Extremsport

Wie es ist, in 57 Tagen allein durch die Antarktis zu reisen

Anja Blacha am Startpunkt ihrer Expedition durch die Antarktis. Die Bielefelderin zog ihre gesamte Verpflegung und Ausrüstung auf einem Spezialschlitten hinter sich her.

Anja Blacha am Startpunkt ihrer Expedition durch die Antarktis. Die Bielefelderin zog ihre gesamte Verpflegung und Ausrüstung auf einem Spezialschlitten hinter sich her.

Foto: Anja Blacha

Anja Blacha hat es als erste Frau unbegleitet und ohne Hilfsmittel zum Südpol geschafft. Hier schildert sie ihre Erfahrungen.

Hamburg. Alles um sie herum war weiß. So weiß, dass sie oben und unten kaum von rechts und links unterscheiden konnte. Sturmböen mit Geschwindigkeiten von bis zu 100 Kilometern pro Stunde peitschten den Schnee horizontal in ihr Gesicht. Der schwere Sturm brachte ein White-out mit sich; dieses Wetterphänomen, bei dem die Konturen der Landschaft zu einer milchigen, undurchsichtigen Masse verschwimmen, die Orientierung unmöglich macht.

Als sie in ihrem Zelt die diversen Lagen Oberbekleidung ablegte, waren zwischen allen Schichten Eisklumpen zu finden. „Es hat Tage gedauert, bis ich die Sachen wieder einigermaßen getrocknet hatte“, sagt Anja Blacha, „und in solchen Momenten fragt man sich, warum man sich das antut.“

Blacha reiste als erste Frau unbegleitet und ohne Hilfsmittel

Antworten auf diese Frage hat die 29 Jahre alte Extremsportlerin aus Bielefeld allerdings so viele gefunden in den 57 Tagen, 18 Stunden und 50 Minuten, die ihre unglaubliche Mission gedauert hat, dass die kurzen Momente des Zweifels dahinter so schnell verschwanden wie der Horizont beim White-out. Anja Blacha hat als erste Frau der Welt die 1381 Kilometer lange Strecke von der Berkner-Insel, der größten Eiskuppel der Erde im antarktischen Filchner-Ronne-Schelfeis, bis zum geografischen Südpol hinter sich gebracht. Unbegleitet, ohne Hilfsmittel wie Gleitschirm oder Motor, nur mit speziellen Langlaufski und einem Schlitten, der zum Start ihrer Expedition mit 66 Kilogramm Nahrungsmitteln und 45 Kilo schweren Ausrüstungsgegenständen bepackt war, und den sie an einem um den Bauch geschnallten Gurt hinter sich herzog.

Auf Vorurteile gegenüber Frauen aufmerksam machen

Was macht so eine Erfahrung mit einem Menschen? Wie übersteht man solche Strapazen körperlich und psychisch? Anja Blacha hat, seit sie am 9. Januar um 18.50 Uhr mitteleuropäischer Zeit ihr Ziel erreichte, ein wenig Reflektionszeit gebraucht, um ihre Erlebnisse zu verarbeiten und wieder anzukommen im Alltag, den sie als Angestellte eines Telekommunikationsunternehmens in Zürich verbringt, wo sie am 18. Januar wieder landete. Im Abendblatt, das Anfang November als erste Zeitung über ihre Mission berichtete, möchte sie nun ihre Erlebnisse schildern. Es ging ihr von Anfang an nicht um persönliche Aufmerksamkeit, sondern darum, unter dem von der Hamburger Agentur Jung von Matt/SPORTS und dem Sportartikelhändler Intersport initiierten Claim „Not bad for a girl – almost impossible for everyone else“ („Nicht schlecht für ein Mädchen – fast unmöglich für alle anderen“) darauf aufmerksam zu machen, dass sich Frauen noch viel zu oft Vorurteilen ausgesetzt sehen, wenn es um männerdominierte Sportarten geht.

Nur zwei Männer waren vergleichbare Route angetreten

Als Anja Blacha am 12. November am Ausgangspunkt ihrer Tour stand und bei Sonnenschein und blauem Himmel die ersten Schritte auf antarktischem Eis machte, waren zwei Emotionen vorherrschend. „Ich war positiv aufgeregt, aber nicht angespannt, weil ich mich sehr gut vorbereitet fühlte. Aber da war auch das Gefühl von Unsicherheit, ob ich der Sache körperlich gewachsen sein würde“, sagt sie. Immerhin hatte es vor ihr nur wenige Menschen gegeben, die auf einer vergleichbaren Route angetreten waren. Der Brite Henry Worsley hatte im Januar 2016 sogar wegen einer akuten Bauchfellentzündung seine Expedition abbrechen müssen und war einige Tage später an multiplem Organversagen verstorben.

