Fasching

Wo Hamburger die Narrenkappe aufsetzen

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Jens Meyer-Odewald
Das Präsidium der Carnevals Gesellschaft Klimperkasten.

Das Präsidium der Carnevals Gesellschaft Klimperkasten.

Foto: M. Rauhe

Die Gesellschaft Klimperkasten von 1872 ist der älteste Karnevalsverein der Stadt und hat eine schillernde Geschichte.

Hamburg. Es ist eine üble Nachrede, dass Hamburger zum Lachen in den Keller gehen. An Verleumdung grenzt die Behauptung, sprudelnde Lebensfreude komme im Erbgut eines Norddeutschen bestenfalls bruchstückhaft vor. Böse Zungen meinen, der Schalk gehe an der Elbe den Bach runter und mache einen Bogen um die Hansestadt. Papperlapapp. Unfug. Dumm Tüch.

Richtiger ist: Der Hanseat an sich pflegt einen dezenten, feinsinnigen Humor. Der Anflug eines Schmunzelns kann mehr bedeuten als lautes Wiehern. Entsprechend fremdelt das Nordlicht mit Narrhallamärschen, Funkenmariechen und kostümierten Prunksitzungen. Mit Ringelpietz und schunkelnder Bierseligkeit haben wir von jeher wenig an der Kappe – zumindest in organisierter, kollektiver, marktschreierischer Form.

Der jecke Humor ist auch in Hamburg zu Hause

Dass der jecke Humor dennoch auch in Hamburg zu Hause ist, beweist die Carneval-Gesellschaft Klimperkasten von 1872. Auch wenn die Zeiten mit Remmidemmi, Pauken, Trompeten und rauschenden Bällen Vergangenheit sind, hält ein Dutzend Aufrechter die Tradition der hanseatischen Faschingsfreunde hoch. Am letzten Märzsonnabend 2020 steht das 148. Stiftungsfest der Vereinigung auf dem Programm.

Doch bevor wir fast eineinhalb Jahrhunderte zurückblicken, setzen wir uns mit den Strategen der Gegenwart an einen Tisch, in fröhlicher Erwartung auf Weiberfastnacht und Rosenmontag. Bei dem Trio handelt es sich keinesfalls um zugezogene Rheinländer, sondern um gebürtige Hamburger. Um es vorwegzunehmen: lange nicht mehr so herzhaft gelacht – auf hanseatische Art.

Die aus 13 Aktivisten und zwölf Förderern bestehende Mitgliedschaft ist mächtig in die Jahre gekommen, keine Frage, der Flachs indes blüht wie im Frühling. „Auch Hamburger können fröhlich sein“, sagt Klaus Hillbrecht. Als Präsident der altehrwürdigen Gesellschaft trägt der Kaufmann den Titel Uronkel.

Frohsinn verbreiten und das Positive im Leben betonen

Auch die anderen haben putzige Namen wie Zeremonienkäfer, Inventarmotte, Schirmgeist oder Beckmesser inne. Das war schon anno 1872 so. „Wir wollen den Alltag vergessen, Frohsinn verbreiten und das Positive im Leben betonen“, ergänzt Michael Flenker, der Erste Großonkel (Vizepräsident) und mit 51 Jahren Jüngster der Runde. HSV-Fan „Flenki“ arbeitet als Gas- und Wasserinstallateur.

„Alle Veranstaltungen sind öffentlich“, hebt Jürgen Schmücker hervor. „Und Fördermitglieder sind mit 50 Euro Jahresbeitrag dabei.“ Als Schatzmeister ist der ehemalige Inhaber einer Sicherheitsfirma mit bis zu 450 Mitarbeitern die Kassenbiene. Interessenten können über Klaus Hillbrecht Kontakt zu Klimperkasten aufnehmen: 0176/20 63 49 33.

Neben dem karnevalistischen Abendessen am 31. Januar im Restaurant Papillon des Hotels Engel in Hamburg-Niendorf und dem Stiftungsfest mit Tanz und Darbietungen im Frühling sind für 2020 eine fidele Barkassenfahrt, ein Sommerausflug, der traditionelle Skat- und Würfelabend sowie ein bayerischer Abend geplant. Selbstverständlich haben die Onkel ihre „Tanten“ im Schlepptau.

