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Der Winter in Hamburg ist viel zu warm – was bedeutet das?

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Edgar S. Hasse
Das Wetter in Hamburg an diesem Wochenende: Die Außenalster war bereits am Freitag bei strahlendem Sonnenschein und Temperaturen um elf Grad. Zwei Ruderer genießen den ungewöhnlich milden Winter.

Das Wetter in Hamburg an diesem Wochenende: Die Außenalster war bereits am Freitag bei strahlendem Sonnenschein und Temperaturen um elf Grad. Zwei Ruderer genießen den ungewöhnlich milden Winter.

Foto: Thorsten Ahlf

Frühlingshafte Temperaturen bringen Fauna und Flora durcheinander. Insekten droht der Hungertod, Allergiker leiden unter Pollenflug.

Hamburg. Sonnenschein, blauer Himmel, milde Temperaturen: Die Abendblatt-Wetterstation am Großen Burstah hat am Freitagmittag frühlingshafte 11,4 Grad. Ist das noch die „kalte Jahreszeit“? Tatsächlich fällt die Halbzeitbilanz für den Winter in der Hansestadt rekordverdächtig aus.

Die „Prognose des Grauens“, von der kürzlich Diplom-Meteorologe Dominik Jung sprach, wurde – zumindest bis jetzt – Wirklichkeit: Der Winter 2019/2020 ist ein Totalausfall und gehört zu den wärmsten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. „Es ist in Hamburg derzeit 5,3 Grad Celsius zu warm“, sagte Oliver Weiner vom Deutschen Wetterdienst (DWD) dem Abendblatt und verglich diesen Wert mit dem langjährigen Mittel von 1961 bis 1990. Der bisherige Monat Januar war alles in allem sogar 5,9 Grad zu warm.

Winter in Hamburg zu warm

Grund für die milde und regenarme Wetterlage sind die vielen atlantischen Tiefausläufer mit Südwestströmung. Ein klirrend kalter Winter braucht aber polare Luftmassen, am besten die sogenannte Russenkälte mit „Väterchen Frost“.

Doch in Teilen Sibiriens gehen erst in den nächsten Tagen die Temperaturen vom Gefrierpunkt auf minus 20 Grad zurück. Wie DWD-Experte Oliver Weiner sagte, seien auch Regionen Sibiriens und Skandinavien „deutlich überdurchschnittlich mild temperiert“. Die „kältesten“ Orte in Norddeutschland waren in den vergangenen Wochen Waren an der Müritz (4,3 Grad) und das niedersächsische Soltau (4,6 Grad).

Pollenflug macht Allergikern zu schaffen

Der milde Winter wirbelt Fauna und Flora kräftig durcheinander und bringt Allergiker schon jetzt zum Niesen. Mittlerweile haben heimische Haseln an geschützten Standorten ihre Kätzchen geöffnet, heißt es auf dem Webportal Pollenflug Nord. Generell, sei bei den Frühblühern Hasel, Erle, Esche und Birke, Eiche und Rotbuche eine „Verfrühung des Blühmaximums“ erkennbar, sagt der Naturwissenschaftler Reinhard Wachter, der diese Informationsseite betreibt.

Weil sich durch die globale Erwärmung die Bedingungen für das Pflanzenwachstum verbessert haben, setzt der Pollenflug immer früher ein. „In den vergangenen 30 Jahren hat sich die Pollensaison in Deutschland deutlich verlängert. Aber sie ist auch intensiver geworden“, sagt der Leiter des Allergie-Cen­trums der Berliner Charité, Torsten Zuberbier. Rund 15 Prozent der Deutschen leiden nach Daten des Robert-Koch-In­stituts (RKI) an Heuschnupfen.

Fauna und Flora sind durcheinander

Der Naturschutzbund Hamburg (Nabu) hat zahlreiche Daten und Fakten zu den Auswirkungen des bislang zu warmen Winters parat. Bei Pflanzen wie Schneeglöckchen und Krokussen treiben schon die ersten Blüten aus, sagt Nabu-Referentin Ilka Bodmann. „Das ist teilweise mehr als vier Wochen zu früh.“ Zwar seien heimische Pflanzenarten gut angepasst und könnten nach einer Frostperiode später erneut austreiben. Sie könnten aber weniger widerstandsfähig gegenüber anderen Wetterkapriolen werden. Mehr noch: Aus ihrem Rhythmus gebracht werden Igel und Fledermäuse, wenn milde Phasen zu häufig mit Kälteeinbrüchen wechseln. Dann reichen die angelegten Fettreserven unter Umständen nicht mehr aus, um den Winter in Gänze zu überstehen.

