Hamburg

UKE sucht Körperspender – die noch 1200 Euro draufzahlen

Ob mit Modellen oder Leichen: Die medizinische Aus- und Fortbildung muss auch künftig praxisbezogen bleiben.

Ob mit Modellen oder Leichen: Die medizinische Aus- und Fortbildung muss auch künftig praxisbezogen bleiben.

Foto: Waltraud Grubitzsch / picture alliance

Weil die Zahlen zurückgehen, wirbt die Klinik um Interessenten. Diese müssen die Kosten selber tragen. Warum es sich trotzdem lohnt.

Hamburg. Gudrun Meyer (Name von der Redaktion geändert) ist eine bekannte Hamburger Senioren-Sportlerin. Ihr Name wird hin und wieder in der Öffentlichkeit genannt. Doch in diesem Fall will sie, dass ihr Name nicht in der Zeitung steht und schon gar nicht, dass sie fotografiert wird. Denn es geht um ein brisantes Thema: ihren Leichnam.

Nach dem Tod möchte Gudrun Meyer ihren Körper der Wissenschaft zur Verfügung stellen. Dazu würde sie gerne mit dem Institut für Anatomie und Experimentelle Morphologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) eine Art Testament abschließen.

In einer „Erklärung über eine Körperspende“ könnte die Seniorin bis auf Widerruf verfügen, dass sie ihren Körper nach dem Ableben dem UKE „zum Zweck der Lehre und Forschung in der Anatomie“ zu Verfügung stellt. Voraussetzung ist, das die Interessenten mindestens 50 Jahre alt sind und im Großraum Hamburg leben. Das ist in ihrem Fall gegeben. Die Gesamtkosten betragen 1200 Euro.

UKE sucht dringend Körperspender

Und genau das ist das Problem für die potenzielle Körperspenderin. Diese Kosten sind seit dem Wegfall des Sterbegeldes durch die Krankenkassen von den interessierten Spendern selbst zu tragen, und zwar zu Lebzeiten, wie eine UKE-Sprecherin jetzt auf Abendblatt-Anfrage bestätigte. Gudrun Meyer findet das nicht akzeptabel. Auch in anderen Kliniken wird übrigens so verfahren: In Greifswald und Rostock sind es 800 Euro, in München 1150 Euro. Dass die Körperspende steuerlich beim Finanzamt abgesetzt werden könnte, ist nach Expertenangaben nicht möglich.

Bis vor 15 Jahren hatten die Krankenkassen die Kosten der Bestattung übernommen. Doch das Sterbegeld, das im Fall einer Körperspende an die Universitäten überging, wurde 2004 abgeschafft. Jetzt müssen die Körperspender die Kosten für ihre spätere Bestattung tragen.

Zahlen der Körperspenden drastisch zurückgegangen

Zwar betont UKE-Institutsdirektor Professor Udo Schumacher: „Wir sind über jeden, der seinen Körper für die Wissenschaft zur Verfügung stellt, sehr dankbar.“ Doch die Zahl der abgeschlossenen Vermächtnisse ist seit der Änderung drastisch gesunken. Wie aus einer Statistik des Anatomischen Instituts hervorgeht, lag sie im Jahr 1996 noch bei 300. Von 2005 an schwankt sie nun zwischen 50 und 90.

Eine Ausnahme bildete allerdings das vergangene Jahr, in dem immerhin 197 Vermächtnisse vorlagen. „Der enorme Anstieg ist auf diverse Zeitungsartikel über den Bedarf an Körperspenden und die abschließende Gedenkfeier nach dem Wintersemester zurückzuführen“, sagt UKE-Sprecherin Saskia Lemm. Zudem würde das UKE nur „sehr selten“ Körperspenderanfragen ablehnen – dies vor allem dann, wenn die Körperspender zu weit weg von Hamburg wohnen.

Gedenkfeier von Medizinstudenten für ihre Spender

Um der Körperspender ehrend zu gedenken, veranstalten die Medizinstudenten mit dem UKE regelmäßig eine Gedenkfeier für sie. Die Angehörigen sind eingeladen. Die nächste Veranstaltung dieser Art findet an diesem Mittwoch im UKE statt.

Weil häufig verschiedene Körperregionen zu unterschiedlichen Zeitpunkten anatomisch untersucht werden, erfolgt die Beisetzung in der Ehrenanlage des UKE-Instituts für Anatomie meist in einem Zeitraum von zwei bis drei Jahren nach dem Ableben. Auf dem Grabstein steht diese Inschrift: „Im Tod dem Leben dienen.“

Körperspenden lohnen sich – für die Medizin

Bereits kurz nach dem Ableben muss der Leichnam gut ein halbes Jahr lang konserviert werden, damit die natürliche Verwesung verhindert wird. Auch in den vergangenen Monaten konnten die Studierenden Kno­chen, Bänder, Gelenke und die inneren Organe am nicht mehr lebenden Beispiel kennen­lernen. Zahlreiche Menschen hatten dafür ihre Körper gespendet.

Neben den Studenten der Medizin und Zahnmedizin nutzten auch chirurgisch tätige Ärzte die Möglichkeit der praxisbezogenen Fortbildung am Institut für Anatomie und Experimentelle Morphologie. So konnten beispielsweise neue Operationstechniken erprobt werden. Etwa 400 Medizin- und Zahnmedizinstudenten werden am Hamburger Institut für Anatomie praktisch ausgebildet.

Testament sollte Passus zu Körperspende enthalten

Weil die Bereitschaftszahlen nach dem Wegfall des Sterbegeldes durch die Krankenkassen gesunken sind, sucht das UKE weiterhin dringend potenzielle Körperspender. „Wir werden auch künftig dafür werben“, sagt UKE-Sprecherin Saskia Lemm. Womöglich lassen sich Menschen wie die Seniorensportlerin Gudrun Meyer am Ende dann doch überzeugen.

Bestatter weisen darauf hin, dass die mit einer Körperspende bedachten Institute nicht automatisch vom Ableben des Spenders erfahren. Daher wird ihnen empfohlen, ihre Entscheidung über die Verwendung des späteren Leichnams den Angehörigen rechtzeitig mitzuteilen und testamentarisch zu verfügen. Die Familie sollte sich auf jeden Fall darüber im Klaren sein, dass die Bestattung erst mehrere Monate oder vielleicht auch Jahre nach dem Sterbefall stattfinden kann, betonen Hamburger Bestatter. Um die Beisetzung kümmerten sich auch an deren Universitäten die Anatomischen Institute.