Poppenbüttel

Wenn Bürger und Geflüchtete gemeinsam ein Haus bauen

Bauleiter Milan Pribnow (l.) steht mit Thomas Littmann, Initiator des Vereins „Poppenbüttel Hilft“, vor den Bauplänen.

Bauleiter Milan Pribnow (l.) steht mit Thomas Littmann, Initiator des Vereins „Poppenbüttel Hilft“, vor den Bauplänen.

Foto: Andreas Laible / Andreas Laible / FUNKE Foto Services

Neben einer Neubausiedlung in Poppenbüttel entsteht derzeit ein besonderes Gebäude. Beim Bau des Begegnungshauses packen alle mit an.

Hamburg. Es ist kalt an diesem Morgen im Januar. Aber das scheint die Männer und Frauen, die hier in Poppenbüttel konzentriert arbeiten, nicht zu stören. Ganz im Gegenteil. Sie laufen hin und her. Schleifen. Sägen. Hämmern. Einige von ihnen nur im Pulli, so warm ist ihnen bei der Arbeit geworden. Thomas Littmann steht zwischen all den engagierten Helfern: „Herzlich willkommen in unserem Haus der Begegnung“, sagt er.

Littmann ist der Initiator dieses einzigartigen Projektes in Poppenbüttel. Er hatte die Idee, ein Begegnungshaus zu bauen. Direkt neben einer Neubausiedlung. Einer Siedlung, die umstritten war, weil hier derzeit 300 Geflüchtete wohnen. Eine Siedlung, wegen der sich ein gemeinnütziger Verein unter dem Namen „Poppenbüttel Hilft“ gründete. Der Verein ist es auch, der das neue Begegnungshaus baut. Mit dabei sind die engagierten Bürger aus dem Viertel, einige Mitbewohner aus der Ambulanten Sozialpsychiatrie Ohlendiekshöhe. Und eine ganze Menge Geflüchtete, die gleich um die Ecke wohnen. Nur die Grundmauern wurden geliefert und befestigt, der Rest entsteht seitdem in gemeinsamer Handarbeit. „Das hier ist seit mehr als eineinhalb Jahren gelebte Integration“, so Littmann.

Die Idee eines gemeinsamen Hausbaus entstand 2015

Er hat „Poppenbüttel Hilft“ zusammen mit Nachbarn und Freunden auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015 gegründet. „Wir wollten Haltung zeigen. Die Menschen hier willkommen heißen. Helfen. Integrieren.“ Und einen Punkt setzen gegen andere Initiativen, die unter dem Deckmantel des Einsatzes für eine gute Integration in Wirklichkeit nur erreichen wollten, dass möglichst wenige Geflüchtete in ihr Viertel ziehen. „Also haben wir uns zusammengetan.“ Mit dabei waren von Anfang an auch die Kirchengemeinden des Stadtteils.

Irgendwann in diesen turbulenten Wochen im Herbst 2015 kam Littmann die Idee eines gemeinsamen Hausbaus. „Ich wollte ein Projekt, das den sozialen Zusammenhalt stärkt.“ Eins, bei dem Anwohner und Geflüchtete auf Augenhöhe miteinander zu tun haben. Bei dem die Menschen aus Syrien, Irak, Afghanistan und Eritrea eingebunden werden, eine sinnvolle Aufgabe bekommen. Für Littmann ist das der Schlüssel einer gelungenen Integration.

HafenCity Universität und eine Schule für Bautechnik stiegen mit ein

Der engagierte Pensionär stellte seinen Mitstreitern die Idee vor. Die waren begeistert. Aber auch der Meinung, dass es unmöglich sei, so etwas umzusetzen. Also begann Littmann, ihnen das Gegenteil zu beweisen. „Ich habe die Pläne dem Bezirksamtsleiter vorgestellt.“ Der war bereit, im Bebauungsplan für die Siedlung extra ein Baufeld für das Begegnungshaus auszuweisen. Auch Hamburgs Sozialsenatorin Melanie Leonhard präsentierte Littmann seine Idee. Und sammelte so Stück für Stück immer mehr Unterstützer. Parallel dazu begann er, Kontakte zu Bildungseinrichtungen zu knüpfen.

Die HafenCity Universität (HCU) stieg in das Projekt genauso ein wie die Gewerbeschule 19, eine berufliche Schule für den Bereich Bautechnik. „Schließlich brauchten wir den einen oder anderen, der sein Fachwissen einbringen konnte.“ Ein halbes Jahr später wurde so aus einer ungewöhnlichen Idee ein richtig großes Projekt. Geld dafür sollte vom Hamburger Integrationsfonds kommen, auch darum hatte Littmann sich gekümmert.

