Kriminalität

Als die „Säurefassmorde“ Hamburg erschütterten

Täter Lutz R. lebte seine kriminelle Energie in Misshandlungen und Totschlag aus. Jahre später verurteilte ihn das Landesgericht zu lebenslanger Haft und Sicherungsverwahrung (Symbolbild).

Täter Lutz R. lebte seine kriminelle Energie in Misshandlungen und Totschlag aus. Jahre später verurteilte ihn das Landesgericht zu lebenslanger Haft und Sicherungsverwahrung (Symbolbild).

Foto: dpa

Ein Kürschnermeister entführte, missbrauchte, folterte und tötete Frauen. Warum die Polizei die Fälle erst Jahre später aufklärte.

Hamburg.  Ein kleiner, enger Raum, verborgen unter der Erde. Abgeschirmt hinter drei Stahltüren und mit dicken Wänden umgeben, die keine Geräusche durchlassen. Getarnt als „Atombunker“, ist dieser Ort ein Wahrheit ein Kerker, versteckt in den Tiefen des Hauses. Hier, in diesem Verlies, beginnt das Grauen. Wer hier festgehalten wird, ist vollkommen ausgeliefert, machtlos in den Händen seines Peinigers. Hier herrschen Verzweiflung, Angst und Hoffnungslosigkeit. Und am Ende der Tod.

Zwei Frauen hat hier dieses furchtbare Schicksal getroffen. Die Verbrechen, die später als „Säurefassmorde“ bekannt geworden sind, haben in der ganzen Republik für Entsetzen gesorgt. „Mörder und Monstrum“ ist eine der Schlagzeilen, die die Verbrechen eines Täters auf den Punkt bringen sollen, der mit seiner Skrupellosigkeit und seiner Ruchlosigkeit alle Grenzen gesprengt hat. Seine Opfer werden erst Jahre nach ihrem Verschwinden gefunden, verborgen in Säurefässern, eingegraben unter Beton, wo sie schließlich mit Presslufthämmern und Baggern wieder an die Oberfläche befördert werden.

Schließlich wird der Rahlstedter Lutz R. wegen seiner beispiellosen Verbrechen vor Gericht gestellt. Der Prozess gegen ihn beginnt am 12. Januar 1995. 15 Monate lang verhandelt das zuständige Gericht, bis das Urteil verkündet werden kann: lebenslänglich.

Vom sexuellem Rausch zum Todschlag

Lange Zeit hat niemand geahnt, welche Abgründe sich hinter der vermeintlich bürgerlichen Fassade des Kürschnermeisters Lutz R. verbergen. Über Jahrzehnte scheint der Mann ein unauffälliges Leben zu führen, mit langjähriger Ehe, einem Haus im Hamburger Nordosten, einem Wochenendhaus im Umland und einer Arbeit im Familienbetrieb. Doch die Geschäfte gehen mäßig. So ersinnt der Mann eine Möglichkeit, auf andere Weise zu Geld zu kommen – mit minimalem Arbeitsaufwand und maximaler krimineller Energie.

Er entführt Frauen aus seinem Bekanntenkreis, um von ihnen und ihren Angehörigen Geld zu erpressen. Dann hält er sie in seinem Bunker unter seinem Haus gefangen, teilweise angekettet. Seine Opfer sind in Todesangst, er quält sie und ermordet sie schließlich. Eine 61-Jährige ist 1986 vermutlich vier Tage in seiner Gewalt gewesen; eine 31-Jährige ist 1988 über mehr als drei Wochen von ihm gefangen gehalten, in der Zeit immer wieder missbraucht und gefoltert worden, bis er sie schließlich im sexuellen Rausch tötete.

Todesopfer lange ungesucht

Neben der unfassbaren Gewalt, die den Opfern angetan wird, hat der Fall einen weiteren, verstörenden und alarmierenden Aspekt: Nach den verschwundenen Frauen ist lange nicht ernsthaft gesucht worden. Der Täter hat seine Opfer in ihrem Verlies dazu gezwungen, an ihre Angehörigen Briefe und Karten zu schreiben – mit dem Tenor, dass sie freiwillig ins Ausland gegangen seien, um ein neues Leben zu beginnen. Die Post hat der Täter teilweise aus dem Ausland abgeschickt.