So werden die Damen offiziell genannt. Hinzu kommen Besuche bei befreundeten Jecken wie dem Verein Muckemann in Solingen oder närrischen Mitstreitern in Spalt im fränkischen Seenland. Dann wird die etwas andere Hamburger Hymne angestimmt: „Klimperkasten fest besteht, weil Humor nicht untergeht.“

1872 wurde die Gesellschaft gegründet

Ganz im Sinne der Gründerväter. Am 3. März 1872, einem Sonntag, setzten sich ein gutes Dutzend Herrschaften, denn genau darum handelte es sich zu Zeiten des Kaiserreichs, in feuchtfröhlicher Runde an einen Tisch. Einträchtiges Ziel, keinesfalls nach Düsseldorfer oder Kölner, sondern nach Leipziger Vorbild: Gründung einer vom karnevalistischen Spiritus geprägten Vereinigung, um in kultiviertem Rahmen Lebenslust zu pflegen. Aus der Gesellschaft Klapperkasten wurde später der Klimperkasten – in Anspielung auf das Klavier und musikalische Gaudi. In großem Stil organisierte man Maskeraden und Faschingsbälle.

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Binnen weniger Wochen stieg die Mitgliederzahl auf 150. In der Satzung wurde eine Höchstgrenze von 222 Mitwirkenden verankert. Die Aufgabe wurde offiziell so formuliert: „Den bisher hierorts wenig gepflegten Sinn für Volksfeste zu nähren.“ Schon damals war man der Ansicht, dass in der Hansestadt „wegen der Mentalität ein carnevalistischer Gedanke nicht auf fruchtbaren Boden fallen könnte.“ Jeder Bewerber brauchte einen vorzüglichen Leumund, zwei ehrbare Bürgen – und eine bärenstarke Kondition. Es gab Anwärter und Wartelisten.

Waren anfangs überwiegend Kaufleute, Schauspieler und Journalisten dabei, stellte sich die Vereinigung allmählich breiter auf. Die erstaunlich gut erhaltene Chronik belegt famose Festivitäten – meist im Stadttheater am Dammtor oder im Sagebielschen Etablissement an der Drehbahn. Die vornehme Gesellschaft ließ die Puppen tanzen. Und wie.

Hauptpastor gegen Karnevalsumzug durch die Hamburger Innenstadt

In der Regel waren nicht nur die Lokalitäten brechend voll. Auch anlässlich des 25. Geburtstags, der am 29. März 1897 im Conventgarten nahe der Bleichenbrücke inszeniert wurde, ging’s furios zur Sache. Das bestickte Banner von damals wird nach wie vor in Ehren gehalten. Mehrere Hundert Gäste ließen es sich an diesem Montag gut gehen.

Aber nicht jeder betrachtete das närrische Treiben mit Wohlgefallen. Ausufernde Versammlungen führten am Morgen danach zu Katerstimmung. Wer hat in solchem Zustand schon Lust zur Arbeit – oder zum Kirchgang?

Auf Geheiß von oben untersagte die Verwaltung zeitweise Feiern am Sonnabendabend. Und am 21. Februar 1873, Uronkel Carl Wilhelm führte das Klimperkasten-Regiment, schrieb der Hauptpastor von St. Petri – auch im Namen seiner beiden Kollegen – einen Brief an Senator Carl Friedrich Petersen. Der Senat möge den von der Gesellschaft beantragten Karnevalsumzug durch die Hamburger Innenstadt verhindern. So geschah es letztlich auch. Die Kirche blieb im Dorf.

Eintrittskarten zu Maskenbällen wurde auf dem Schwarzmarkt gehandelt

Den Annalen sind köstliche Details zu entnehmen. Sorgfältig verwahrt werden ein Ratsbuch aus der Anfangszeit, in schweres Holz gebunden, ein gewichtiger Gong in Form einer Narrenkappe, Kerzenleuchter aus Silber, Zinnbecher und ein filigran gedrechselter Schrank von anno 1877. Darin wurden Orden verwahrt. Damals wie heute gibt es viele verschiedene dieser Ehrenabzeichen. Oft sind darauf das Hamburger Wappen, der Michel oder Hafenmotive zu sehen.

Wer sein Ornat mit solchen Orden reich verzierte, galt im Karneval als Koryphäe. Doch nur wenige brachten es zum hanseatischen Prinzen. Eine Lokalrunde auf diesen Ehrentitel konnte schwer ins Geld gehen. Vor allem in den 1970er- und 1980er-Jahren standen Maskenbälle im Atlantic-Hotel oder im CCH hoch im Kurs. Eintrittskarten wurden sogar auf dem Schwarzmarkt gehandelt.

Wenn sich Uronkel Klaus, Kassenbiene Jürgen, der Erste Großonkel „Flenki“ und rund 60 andere Onkel und Tanten am 28. März zum 148. Stiftungsfest versammeln, sind das Banner von 1897 und weitere Insignien glorreicher, indes vergangener Tage dabei. Die Hoffnung lebt, dass es eines Tages wieder so wird wie früher. Hamburger haben keinen Humor? Wäre doch gelacht.

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