Das Grundstück für das Begegnungshaus gehört „Fördern und Wohnen“

Bis das Haus Formen annahm, sollten allerdings drei Jahre vergehen. In dieser Zeit sammelten die Beteiligten in Workshops Wissen über Hausbau. Ein Architektenwettbewerb wurde ausgeschrieben, die Anträge ausgestellt und genehmigt, die man für einen solchen Bau benötigt. „Aus heutiger Sicht betrachtet, war es schon ein zäher und anstrengender Prozess“, sagt Littmann. Erst Anfang 2019 waren alle Genehmigungen erteilt. Der Bau konnte beginnen.

Wenige Wochen später wurden das Fundament gegossen und die tragenden Wände angeliefert. „Diesen Teil mussten wir in professionelle Hände geben“, sagt Littmann. „Das hätten wir Laien nicht hinbekommen.“ Immer wieder greifen die Bauherren seitdem auf professionelle Hilfe zurück, etwa beim Heizungsbau, dem Strom oder der Küche. „Das muss allein aus versicherungstechnischen Gründen sein.“

Alles andere allerdings machen die Bürger selbst. Unterstützt werden sie von Milan Pribnow. Er ist der Bauleiter. Bezahlt wird der 34-Jährige von „Fördern und Wohnen“ – dem stadteigenen Unternehmen gehört auch das Grundstück, auf dem das Begegnungshaus gebaut wird. Und das Haus selbst.

Jeden Morgen finden sich Männer und Frauen auf der Baustelle ein

In wenigen Monaten soll es in Betrieb genommen werden. Noch fehlen Küche, Fußböden, Toiletten und die gesamte Einrichtung. „Aber wir wollen im Mai endlich fertig werden.“ Viel zu oft habe sich etwas verzögert. „Wobei wir ja zudem noch in der speziellen Situation stecken, dass wir ganz und gar auf das Engagement der Helfer angewiesen sind.“ Das klappe aber erstaunlich gut. Jeden Morgen finden sich Männer und Frauen auf der Baustelle ein. Am Nachmittag wechselt die Besetzung zumeist. „Dann kommen die Geflüchteten dazu. Die sind morgens immer noch bei Sprachkursen oder anderen Maßnahmen“, sagt Littmann. Das funktioniere ohne Dienstpläne oder große Absprachen. „Es sind immer genug da.“

Das bestätigt auch Bauleiter Pribnow. „Klar, hin und wieder braucht man etwas mehr Geduld“, sagt er. Aber allen Beteiligten sei es ausgesprochen wichtig, dass das Haus schön werde. „Und so passieren fast weniger Fehler, als wenn Profis am Werk sind.“ Die Helfer würden einfach sehr genau arbeiten. Er habe viel Spaß auf der Baustelle.

Einige Stiftungen haben ihre Unterstützung zugesagt

Rund 700.000 Euro wird der Bau am Ende etwa kosten, inklusive der Inneneinrichtung. Nicht alles übernimmt dabei der Integrationsfonds, berichtet Littmann. Auch einige Stiftungen haben ihre Unterstützung zugesagt, etwa für spezielle Smartboards, Beamer, Leinwand, die bei Sprachkursen helfen sollen. Oder für die Küchenausstattung. Die Küche selbst ist zum allergrößten Teil aus Mitteln des Vereins „Poppenbüttel Hilft“ finanziert worden.

250 Quadratmeter ist das Haus groß. Die Form entspricht der eines Kreuzes. Innen ist alles bereits genau verplant. Da gibt es zwei kleine Räume für den Sprachunterricht. 50 ehrenamtliche Helfer helfen bereits jetzt den Geflüchteten jeden Tag, die deutsche Sprache zu erlernen. „Damit decken wir nur die Menschen hier aus der Siedlung ab“, sagt Littmann. Das Ziel des Einzelunterrichts: Die Geflüchteten sollen die anspruchsvollen staatlichen Sprach- und Integrationskurse bestehen können. „Denn sie stellen faktisch die Voraussetzung für den Berufseinstieg dar.“ Nebenan soll es Sportkurse geben. „Dabei haben wir besonders die Frauen im Blick, die hier hinter verschlossener Tür an den Kursen teilnehmen könnten.“ Eine Fahrradwerkstatt ist ebenfalls in Planung.

Und direkt neben der großen Küche entsteht ein kleines Café. Das wird der Verein „Poppenbüttel Hilft“ gemeinsam mit den geflüchteten Frauen organisieren. „Darunter sind nämlich einige begnadete Bäckerinnen“, so Littmann. Eine weitere Ecke ist für eine kleine Bibliothek vorgesehen, auch Musikkurse soll es geben. Er selbst freut sich schon jetzt auf den Moment, wenn er hier zum ersten Mal in dem kleinen Café als Gast sitzt. Bei Tee und einem Stück Kuchen.