Hamburg

Alles, außer einfach: Die Tücken einer Baugemeinschaft

Johanna Jöhnck (l.) und Dagmar Mein haben es geschafft. Sie ziehen demnächst in ihre Wohnungen in Mitte Altona ein.

Johanna Jöhnck (l.) und Dagmar Mein haben es geschafft. Sie ziehen demnächst in ihre Wohnungen in Mitte Altona ein.

Foto: Andreas Laible

Das Bauprojekt von Johanna Jöhnck in Mitte Altona zeigt: Der Weg zum gemeinsamen Haus ist lang. Doch er kann sich lohnen.

Hamburg. Es klingt nicht nur ziemlich perfekt, sondern eigentlich auch noch ganz einfach: Mehrere Leute mit einer ähnlichen Idee tun sich zusammen, um gemeinsam ein Haus zu bauen. Eines, das genau so wird, wie sie es wollen. So weit die Theorie.

Auch Johanna Jöhnck fand die Idee mit der Baugemeinschaft ziemlich gut, als sie sich für ihre Familie nach neuen Wohnformen in der Stadt umschaute. „Wir waren auf der Suche nach einem Umfeld, in dem die Gemeinschaft wirklich gelebt wird, und in unserem Freundeskreis gab es viele, denen es genauso ging.“ Zehn Jahre und mehr als 300 Wochenend-Plenumssitzungen später sagt die heute 40-Jährige: „Das ist alles, aber nicht einfach. Dafür muss man der Typ sein, sonst klappt es nicht.“ Aber sie sagt auch: „Wenn es dann klappt, dann ist es das Beste, was man machen kann.“

Acht Baugemeinschaften in Altona-Mitte

Mit dem Wunsch, das eigene Haus nach ganz persönlichen und ideellen Maßstäben zu gestalten, ist Jöhnck nicht allein. Ihr Bauprojekt ist eines von insgesamt acht Vorhaben dieser Art, die allein auf dem Gebiet von Mitte Altona entstehen. Hamburgweit gibt es etwa 120 Projekte, die in Gemeinschaften realisiert wurden. Auch die Stadt sieht das gerne und fördert Baugemeinschaften im öffentlich geförderten, genossenschaftlichen Eigentum, wie die von Johanna Jöhnck, die sich „möwe.altonah“ nennt.

Laut Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen (BWS) nehmen Baugemeinschaften oft eine Vorreiterrolle ein ein, was innovative Wohnformen angeht, und können Quartiere positiv mitprägen. Auch mit der möwe.altonah wollen Jöhnck und die 90 anderen Menschen, die an der Susanne-von-Paczensky-Straße in wenigen Tagen einziehen, etwas Neues schaffen: ein integratives Mehrgenerationenhaus, einen Mix aus Singles, Familien, Rentnern und Junge-Leute-WGs, Menschen mit und ohne Handicap.

Bürokratische Hürden auf dem Weg zum Gemeinschaftshaus

Bis zum Einzug war es ein weiter Weg. Konkret hieß das in den vergangenen Jahren: (Fast) jeden Sonntag mit dem Plenum (immer circa 15 bis 30 Personen) treffen, meist in sozialen Einrichtungen, Gemeinschaftsräumen oder Kita-Räumlichkeiten. Jöhnck kann sich kaum noch daran erinnern, wann sie das letzte Mal einen Sonntag „frei“ hatte.

Mal stand dies, mal das auf dem Programm­. Welcher Stromanbieter? Dachbegrünung? Nistkästen? Letztlich alles. Und über jeden einzelnen Punkt musste abgestimmt werden. Und zwar nach dem Konsensprinzip. Jeder, der schon mal in einer WhatsApp-Gruppe ein Grillfest organisiert hat, fragt sich: Kann das gehen? Jöhnck sagt: „Ja, das hat in den meisten Fällen sehr gut geklappt, weil wir uns die Mitglieder allesamt selber ausgesucht haben und dabei von vornherein darauf geachtet haben, dass die Vorstellungen zusammenpassen.“

Schwieriger waren die bürokratischen Hürden. Allein die Bewerbung samt aller nötigen Unterlagen hat etwa ein halbes Jahr gebraucht. „Viele von uns hatten anfangs weder von Baufinanzierung Ahnung noch davon, wie ein Finanzplan aussieht und was sich im Detail hinter Energiesparverordnung XY verbirgt. Aber über die Zeit sind wir da reingewachsen, inzwischen sind wir ein echtes Expertenteam.“

Nicht jedes Gründungsmitglied bleibt bei der Stange

Mit ihrer Bewerbung konnte die möwe.altonah die Behörde schließlich überzeugen. Abstriche mussten sie aber trotzdem machen. „Das Blockheizkraftwerk, das wir im Konzept verankert hatten, wurde nicht genehmigt, und ein Teil der Mitglieder musste die Gemeinschaft wieder verlassen, weil sie zu viel verdient haben, denn bei öffentlich geförderten Baugemeinschaften ist auch die Einkommensstruktur vorgegeben.“

Dazu kamen bauliche Hürden: Weil der Boden durch die in der Nähe verlaufenden Bahnschienen vibrierte, musste neu vermessen und die Statik angepasst werden, Probleme bei der Auftragsvergabe an Maurer, Elektriker und andere Fachleute kamen dazu. Alles zusammen dauerte es deutlich länger als geplant. Statt wie geplant 2017 einzuziehen, konnte da erst mit dem Bau begonnen werden. Statt mit kleinen Kindern zieht Jöhnck nun mit welchen ein, in wenigen Jahren die Schule abschließen.

Jöhnck opfert viel Zeit für ihre Baugemeinschaft

Nicht alle aus dem Gründungsteam haben so viel Ausdauer gehabt, einige sind auf dem Weg abgesprungen. Das Problem: Für jeden, der geht, muss schnell Ersatz gefunden werden, damit die anfallenden Arbeiten auf viele Schultern verteilt werden können – und natürlich auch, damit der Finanzplan nicht gefährdet ist. Apropos Geld: Der mühevoll erarbeitete Finanzplan war auch schnell hinfällig. „Durch die Kostenexplosion in der Baubranche ist allein der Betonpreis um 30 Prozent gestiegen“, sagt Jöhnck. Weitere Herausforderungen: Bei der Kleingenossenschaft Wohnreform eG, mit der die „möwe“ den Bau realisiert, war die Auflage, dass jeder weitere Aufgaben übernimmt.

Für Johanna Jöhnck bedeutete das: Neben Job, Kindern und Sonntagsplenum saß sie nun in weiteren Arbeitsgemeinschaften, wurde Teil des Kompetenzteams Integration und saß im Aufsichtsrat der Wohnreform. Jede Aufgabe ist wieder mit Treffen verbunden. Meist habe sie das alles gern gemacht, aber sie gesteht auch: „Es gab schon Momente, in denen ich dachte, ich hab keine Lust mehr, noch mal auf zu kleinen Stühlen zu sitzen und alles von links aus rechts zu drehen.“

Aber jetzt, da sich der Einzugstermin nähert, ist Johanna Jöhnck einfach nur glücklich. Und ein bisschen aufgeregt. „Vieles von dem, woran wir jahrelang gearbeitet haben, wird nun greifbar“, sagt sie. In diesem Tagen überwiegt der Stolz, alles in Selbstorganisation geschafft zu haben – und die Freude, bald mit den neuen Nachbarn auf der Dachterrasse Kaffee trinken zu können. Sogar sonntags.