Hamburg

Bischöfin Kirsten Fehrs über Solidarität in Corona-Zeiten

| Lesedauer: 5 Minuten
Edgar S. Hasse
Bischöfin Kirsten Fehrs spricht mit dem Abendblatt über die Arbeit der Gemeinden und Gottestdienste in Zeiten der Corona-Krise.

Bischöfin Kirsten Fehrs spricht mit dem Abendblatt über die Arbeit der Gemeinden und Gottestdienste in Zeiten der Corona-Krise.

Foto: Andreas Laible

In ganz Norddeutschland werden Gottesdienste abgesagt. Wie soziale Medien in diesen Zeiten verbinden und Trost spenden können.

Hamburg. Flächendeckend sind heute erstmals in der neueren Kirchengeschichte in ganz Norddeutschland die evangelischen und katholischen Gottesdienste ausgefallen. Kirsten Fehrs, evangelische Bischöfin im Sprengel Hamburg und Lübeck/Lauenburg, blickt im Abendblatt-Gespräch auf einen bewegenden Tag zurück -und eine Krise, die, wie sie sagt, "buchstäblich unter die Haut geht".

Abendlatt: Wenn heute ein ganz normaler Sonntag gewesen wäre - was hätten Sie gemacht?

Kirsten Fehrs: Eigentlich hätte ich heute in St. Marien Flensburg einen Festgottesdienst besucht. Nun sind alle Gottesdienste abgesagt, was unbedingt vernünftig ist. Wir müssen alles tun, um die Verbreitung des Virus zu bremsen. Kirchliches Handeln soll dem Leben dienen und darf es nicht gefährden. Der zeitweilige Verzicht auf vertraute Formen der Gottesdienste ist also vernünftig - aber er fällt wahrlich nicht leicht.

Abendblatt: Wie reagieren die Menschen auf die Pandemie aus Ihrer Wahrnehmung als Seelsorgerin?

Fehrs: Mir kommt allerorten entgegen, wie sehr die Menschen Trost suchen und Zuversicht, Gebet auch, Meditation und Ansprache. Alles das, was Ängste bindet, Zusammenhalt stärkt und inneren Frieden schenkt.

Abendblatt: Wie verändert die Corona-Krise unser Leben?

Fehrs: Die Corona-Krise ist eine Herausforderung, die buchstäblich unter die Haut geht. In rasender Geschwindigkeit hat sie jede Normalität durchbrochen, und die Verunsicherung geht tief. Wir sind in einer Art Auszeit, so erleben es viele. Eine, die Ängste weckt und als Zumutung empfunden wird.

Zugleich ist es ein Innehalten. Die Menschen werden auch nachdenklicher, achtsamer anderen gegenüber. Nachbarliche Hilfsbereitschaft wächst. Und das Bedürfnis, neu nachzudenken über den Schutz des Lebens und die Würde des Menschen, über Krankheit und Sinn, Leben und Tod. Auch darüber, wie das Corona-Virus nicht das vollständig bestimmende Thema bleibt. Es gibt so viel Not, die Flüchtlingssituation in Griechenland und der Türkei gehört unbedingt dazu. Gerade in der Passionszeit ist dafür der Raum gegeben: neu nachdenken und eine Kerze für jemanden anzuzünden, an den man mit Sorge und Liebe denkt.

Abendblatt: Sonntag morgen rufen die Glocken zum Gebet, seit Jahrhunderten ist das so. Was hat Sie heute morgen gedanklich bewegt?

Fehrs: Mir persönlich ist heute Morgen bewusst geworden, wie sehr mein Alltag von dem Sonntag lebt: in Gemeinschaft singen, beten, biblische Lesungen hören, innehalten. Und dass mir vertraute Worte auf einmal neu entgegen kommen - so etwa Psalm 139: Herr, du erforschest mich und kennest mich; ich sitze oder stehe auf, so weißt du es, du verstehst meine Gedanken - von Ferne."

Abendblatt: Etliche Kirchengemeinden im Norden haben heute live im Internet Gottesdienste ausgestrahlt. Was Sie auch in den sozialen Medien dabei?

Fehrs: Die tiefe Zuversicht, nicht allein zu sein, ist in mir, auch wenn man Gemeinschaft nicht live erlebt. So war es eine berührende und hoffnungsspendende Erfahrung, heute Morgen auf Youtube einen Live-Gottesdienst aus St. Jürgen Lübeck, gehört ja auch zu meinem Sprengel, mitzufeiern.

Abendblatt: Die digitalen Medien nützen in diesen Tagen auch in besonderer Weise der Kirche?

Fehrs: Glücklicherweise sind in den Kirchengemeinden viele kreative Pastoren und Pastorinnen und Ehrenamtliche auch digital unterwegs und haben in Windeseile Andachten auf Facebook, Gottesdienste auf Youtube oder im Livestream angeboten, aber auch gut analog Predigten zum Verteilen ausgedruckt. Sie sind in geöffneten Kirchen vor Ort und kümmern sich.

Es gibt Gemeinden, die Einkaufsdienste organisieren, zu Hausgottesdiensten ermutigen, Telefondienste anbieten, alles, um Gemeinschaft zu stärken und sich gegenseitig zu tragen. Und dies in allen Arbeitsbereichen; denn Kirche ist ja noch mehr als Sonntagsgottesdienst: Kirche ist Kita, Flüchtlings-Café, Beratungsstelle und Pflegeheim, um nur Einiges zu nennen.

Abendblatt: Hilft Beten in Corona-Zeiten?

Fehrs: Ich traue in all dem dem Gebet viel zu: Denn im Beten nehme ich andere in den Blick, denke an sie, setze mich ein - für die Verängstigten und Erkrankten, die Ärzte und Pflegenden, die Familien jetzt zuhause, für die, die sich um Angehörige sorgen und für all die Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, die weitreichende und schwierige Entscheidungen treffen müssen. Es gibt viele, die jetzt und in der kommenden Zeit die Fürbitte und klare Solidarität brauchen. Und so war es für mich klar, heute Morgen in die Rathauskirche St. Petri zu gehen und für sie alle ein Licht anzuzünden. Wir verzichten vielleicht eine Zeitlang auf Gottesdienste, aber wir bleiben beieinander - mit Besonnenheit und Hoffnung.

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