Hamburg

"Wir sind verzweifelt": Ärger um Bahntickets für Schulreise

Die Lehrer René Hartenfels und Ute Köhne, die ehrenamtliche Skilehrerin Adela Masuch und Schulleiter Bernd Mader (v. l.) haben Sorge, dass die Skireise für die Schüler der siebten Klasse nicht stattfinden kann.

Die Lehrer René Hartenfels und Ute Köhne, die ehrenamtliche Skilehrerin Adela Masuch und Schulleiter Bernd Mader (v. l.) haben Sorge, dass die Skireise für die Schüler der siebten Klasse nicht stattfinden kann.

Foto: Michael Rauhe

Stadtteilschule Stellingen bangt um Herzens-Projekt, nachdem bezahlte Fahrkarten auf dem Postweg verschwunden sind.

Hamburg.  Für 30 Jungen und Mädchen der Stadtteilschule Stellingen sollte es der Höhepunkt des Schuljahres werden. Seit Monaten planen sie mit ihrem Lehrer René Hartenfels eine Skireise nach Österreich. Für viele ist es das erste Mal, dass sie so viel Schnee erleben dürfen. Und für den einen oder anderen wird es vielleicht die einzige Möglichkeit sein, auf Skiern den Berg hinunterzufahren. Entsprechend groß sind Vorfreude und Aufregung bei den Schülern der siebten Klassenstufe.

Doch seit einigen Tagen ist die Reise in Gefahr. Der Grund: Die Bahntickets, mit denen die Jungen und Mädchen in den Schnee reisen sollten, sind verloren gegangen. Oder zumindest nie beim Lehrer Hartenfels, der die Tickets bestellt und bezahlt hatte, angekommen. „Ich habe im Oktober telefonisch die Gruppenreise gebucht“, sagt der. Doch dann habe er nichts mehr von der Bahn gehört. Nicht ungewöhnlich, hatte sich Hartenfels gedacht. Schon manches Mal habe die Bahn die Tickets erst später in die Post gesteckt.

Bahn hat Tickets auf unversichertem Postweg versand

Noch sei ja Zeit. Schließlich soll es erst am 22. Februar losgehen. „Doch jetzt, nach den Weihnachtsferien, kam mir die Sache langsam komisch vor“, sagt Hartenfels. Also habe er bei der Deutschen Bahn angerufen und sich nach den Tickets erkundigt. Die seien längst ausgestellt und schon vor Monaten abgeschickt worden, so die Antwort des Mitarbeiters in der Hotline.

Spätestens jetzt war Hartenfels klar, dass er ein Problem hatte. „Doch naiv wie ich war, habe ich gedacht, dass wird die Bahn schon regeln. Schließlich hat sie es ja einfach auf dem unversicherten Postweg zu mir geschickt.“ Hartenfels sollte sich irren. Es folgte ein Stunden dauernder Hotline-Marathon, bei dem er zwischen den Abteilungen hin- und hergestellt wurde, weil sich niemand zuständig fühlte oder fühlen wollte. „Relativ schnell wurde mir eröffnet, man könne die Tickets kein zweites Mal ausstellen“, so Hartenfels. Das habe er erst locker genommen.

Riesige Investition für viele Eltern

Er war sich sicher, das Unternehmen werde schon eine andere Lösung finden. Fand es auch. Allerdings eine, mit dem der Lehrer nicht leben kann. „Mehrere Herren und Damen haben mir erläutert, dass sie mir bis zur österreichischen Grenze ein Schreiben ausstellen können, das uns ohne Probleme als Gruppe reisen lässt.“ Erst danach fange es an, schwierig zu werden. „Für Österreich sollen wir neue Tickets lösen, wurde mir erläutert. Die Tickets könne ich später erstattet bekommen.“

Die Eltern der mitreisenden Kinder können unmöglich die Tickets noch einmal bezahle.

René Hartenfels, Lehrer

Für Hartenfels und seinen Schulleiter Bernd Mader ist das keine Option. „Die Eltern können unmöglich die Tickets noch einmal bezahlen“, sagen sie. Für viele seien schon die Kosten der Reise von insgesamt 400 Euro eine riesige Investition. „Nicht wenige stottern es über Monate ab. Sie wollen aber ihren Kindern unbedingt die Reise ermöglichen.“ Also falle diese Option aus.

Bahn will sich um das Problem kümmern

Auch die Schule oder er als Lehrer hätten nicht die Möglichkeit, die knapp 1000 Euro vorzulegen. „Ich als Privatperson darf es nicht einmal“, so Hartenfels. Zumal er sich ja nicht sicher sein könne, „dass ich das Geld wirklich zurückbekomme“. Bisher habe er nur die Zusagen der Mitarbeiter im Callcenter. Und eine standardisierte E-Mail, wie er sagt. Auch ein Anruf des Schulleiters änderte bislang nichts an der Situation. „Herr Mader wurde leider genauso wie ich abgebügelt“, sagt Hartenfels. Mittlerweile hätten sie zusammen mit sieben verschiedenen Mitarbeitern der Bahn gesprochen, keiner habe helfen können.

„Wir sind, ehrlich gesagt, wirklich verzweifelt.“ Schließlich seien er und die Kinder komplett unschuldig in eine Situation geraten, aus der sie allein nicht herauskommen könnten. Bisher wissen die Schüler noch nicht einmal, wie sehr ihre Reise auf der Kippe steht. Hartenfels und sein Direktor haben es nicht übers Herz gebracht, es ihnen zu erzählen. „In den vergangenen Tagen haben sich die Ereignisse so überschlagen, dass ich noch nicht mit ihnen sprechen konnte.“

Bei der Bahn will man sich des Falls annehmen und versuchen, zu einer Lösung zu kommen. „Wir bedauern sehr, dass die Tickets verloren gegangen sind und kümmern uns um das Problem“, sagt Sprecherin Sabine Brunkhorst.

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Die Reise ist eine Herzensangelegenheit von Hartenfels. Vor drei Jahren rief er das Projekt mit einem Vater ins Leben. Gemeinsam mit der Schulleiterin für die Jahrgänge fünf bis sieben, Ute Köhne, begleitete er dreimal eine Gruppe nach Österreich. Dazu kommen drei bis vier Ehrenamtliche als Skilehrer mit. Sie engagieren sich in der Skischule St. Pauli. Auch das Skigebiet vor Ort unterstützt die Schule finanziell.

„So können wir Kindern einen Einblick ermöglichen, den sie sich sonst nicht leisten könnten.“ In diesem Jahr sollte es zum vierten Mal in den Schnee gehen. „Ich habe Sorge, dass das jetzt nichts wird. Das alles nur, weil die Bahn nicht in der Lage ist, uns die Tickets zuzuschicken.“ Er möge noch gar nicht daran denken, wie die Kinder reagieren, „wenn ich sie informieren muss, dass aus der Reise nichts wird“.