Sie war die erste deutsche Frau auf dem K2

Anja Blacha ist ein Mensch, der Ängste ausblenden kann. Sie versucht, Risiken durch akribische Vorbereitung zu minimieren. Den Anforderungskatalog, den die Antarctic Logistics Expeditions (ALE) als größter Anbieter für Südpol-Expeditionen an die Bewerber stellt und der unter anderem eine Polarexpedition von mindestens 21 aufeinander folgenden Tagen Länge, Navigationsfähigkeiten, Erfahrung im Umgang mit Gletscherspalten und eine Outdoor-Erste-Hilfe Ausbildung einfordert, konnte sie problemlos erfüllen.

In der Vorbereitung war sie vier Wochen in Grönland. Und sie hat viel Erfahrung mit Extremtouren. Sie war die erste deutsche Frau auf dem K2 (8611 Meter) in Pakistan, die jüngste deutsche Frau auf dem Mount Everest im Himalaya, dem mit 8848 Meter höchsten Gipfel der Erde – und die jüngste Deutsche, die die „Seven Summits“ bezwang, die jeweils höchsten Berge auf allen sieben Kontinenten.

Die längste Etappe dauerte 14 Stunden und umfasste 37 km

„Aber allein und ohne Hilfsmittel durch die Antarktis, das ist noch einmal eine ganz andere Herausforderung, weil ich nicht einschätzen konnte, wie mein Körper die Belastungen verkraften würde“, sagt sie. Im Rückblick seien die ersten 24 Stunden nach dem Start entscheidend gewesen für den Verlauf der gesamten Tour. „Die Ski glitten sehr gut, das Schlittenziehen und der Zeltaufbau klappten besser, als ich es erwartet hatte. Das hat mir ein extrem gutes Sicherheitsgefühl und viel Selbstvertrauen gegeben“, sagt sie.

Tatsächlich sei die physische Belastung für sie stets beherrschbar gewesen. Nur am Neujahrstag, als sich eine Erkältung ankündigte, habe sie freiwillig einen halben Tag pausieren müssen. Ansonsten schaffte sie, wenn nicht das Wetter sie zu Auszeiten zwang, alle ihre geplanten Tagesetappen; die längste betrug 37 Kilometer, für die sie gut 14 Stunden, unterbrochen nur von kurzen Pausen alle 90 Minuten, am Stück auf ihren Skiern stand. Die kürzeste Tagesdistanz betrug acht Kilometer. „da war mir wegen der Folgen des schweren Sturms so schwindelig, dass ich nicht anders konnte, als die Etappe vorzeitig abzubrechen“, sagt sie. Dass es zwei Wochen dauerte, bis die offenen Blasen an ihren Fersen, die sie nach dem ersten Tag in den Langlaufstiefeln plagten, abgeheilt und von Hornhaut überzogen waren, erwähnt Anja Blacha nur am Rande. „Wenn man einmal über den Schmerzpunkt hinweg ist, geht das schon. Man muss nur aufpassen, dass sich nichts entzündet.“ Sätze sind das, die viel über ihren Willen und die Fähigkeit zum Durchbeißen aussagen.

Scharfe Bodenwellen waren größte Herausforderung

Die größte Herausforderung seien nicht die Gletscherspalten gewesen. „Die habe ich vorher lokalisiert und konnte sie auf Schneebrücken überqueren oder umfahren“, sagt Anja Blacha, die die Navigation per Kompass erledigte. Diesen hatte sie sich in einem Halter vor den Bauch geschnallt, um die Hände frei zu haben, was den Nachteil hatte, dass sie durch das ständige Nach-unten-schauen in schwerem Wetter unter starken Nackenschmerzen litt. Die größte Herausforderung waren die Sastrugi, scharfe Bodenwellen aus Eis, die durch Winderosion entstehen.

„Es heißt bei Wikipedia, dass die 30 Zentimeter hoch seien. Ich habe aber welche gesehen, die größer waren als ich, und diese mit Schlitten auf Skiern zu umgehen, das war besonders hart“, sagt sie.

Tagesrationen in Plastikbeutel verpackt

5000 Kalorien musste die 1,67 Meter große Athletin täglich zu sich nehmen, um den Körper ausreichend zu versorgen. „Es war gar nicht so einfach, den Körper nach der Rückkehr wieder auf maximal die Hälfte der Kalorienmenge umzugewöhnen“, sagt sie. Die nötigen Tagesrationen hatte sie vor der Abreise in Plastikbeutel verpackt, um nicht vor Ort Zeit zu verlieren. Morgens gab es Müslimischungen, über den Tag verteilt Nüsse, Trockenobst und Energieriegel, aber auch Proteinshakes, um den von der Last des Schlittens extrem beanspruchten Magen-Darm-Bereich nicht mit unnötiger Verdauungsarbeit zu belasten.

