Premiere

Die große Parade der Feuerschiffe im Hamburger Hafen

Die fünf von der „Elbe 3“: Gerd Peters, Frank Toussaint, Heinz- Günther Buß, Helmut Fock und Sabine Rivera.

Die fünf von der „Elbe 3“: Gerd Peters, Frank Toussaint, Heinz- Günther Buß, Helmut Fock und Sabine Rivera.

Foto: Marcelo Hernandez

Im Konvoi werden die betagten Boote zu den Landungsbrücken fahren. Jedes Feuerschiff ist als Unikat eine schwimmende Schatzkiste.

Hamburg. Der Hafen kann sich auf eine maritime Premiere freuen. Am ersten Septemberwochenende dieses Jahres wollen vier noch fahrbereite, traditionelle Feuerschiffe im Konvoi von Cuxhaven aus flussaufwärts fahren, in Höhe St. Pauli auf der Elbe zwei Schleifen drehen und an den Landungsbrücken festmachen – Seite an Seite mit der sonst im Museumshafen Oevelgönne liegenden „Elbe 3“. Die Parade soll von einem Wasserfontänen ausstoßenden Löschboot angeführt werden. Anträge für das Spektakel sind eingereicht, aber noch nicht offiziell genehmigt. Das Quintett dieser denkmalgeschützten Originale macht die Gangway frei: willkommen an Bord.

Mit dieser Premiere wird ein faszinierendes Kapitel norddeutscher Seefahrtsgeschichte lebendig. Vor gut 120 Jahren waren Deutschlands Küsten mit mehr als 120 dieser schwimmenden Navigationshilfen gesichert. Diese Schiffe waren dort im Einsatz, wo von Landseite keine gut sichtbaren Signale gesendet werden konnten – zum Beispiel an breiten Flussmündungen. Um 1890 waren auf der Elbe, zwischen Hamburg und Scharhörn, zehn dieser Stahlboote verankert. Um die dort arbeitenden Männer ranken sich skurrile Anekdoten und reichlich Seemannsgarn.

Feuerschiffe wurden Ende der 1980er-Jahre außer Dienst gestellt

Wegen der einst verwendeten Petroleumlampen waren früher die Bezeichnungen „Laternenschiff“ oder „Leuchtschiff“ gebräuchlich. Ende der 1980er-Jahre wurden die bemannten Feuerschiffe außer Dienst gestellt. Fortan weisen mit moderner Technik ausgestattete, automatische Signaltonnen den Seeweg.

Dass nicht alle Feuerschiffe verschrottet oder an kommerzielle Nutzer verkauft, sondern in ursprünglichem Zustand bewahrt wurden, ist Verdienst gemeinnütziger Vereine. Ehrenamtliche Idealisten tragen mit Leidenschaft, Zeitaufwand und Geld dazu bei, dass sieben der rot angestrichenen Originale exzellent erhalten sind. Die noch fünf fahrtüchtigen von ihnen präsentieren sich nach den Sommerferien am Elbufer – als seien die Jahrzehnte nicht vergangen.

Zusammenkunft erfahrener Feuerschiff-Aktivisten

Ermöglicht wird dieses Ereignis durch einen im Vorjahr gegründeten Verein namens „Maritimes Kulturgut Deutsche Feuerschiffe“. Heimathäfen der sieben schwimmenden Oldtimer sind neben Hamburg die Insel Borkum sowie Bremerhaven, Cuxhaven, Emden, Lübeck und Wilhelmshaven.

Dieses Vorhaben ist Anlass für eine Zusammenkunft erfahrener Feuerschiff-Aktivisten. Treffpunkt ist die gut beheizte Mannschaftsmesse an Bord der „Elbe 3“. Es ist Mitte Februar. Draußen pfeift eine steife Brise. Ein Teil des Museumshafens in Neumühlen steht unter Hochwasser. Es gibt Kaffee.

Das 1888 auf der Lange-Werft in Bremen-Vegesack gebaute, 45 Meter lange Schiff aus genietetem Stahl schaukelt mächtig. Bis zur Außerdienststellung 1977 hatte das maritime Denkmal in der Deutschen Bucht, nordwestlich von Cuxhaven, Position bezogen. 88 Jahre, länger als jedes andere deutsche Feuerschiff, wies die „Elbe 3“ Seeleuten aus aller Welt einen sicheren Weg in die Flussmündungen. Ursprünglich war sie als Dreimastschoner mit Hilfsbesegelung getakelt. An jedem Mast wurde nachts ein mit Petroleum betriebenes Rundumfeuer eingeschaltet. Als Tagessignal fungierten drei große rote Korbbälle.

Herzblut und Detailliebe

1979, also zwei Jahre nach der Stilllegung, wurde das Traditionsschiff dem Museumshafen Oevelgönne übergeben. Dem Verein gehören 450 Ehrenamtliche, Sponsoren, Freunde und Förderer an. Die „Elbe 3“ kann für Feiern und Ausfahrten gebucht werden. Zur Erhaltung sind nicht nur viel Geld, sondern auch fast 10.000 freiwillige Arbeitsstunden pro Jahr vonnöten. Ohne Herzblut und Detailliebe geht gar nichts. Entsprechend gepflegt sieht es an Deck und darunter aus. Von der Brücke und der Kombüse bis zum Funkraum und der Messe ist alles picobello in Schuss.

„Grundsätzlich sieht es auf jedem unserer sieben Feuerschiffe aus wie früher“, sagt Heinz-Günther Buß im Namen des Kulturgut-VerbandEs. Mit seinen Mitstreitern fährt der ehemalige Polizeibeamte und Dozent Anfang September auf dem Feuerschiff „Amrumbank/Deutsche Bucht“ Richtung St. Pauli. Im Konvoi vor den Landungsbrücken sind die „Fehmarnbelt“ aus Lübeck, die „Elbe 1“ aus Cuxhaven sowie die „Borkumriff“ von der entsprechenden Insel dabei.

Schwimmenden Schatzkiste

„Wir freuen uns, den Hamburgern diese fünf maritimen Erinnerungsstücke zeigen zu können“, sagt Frank Toussaint. Der promovierte Physiker ist Chef der in Hamburg beheimateten Interessengemeinschaft Seezeichen und engagiert sich ebenfalls im Oevelgönner Museumshafen. Vom Verein sind heute außerdem die „Deckshand“ Sabine Rivera, Maschinist Helmut Fock und Kapitän Gerd Peters zum Gespräch in der Messe erschienen. Während Peters in jüngeren Jahren auch hauptberuflich als Kapitän im Einsatz war, arbeitete Fock als Schiffsingenieur und Frau Rivera – ein Kontrast – als Klavierlehrerin. Hand in Hand kümmern sie sich aktuell um das maritime Vermächtnis des Nordens.

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„Jedes unserer Feuerschiffe hat eine Seele“, weiß Heinz-Günther Buß aus Erfahrung. Und jedes der sieben Denkmäler beinhaltet ein Museum – oder ist in Gänze selber eines. Die in Wilhelmshaven angedockte „Weser“ und die „Bürgermeister Abendroth“ aus Bremerhaven sehen prachtvoll aus, sind allerdings nicht fahrtüchtig. Die fünf anderen Feuerschiffe jedoch bescheren Hamburg eine Attraktion, die es bisher nicht gab. Jedes Feuerschiff ist als Unikat eine schwimmende Schatzkiste: weit mehr als ein Jahrhundert alt und als Denkmal liebevoll erhalten. Unter diesen Umständen werden die Hamburger eine kleine Überraschung verkraften können: Die „Elbe 3“ hieß bis 1966 „Weser“.