema ist ganz klar der Hafen. Das Logo seiner Marke „The Art of Hamburg“ ziert ein Papierschiffchen mit dem Wappen der Hansestadt. Der Verkaufsschlager sind scheinbar ölverschmierte Shirts mit der Aufschrift „Maschinist“. Ein bisschen Containerterminal-Gefühl zum Mitnehmen.

„Als Kind wollte ich immer zur See fahren“, erzählt der geborene Hildesheimer. Mit 18 bestieg er dann tatsächlich einen großen Frachter von Hapag-Lloyd. Einmal quer über den Atlantik, die Ostküste der USA runter und wieder zurück nach Rotterdam. Danach wollte der junge Bürmann nicht mehr Seemann werden, das Leben an Bord war ihm zu einsam. Doch Schiffe angucken, das zelebriert er immer noch täglich.

Eines seiner Werke verließ den Planeten

Er liebe dieses Geräusch, das die Pötte machen. Dieses Knacken. Hat er sogar mit seinem Smartphone aufgenommen, um es immer bei sich zu tragen. „Wie Musik“, sagt der Künstler. Ein Anker scheint in sein Herz tätowiert zu sein. Schon bei seinem ersten Spaziergang entlang der Landungsbrücken sei es ihm klar gewesen: „Hier bekommt mich keiner mehr weg.“ Braucht Bürmann neue Inspirationen, geht er auf Barkassenrundfahrt, danach ist sein Skizzenbuch wieder gut gefüllt: „Mit meiner Arbeit versuche ich, die Romantik der Seefahrt zu erhalten.“ Kommt gut an, bei Einheimischen wie bei Touristen. Eine Japanerin filmt von der Straße aus per Handystick durch die Scheibe.

Bürmann startete seine Karriere als erfolgreicher Maler und Bildhauer, stellte unter anderem in Paris, Brüssel, Biarritz, Athen, Chicago, New York, London aus. Eines seiner Werke verließ sogar den Planeten. Bürmanns Zeichnung Weltraumtraumraum (Sumi-Tusche auf Papier) wurde im Rahmen der Mir-Mission Sojus TM 28 für drei Wochen in den Weltraum gesendet.

Kunst zum Anziehen

Bürmann konnte sehr gut von seiner Arbeit leben, doch er war ausgebrannt. Dann erfand er 1993 eine niedliche Figur. Mit seinem Bilderzyklus „Kleiner Könich“ sorgte er auf dem internationalen Kunstmarkt für Aufmerksamkeit. Er wurde zum Kinderbotschafter des Landes Niedersachsen, und eines Abends trug er seine vollgeschmierte Arbeitshose in einem Restaurant. „Die will ich auch haben, wo gibt es die?“ sprach ihn ein begeisterter Gast an. Die gebe es in keinem Geschäft, erklärte der Künstler, doch der Typ bot 500 D-Mark. Bürmann tauschte seine Buxe noch direkt im Lokal mit dem Unbekannten.

Seitdem stellt er Kunst zum Anziehen her, die auch von vielen Prominenten getragen wird, darunter Herbert Knaup, Ingo Naujoks und Sven Martinek („Morden im Norden“). Manchmal trifft er die Schauspieler im Madison Hotel, wenn er eine kleine Auszeit von seinem Viertel braucht. Es gefällt ihm dort. Ein Glas Wein an der Bar und ein bisschen über neue Figuren quatschen. Lustig und ungewöhnlich sollen seine Werke sein. Für Sanna Englund („Notruf Hafenkante“) hat Bürmann sogar ein Dirndl bemalt.

Bürmann war bei der Polizei Niedersachsen

„Am liebsten mache ich das, was ich in genau diesem Moment mache“, sagt Bürmann, und wie toll es sei, dass er nun einen Beruf habe, den er immer und jederzeit ausüben könne. Egal, wo er sich befinde. Beim Arzt, im Supermarkt, im Bett. „Wenn ich die Augen schließe, denke ich mir Konzepte aus. Wenn ich sie öffne, setze ich sie um.“ Natürlich, gibt er zu, wäre er manchmal gerne wieder für einen Tag Polizist.

Denn das war Bürmann bei der Polizei Niedersachsen, bevor ein Knochentumor, zahlreiche Operationen und vier Jahre im Rollstuhl diesen Traum beendeten. Weil er für den Rest seines Lebens Schmerzmittel nehmen muss, hat der, der früher so gerne Motorrad fuhr, seinen Führerschein abgegeben. Der Mitarbeiter beim Verkehrsamt wollte ihm gar nicht glauben: „Überlegen Sie es sich doch noch einmal!“ Doch Bürmann erklärte ihm, dass er als Polizist so viele Unfälle auf den Straßen gesehen, verursacht von Menschen, die eigentlich nicht mehr hätten fahren dürfen: „Ich werde keiner von denen sein.“

Noch immer steckt in dem Hamburger Künstler ein Polizist

Wegen seiner schweren Erkrankung wollte sich der Beamte einen neuen Beruf suchen. Klavierspieler hätte ihm gefallen, „doch dafür war ich zu lausig“. Es sollte aber unbedingt kreativ sein, also wurde er Künstler, doch der Polizist steckt immer noch in ihm. „Das bleibt in meiner DNA. Ich passe hier auf in meinem Viertel.“ Der Künstler erkennt aus seinem Laden heraus die Taschendiebe („immer schick wie Geschäftsleute gekleidet“) oder die „Hinz&Kunzt“-Betrüger („gefälschte Ausweise“). Dann ruft er bei dem Straßenmagazin an und sagt: „Da verdient jemand auf eure Kosten.“ Die kümmern sich. Kleiner Dienstweg.

Die Tür des Ateliers ist vierfach gesichert, Stangen vor den Fenstern, Alarmanlage. „Ich habe als Polizist zu viel gesehen“, erklärt der zweifache Vater. Doch heute sei es im Portugiesenviertel lange nicht mehr so gefährlich wie früher: „Die Russen, die Zuhälter, die Koksnasen – alle weg.“ Sogar die Restaurants zockten die Touristen nicht mehr mit schlechtem, überteuertem Essen ab. Die beste Lasagne mache er jedoch selbst, findet der Ex-Polizist. „Da muss Ketchup mit in die Soße.“ Schön rot.

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