Havarie

Wie ein Hamburger das Drama der „Wilhelm Gustloff“ erlebte

Die „Wilhelm  Gustloff“ (l.) neben der „Cap Arcona“ im Hamburger Hafen.

Die „Wilhelm Gustloff“ (l.) neben der „Cap Arcona“ im Hamburger Hafen.

Foto: picture alliance

Werner Janssen war als Soldat Augenzeuge, als das Schiff 1945 auf der Ostsee Schräglage bekam und Tausende Menschen starben.

Hamburg/Gotenhafen.  Ein Geräusch mischt sich unter das Toben des Windes. Seltsam, beinahe gespenstisch klingt es. Werner Janssen weiß bis heute nicht, ob es menschliche Schreie waren, die er damals als Matrosenobergefreiter gehört hat. Es wäre sehr gut möglich, wahrscheinlich sogar. Denn es gibt viele Schreie seinerzeit vor 75 Jahren, panische, gequälte Rufe von Menschen, die um ihr Leben kämpfen. Das eisige Wasser der Ostsee setzt den in den Fluten treibenden Verzweifelten zu, wird zur tödlichen Gefahr für Tausende Opfer, die beim Untergang des Passagierdampfers „Wilhelm Gustloff“ ins Meer gespült worden sind. Und die auf Rettung hoffen – die meisten von ihnen vergebens.

Werner Janssen wurde Zeuge der Katastrophe, die als das verlustreichste Schiffsunglück der Welt in die Geschichte eingegangen ist. Wie viele Opfer der Untergang des Kreuzfahrtschiffs am 30. Januar 1945 genau gefordert hat, ist bis heute unklar. Gesichert ist nur, dass 1239 Menschen überlebt haben. Die Zahl der Toten wird später auf 10.300 geschätzt.

„Wilhelm Gustloff“ war seinerzeit das größte Kreuzfahrtschiff der Welt

Janssen, der später Medizin studierte und in Hamburg bis 1991 Direktor des Instituts für Rechtsmedizin war, hatte damals als junger Soldat der Marine Dienst auf dem Schweren Kreuzer „Admiral Hipper“. Das Schiff war etwa 500 Meter vom Unglücksort entfernt auf der Ostsee unterwegs. „Ich war zutiefst erschrocken, dass so viele im Wasser waren“, erinnert sich der 95 Jahre alte Hamburger. „Und ich habe gesehen, wie die ,Wilhelm Gustloff‘ unterging. Vor meinen Augen ging das Heck hoch, der Bug runter.“

Die „Wilhelm Gustloff“ gehörte zu den Urlaubsschiffen aus der Flotte der nationalsozialistischen Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ und ist seinerzeit das größte Kreuzfahrtschiff der Welt. Im Zweiten Weltkrieg wird es von der Kriegsmarine auch als Lazarettschiff und Verwundetentransporter genutzt und ist seit Anfang 1945 immer wieder von Gotenhafen in Ostpreußen aus im Einsatz, um Verwundete und Flüchtlinge nach Westen zu bringen.

Mehr als 10.000 Menschen an Bord

Ebenfalls in Gotenhafen liegt auch die „Admiral Hipper“, auf der Janssen als 20-Jähriger nach seiner Ausbildung auf einem Kriegsschiff und in der Marinekriegsschule eingesetzt wird. „Die ,Admiral Hipper‘ war gut 200 Meter lang“, erzählt der pensionierte Mediziner. Sie hatte rund 1300 Mann Besatzung. „Ich war Offiziersanwärter, hatte das Lenken großer Schiffe gelernt. Ich war der Steuermann.“ Im Gefecht allerdings war sein Posten in der Rechenstelle der schweren Artillerie des Schiffes. „In Gotenhafen wurden wir im Sommer 1943 auch von den Engländern angegriffen. Die Bomben schlugen neben unserem Schiff ein“, erinnert Janssen. „Wir hatten Glück, dass wir nicht getroffen wurden.“

Schließlich, Ende 1944, kommt die Front der Roten Armee immer näher. „Nachts konnte man den Geschützdonner hören.“ Die „Wilhelm Gustloff“ ist die große Hoffnung der Zivilisten, die mit ihr nach Westen flüchten wollen. Auch die „Admiral Hipper“ bekommt den Einsatzbefehl, schwer beladen mit Munition. „Wir haben gesehen, wie die ,Gustloff‘ Gotenhafen verließ, die mit mehr als 10.000 Menschen an Bord total überladen war. Und wir hatten als Kriegsschiff zusätzlich rund 2000 Flüchtlinge übernommen“, erzählt Janssen.

