Hamburg

Verein zeigt Schülern, wie man Falschmeldungen erkennt

Journalistin Julia Kuttner vom Verein Lie Detectors bringt Schülern der Sophie-Barat-Schule bei, kritisch mit Nachrichten umzugehen.

Journalistin Julia Kuttner vom Verein Lie Detectors bringt Schülern der Sophie-Barat-Schule bei, kritisch mit Nachrichten umzugehen.

Foto: Michael Rauhe

„Lie Detectors“ macht Schüler zu Medienprofis. An der Sophie-Barat-Schule erfuhren sie, wie man Fake News erkennt.

Hamburg.  Von dem möglichen Anschlag im Bereich Europa Passage und Jungfernstieg erfuhr Chiara aus der Klasse 8c an der katholischen Sophie-Barat-Schule über Instagram. „Darin wurde am Freitag vor einem Anschlag gewarnt“, sagt sie. Bei Jugendlichen verbreitet sich solch eine Nachricht über die sozialen Medien rasend schnell. Nicht nur bei Chiara, auch bei Schülern anderer Hamburger Schulen ploppte diese Meldung in der vergangenen Woche auf den Smartphones auf. Damit Kinder und Jugendliche solche Falschmeldungen hinterfragen und kritischer mit Nachrichten umgehen, bringen ihnen Journalisten in einem Crashkurs in ihren Klassenräumen das nötige Handwerkszeug bei.

Normalerweise arbeitet Julia Kuttner als Journalistin bei „Tagesschau.de“. An diesem Morgen um kurz nach acht Uhr steht die 43-Jährige vor dem Smartboard der 8c des katholischen Gymnasiums und tauscht die Redaktion gegen den Klassenraum. Sie ist heute hier, um „über den Müll im Internet zu sprechen“, wie sie sagt. „Mir ist es ein Anliegen, gegen Fake News vorzugehen und zu zeigen, dass wir seriösen Journalismus und einen ordentlichen Job machen.“ Das, was die 26 Mädchen und Jungen in den kommenden eineinhalb Stunden erfahren, soll sie davor schützen, auf Falschmeldungen hineinzufallen.

Wie man die Wahrheit herausfindet

„Mann aus Singapur heiratet Ko­bra“, „Immer mehr Jugendliche tragen Knöchelschals“, und dann die Meldung per WhatsApp, in der vor einer Droge in Brausepulverform gewarnt wird, die sofort abhängig macht. Meldungen wie diese erscheinen mit großen Schlagzeilen auf dem Smartboard der 8c. Welche davon wahr ist?, möchte Julia Kuttner wissen. 25 Mädchen und Jungen glauben, dass der Mann eine Kobra geheiratet hat. „Es ist alles falsch!“, sagt Julia Kuttner. Der Mann, der eine Kobra geheiratet haben soll, ist tatsächlich ein Feuerwehrmann aus Malaysia, der seinen Kollegen lediglich den Umgang mit giftigen Schlangen beibringt. Das hat die BBC nachrecherchiert.

„Die meisten Leute denken nicht nach, glauben solche Meldungen und verbreiten sie. Ich möchte euch dazu anregen nachzudenken, bevor ihr solche Sachen weiterleitet.“ Wie aber findet man die Wahrheit heraus? Wie erkennt man Desinformation, wie funktioniert professioneller Journalismus? Zunächst stellt die Journalistin eines klar: „Instagram ist keine Quelle, sondern eine Plattform, die Nachrichten verbreitet.“ Per Checkliste, die jeder Schüler am Ende des Workshops an die Hand bekommt, lassen sich Falschmeldungen entlarven:

Die Überschrift zu lesen reicht nicht aus

Schaut euch die Quelle genau an: Wo steht die Nachricht? Lest nicht nur die Überschrift, was ist die ganze Geschichte? Schaut euch den Autor an, ist er glaubwürdig? Schaut euch weitere Quellen an und vergleicht. Schaut euch das Datum an, ist es wirklich ein aktueller Bericht? Ist es ein Witz, kann es Satire sein? Benutzt den Kopf: Was sagt euer Verstand? Sprecht mit Experten, was sagen Leute, die sich auskennen? Überprüft das Foto: Gehört es hierhin? Google­ und andere Apps ermöglichen eine umgekehrte Bildsuche – wo und wann wurde das Foto aufgenommen?

Können Sie Falschmeldungen im Internet sicher erkennen?

Journalisten wie Julia Kuttner zeigen den Schülern, wie sie reflektiert Nachrichten aufnehmen können. Kuttner und 175 Kollegen arbeiten für den Verein Lie Detectors in Belgien, Österreich und Deutschland, der Schulkinder im Alter von zehn bis 15 Jahren zu Lügendetektiven schult. Bislang haben die Experten europaweit 800 Schulklassen besucht. Die Journalisten geben Tipps, wie Jugendliche Falschmeldungen entlarven, wie sie Nachrichten von Satire unterscheiden können und wie sie weniger auf Clickbaits hineinfallen, mit denen Leser durch reißerische Schlagzeilen auf Internetseiten gelockt werden.

Schulen können Journalisten in den Klassenraum einladen

Ziel des Workshops ist es, die Medienkompetenz der Kinder und Jugendlichen zu steigern. Gründerin von Lie Detectors ist Juliane von Reppert-Bismarck, ebenfalls erfahrene Journalistin. „Junge Menschen denken in Plattformen. Ich war überrascht, dass Plattformen wie Insta­gram und Co. für viele junge Menschen als Quelle gelten“, sagt von Reppert-Bismarck. Sie hat unter anderem für das „Wall Street Journal“ gearbeitet, für „Newsweek“ und Reuters. Vor zwei Jahren entwickelte sie das Konzept von Lie Detectors. Ihr Verein will aufklären und zudem das Vertrauen in den Journalismus stärken.

Eineinhalb Stunden haben sich die Schüler mit Falschmeldungen beschäftigt, haben erfahren, wie leicht jeder einfach etwas ins Netz stellen und als Tatsache verkaufen kann. „Ich glaube tatsächlich vieles im Internet, und meine Mutter erzählt mir dann, dass es nicht alles wahr ist“, sagt Felix. Vielleicht hat den 13-Jährigen der Workshop dafür sensibilisiert, nicht alles zu glauben, was in den sozialen Medien und im Internet kursiert.

Lehrer, die auch gern einen Journalisten (kostenlos) in ihre Klasse einladen möchten, können sich an den Verein Lie Detectors wenden.

Alle Infos unter www.lie-detectors.org