Hart könnte es unter den heimischen Insekten die Schmetterlinge, wie beispielsweise das Tagpfauenauge und den Kleinen Fuchs, treffen. Bei Temperaturen um zehn Grad Celsius sitzen sie bereits in den Startlöchern. Würde – wie jetzt – Sonnenschein sie nach draußen locken, drohe ihnen der Hungertod, weil sie noch keine Nahrung fänden, betont die Nabu-Expertin. Zecken und Eichenprozessionsspinner profitieren indes vom milden Winter. Zecken könnten schon im Januar aktiv werden und hungrig über die Wiesen streifen. Mit den warmen Wintern könnte nach Angaben der Hamburger Forstwirtschaft die Auwaldzecke (Dermacentor reticulatus) einwandern. Sie überträgt auf Hunde die Erreger der Krankheit Babesiose („Hunde-Malaria“). Die aus dem Balkan und Norditalien stammende Zeckenart wurde bereits im Raum Lübeck nachgewiesen.

Winterdienst bei frühlingshaften Temperaturen?

Relativ entspannt reagieren unterdessen die Mitarbeiter der Hamburger Stadtreinigung auf den bisherigen Totalausfall des Winters. Glatteis-Einsätze in den frühen Morgenstunden und der Kampf gegen die Schneemassen, wie sie sich mit der Schneekatastrophe 1978/79 ins kollektive Gedächtnis eingegraben haben, fallen aus.

Der zurzeit milde Winter wirkt sich auf den Winterdienst nur insofern aus, als dass wir kein Streusalz und keinen Kraftstoff für die Streufahrzeuge verbrauchen“, sagt Reinhard Fiedler, Sprecher der Hamburger Stadtreinigung. „Was zurzeit anfällt, sind jedoch die Personalkosten für die nächtlichen Einsatzbereitschaften.“ Unterm Strich sei die Kostenersparnis für den Winterdienst nur unerheblich, fügt er hinzu. Immerhin schlagen die Vorhaltekosten, unter anderem für externes Personal bei den vertraglich gebundenen Subunternehmen, zu Buche.

Klimawandel: Jahreszeiten verschieben sich

Dass sich der bitterkalte Winter, wie ihn viele Hamburger noch aus ihren Kindertagen kennen, rar macht, führen Experten auf den Klimawandel zurück. Die Erderwärmung lässt den gefühlten Winter immer kürzer werden. Während die Jahreszeiten früher als bisher einsetzen, dauert die kalte Jahreszeit mit Eis und Schnee immer weniger lang.

Die Jahreszeiten verschieben sich, heißt es im Norddeutschen Klimaatlas. In den vergangenen 60 Jahren hat sich die Lufttemperatur in Norddeutschland im Jahresmittel bereits um etwa 1,2 Grad Celsius erwärmt. Im Winter sogar um etwa 1,6 Grad Celsius. Das ergaben Auswertungen des Norddeutschen Klimabüros am Helmholtz-Zentrum Geesthacht und des Deutschen Wetterdienstes, die im Norddeutschen Klimamonitor veröffentlicht sind.

Schnee und Glätte in nächsten Monaten möglich

Die durchschnittliche Temperatur in Norddeutschland liegt heute im Winter bei 1,2 Grad Celsius. Die regionalen Klimaszenarien weisen darauf hin, dass sich die Wintertemperaturen bis zum Ende des Jahrhunderts in Norddeutschland im Schnitt um bis zu 4,7 Grad Celsius erhöhen können. Nach Angaben des Norddeutschen Klimaatlas wird bis zum Ende des Jahrhunderts eine deutliche Abnahme der Frosttage erwartet. Die Spannbreite dieser Änderung kann zwischen 14 und 60 Tagen liegen, an denen es weniger Frost als bisher geben wird.

Trotzdem bleiben die Meteorologen für diese Saison noch zuversichtlich. Schließlich hat der Winter noch eineinhalb Monate Zeit. „Es bestehen also noch alle Chancen auf Winterwetter in Hamburg, Schnee und Glätte – auch wenn es in den kommenden Tagen nicht danach aussieht“, heißt es beim Deutschen Wetterdienst.

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