Im antarktischen Sommer auch nachts unterwegs

Abends erwärmte sie sich auf einem Benzinkocher, dessen Flüssigbrennstoff sie ebenfalls mitführen musste, Wasser, um ihre gefriergetrocknete Mahlzeiten zuzubereiten. Den Kocher nutzte sie zudem, um Schnee in Trinkwasser umzuwandeln, das sie auch für die Körperpflege benötigte. Sich zu waschen und nasse Kleidung zu trocknen, das sei trotz der Außentemperaturen, die minus fünf Grad nicht überschritten und bis auf minus 35 Grad fielen, problemlos möglich, da das Zelt einen Gewächshauseffekt erzeuge. „Wenn die Sonne draufscheint, wird es da drin so warm, dass ich sogar mit offenem Schlafsack geschlafen habe. Und wenn die Sonne nicht scheint, hilft der Kocher, das Zelt zu erwärmen.“

Da im antarktischen Sommer die Sonne nie untergeht, konnte Anja Blacha auch nachts unterwegs sein, um ihre produktive Zeit zu erhöhen. In den Schlaf zu finden fiel ihr trotz der Helligkeit nie schwer. „Der Körper ist so erschöpft, dass man sofort einschläft, sobald man im Schlafsack liegt“, sagt sie. Acht Stunden Schlaf am Stück seien auf der ersten Hälfte ihrer Tour die Regel gewesen, sechs Stunden waren es auf der zweiten Hälfte.

Keine Reise, um sich selbst zu finden

Wäre sie selbst in Gefahr geraten, hätte sie mittels der beiden Satellitentelefone, die sie mit sich führte, Hilfe aus der Basisstation der ALE am Union-Gletscher anfordern können. Alle 24 Stunden musste sie sich dort melden, um ihre Koordinaten durchzugeben. Außerdem kommunizierte sie täglich über ein Satelliten-Kommunikationsgerät per SMS mit ihrer in Hamburg lebenden Schwester Kirsten (31), die die Expedition für die sozialen Medien aufbereitete.

Während diese Kontaktmöglichkeiten den meisten Menschen immerhin einen Anflug von Sicherheitsgefühl gegeben hätten, empfand Anja Blacha diese eher als störend. „Ich hätte mir gewünscht, noch mehr auf mich allein gestellt zu sein und wirklich nur kommunizieren zu müssen, wenn es einen Notfall gegeben hätte“, sagt sie. Das Alleinsein – erst auf der letzten Etappe zum Südpol traf sie einen Chinesen, der auf ähnlicher Strecke unterwegs war – habe ihr überhaupt nichts ausgemacht. „Im Gegenteil, ich habe es genossen. Vor allem auf der Passage durch die Berge, bei Kilometer 450 bis 650, war es atemberaubend schön, die Stille und die unberührte Natur zu erleben“, sagt sie.

Eine sechsstellige Summe aus Privatmitteln investiert

Es sei ihr nie darum gegangen, auf ihrer Reise zu sich selbst zu finden. Kontemplative Augenblicke habe es kaum gegeben. „Es ist schwer nachzuvollziehen, weil die meisten Menschen glauben, dass man viel Zeit zum Nachdenken hat, wenn man allein ist. Aber man ist derart beschäftigt, dass dafür wenig Zeit ist“, sagt sie.

Mit der Antwort auf die Frage, in welcher Form ihre Expedition sie verändert habe, tut sich Anja Blacha schwer. „Ich weiß nicht, ob die Tour an sich prägend ist. Vielmehr muss man schon vor dem Start bereit sein für das, was man erlebt, weil man es sonst nicht durchhält“, sagt sie. Bei ihrer Ankunft im Camp, das die ALE während des Sommers für ein paar Wochen am Südpol unterhält, habe sie sich über frisches Essen und beheizte Zelte gefreut – und darüber, „dass ich einen Tag lang ohne Verpflichtungen faul sein konnte.“

Bereits im April geht es wieder ins Eis – zum Nordpol

Als die Mission geschafft war, habe sie eine Mischung aus Erleichterung und Wehmut verspürt. „Erleichterung, weil ich es gesund hinter mich gebracht hatte. Wehmut, weil es eine besondere und eindrückliche Erfahrung war, die ich in vielen Aspekten auch genossen habe." Schon auf den letzten Etappen sei der Wunsch präsent gewesen, noch einmal von vorn beginnen zu können, „weil ich überzeugt davon bin, dass ich mit den Erfahrungen, die ich gesammelt habe, zehn Tage schneller sein könnte“, sagt sie. Dennoch wird es eine Wiederholung nicht geben. „Ich muss mich auch finanziell erholen“, sagt sie. Eine sechsstellige Summe hat sie für das Südpol-Abenteuer aus Privatmitteln investiert.

Was kann noch kommen, wenn man eine solche Mission erfolgreich beendet hat? Anja Blacha will sich Zeit nehmen, um das herauszufinden. Ob aus ihrem gesammelten Material ein Film entsteht oder ein Buch, hat sie noch nicht entschieden. Zahlreiche Anfragen für Interviews und Fernseh-Talkshows liegen ihr ebenso vor wie Einladungen für Vorträge. „Ich weiß, dass es neue Herausforderungen geben wird. Aber ich weiß nicht, welche das sein werden.“

Klar ist, dass das Eis sie nicht mehr loslässt. Der nächste Trip ist bereits geplant, im April geht es für zwei Wochen zum Nordpol. Anja Blacha glaubt, dass das ein Erholungsurlaub wird.