Antreten zum Babyempfang

„Plötzlich kam noch ein Stadtbus angefahren, darin etwa zwanzig Neugeborene und Pflegepersonal. ,Antreten zum Babyempfang‘ hieß unser Befehl kurz vorm Auslaufen.“ Die Babys werden ins Bordlazarett gebracht und dort von den Krankenschwestern gepflegt. „Als wir dann mit der ,Admiral Hipper‘ ausliefen, war es neblig, kalt und sehr windig. Das Schiff war schwer zu steuern.“

Sie fahren in etwa dieselbe Strecke wie die „Wilhelm Gustloff“, deren Kommandant sich für eine Route durch weniger flache Gewässer weit vor der Küste der Ostsee entschieden hat. Er macht dies, um für das schwer beladene Schiff mehr Wasser unterm Kiel zu haben. Außerdem setzt er Positionslichter, um Kollisionen mit Schiffen der deutschen Marine zu vermeiden. In der Nacht – Steuermann Janssen steht mit dem Kapitän auf der Brücke der „Admiral Hipper“ – „konnten wir plötzlich in der Entfernung rote Raketen sehen“. Der Kommandant habe gefragt: „Warum kommt dort das Notsignal?“

Es bricht Panik aus

„Wir kamen näher“, schildert Janssen. „Plötzlich schrie der Kapitän: ,Das ist die Gustloff!‘ Das riesige Schiff lag still, das Oberdeck war taghell erleuchtet, man sah die Schrägstellung zum Wasser.“ Die „Gustloff“ ist von Torpedos des sowjetischen U-Boots S-13 getroffen worden. Das Schiff beginnt sich zu neigen. Es bricht Panik aus. Und es gibt bei Weitem nicht ausreichend Rettungsboote. Menschen stürzen von dem Schiff, das immer weiter Schlagseite bekommt, ins Wasser.

„Wir haben gestoppt und gedreht, um zu retten“, erzählt Zeitzeuge Janssen. Dass es andere Darstellungen gibt, wonach die „Admiral Hipper“ einfach weitergefahren sei, ohne anzuhalten, ärgert den 95-Jährigen und macht ihn traurig. „Wir bekamen im Gegenteil den Befehl, Rettungsboote fertig zu machen.“ Sie hätten viele, viele Menschen im Wasser treiben und um ihr Leben kämpfen sehen. „Unser Kapitän meinte, das halten sie keine fünf Minuten aus in dem eisigen Wasser.“ Vorbereitungen für die Rettungsmaßnahmen werden auf der „Admiral Hipper“ getroffen. Zwei andere Schiffe können mehr als Tausend Opfer aus den Fluten retten. Dann aber wird das deutsche Flottentorpedoboot „T 36“ ebenfalls von einem sowjetischen U-Boot angegriffen. Es gibt Torpedoalarm.

Schwierige Entscheidungen

Daraufhin habe der Kapitän der „Admiral Hipper“ sinngemäß gesagt: „Wir liegen hier als Zielscheibe.“ Und das mit 2000 Zivilisten an Bord. „Wir lagen da als großer Kasten, voll mit Flüchtlingen. Das war die Verantwortung“, schildert Janssen. „Wir mussten damals bei eisigem Wind und Wellengang und unter Beschuss schwierige Entscheidungen treffen.“ Der Kommandant gibt den Befehl: „Hart Steuerbord.“ Und den Alarm: „Gefechtsgang.“ Es gilt, die Menschen an Bord der „Admiral Hipper“ in Sicherheit zu bringen.

„Wir mussten weg, das war wichtig. Auch hier ging es um Menschenleben. Unser Kapitän war ein tapferer Mann und verantwortungsbewusst“, sagt Janssen. Noch mindestens anderthalb Tage habe ihr Schwerer Kreuzer gebraucht, um Kiel zu erreichen. „Und die 2000 Zivilisten an Bord und die 20 Babys konnten wir alle wohlbehalten an Land abliefern.“