Ans Licht kommen die Verbrechen erst im Jahr 1992, als Lutz R. erneut eine Frau entführt und damit 300.000 Mark zu erpressen versucht. Nach einer Woche hat er sein Opfer wieder freigelassen – ohne eine Beute gemacht zu haben. Wegen dieses Verbrechens wird der Hamburger vor Gericht gestellt und schließlich zu drei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.

"Säurefassmorde" fliegen auf

In diesem Prozess erkennt eine Zuschauerin, die Mutter eines der früheren Opfer, Parallelen zwischen diesem neuen Fall und dem Verschwinden ihrer Tochter Jahre zuvor. Die trauernde Mutter wendet sich mit ihrem Verdacht, dass der Kürschner etwas mit dem jahrealten Vermisstenfall zu tun hat, an eine Kriminalbeamtin. Die ermittelt erst einmal überwiegend in ihrer Freizeit, dann erst wird das Leben des Verdächtigen offiziell durchleuchtet und seine Häuser und Grundstücke durchsucht.

Schließlich entdeckt die Polizei bei Grabungen auf seinen Grundstücken zwei 200-Liter-Fässer. Beide sind mit Säure gefüllt, darin verstaut die Überreste jeweils eines Leichnams. Rechtsmedizinische Untersuchungen der beiden unterschiedlich stark zersetzten Körper ergeben: Es sind die seit Jahren verschwundenen Frauen. Beide können anhand von Gebissfunden eindeutig identifiziert werden. Eine Todesursache lässt sich bei den Leichnamen nicht mehr feststellen.

Weitere Hinweise führen zum Täter

Diversen Schmuck der Opfer sowie ihnen abgepresstes Geld und weitere Gegenstände findet die Polizei später in einem Schließfach beziehungsweise auf einem Konto, zu dem der Verdächtige Lutz R. Zugang hat. Auch weitere Hinweise führen eindeutig zu dem Hamburger als Täter. So werden auf den Briefen und Karten, die die Angehörigen der Opfer Jahre zuvor erhalten haben, Fingerabdrücke des Mannes festgestellt, der beim Prozess 48 Jahre alt war. Und: Die 31-Jährige, die gut drei Wochen in der Gewalt des Verbrechers war, hatte versucht, in den ihr abgenötigten Schreiben geheime Hinweise zu verstecken.

Doch den Empfängern der Schreiben entgeht diese verschlüsselte Botschaft. Nun, bei der erneuten Untersuchung der Schreiben, fällt auf: Heimlich hat die eingekerkerte Frau bestimmte Buchstaben mehrfach nachgezogen. Zusammengesetzt ergeben die hervorgehobenen Lettern das Wort „Hilf“ sowie den Vornamen des Entführers.

Hanebüchene Rechtfertigungen

Nun endlich, fast neun beziehungsweise sieben Jahre nach dem Tod der beiden Opfer, muss sich Lutz R. wegen zweier Morde vor dem Schwurgericht verantworten. Lange Zeit schweigt der Angeklagte. Doch schließlich erzählt er unterschiedliche Versionen, wie es zum Tod der Frauen gekommen sei. So behauptet er unter anderem, dass eine „Organmafia“ die beiden Opfer getötet habe, um Organe für Transplantationen zu gewinnen.

Eine weitere Version ist, dass die beiden Frauen jeweils ohne seine Absicht umgekommen seien, eine bei einem Sturz auf einer Treppe, die andere durch einen Kreislaufkollaps. Doch beides, so ist das Gericht nach ausführlicher Beweisaufnahme überzeugt, sind nur Schutzbehauptungen.

"Sadomasochistische Fehlentwicklung"

Eine wichtige Rolle im Prozess spielt auch der psychiatrische Sachverständige. Er stellt nach einer Exploration des Angeklagten fest, dass Lutz R. eine sadomasochistische Fehlentwicklung und eine schwere seelische Abartigkeit habe. Auch nach Verbüßung seiner Freiheitsstrafe werde eine Gefahr für die Allgemeinheit von ihm ausgehen: Weitere schwere Straftaten sind von ihm zu erwarten.

R. bekommt deshalb nicht nur eine lebenslange Freiheitsstrafe, sondern wegen der außergewöhnlich grausamen Verbrechen auch die besondere Schwere der Schuld – sowie Sicherungsverwahrung. Es ist die nach deutschem Recht schwerste Strafe, die überhaupt möglich ist.