Hamburg

Im Flixbus: Junge Frau muss sich gegen Grapscher wehren

Fahrgast Svea L. erhebt nach der Fahrt von Würzburg nach Hamburg schwere Vorwürfe – gegen einen anderen Fahrgast wegen sexueller Belästigung und gegen die Busfahrer, weil sie nicht reagierten.

Fahrgast Svea L. erhebt nach der Fahrt von Würzburg nach Hamburg schwere Vorwürfe – gegen einen anderen Fahrgast wegen sexueller Belästigung und gegen die Busfahrer, weil sie nicht reagierten.

Foto: picture alliance

Polizei ermittelt wegen sexueller Belästigung gegen Mitreisenden. 21-Jährige erhebt auch Vorwurf gegen das Unternehmen.

Hamburg. Svea L. ist auf eine entspannte Fahrt eingestellt, als sie in Würzburg in den Flixbus steigt. Bis nach Hamburg will sie fahren und von dort dann weiter bis nach Lütjensee (Stormarn), wo sie ihre Familie über das Wochenende besuchen will. Doch die Fahrt verläuft ganz und gar nicht entspannt. Denn das, was zwischen Würzburg und Hamburg geschieht, ist inzwischen ein Fall für die Polizei geworden. Svea L. wirft einem Mitfahrer vor, sie sexuell bedrängt zu haben. Noch während der Busfahrt alarmiert sie die Polizei. Diese hat inzwischen ein Ermittlungsverfahren unter anderem wegen sexueller Belästigung gegen den beschuldigten 34-Jährigen eingeleitet.

Doch auch gegen das Unternehmen Flixbus erhebt Svea L. Vorwürfe: „Die Busfahrer haben mir nicht geholfen, obwohl sie mitbekommen haben, was mir passiert ist.“ Aber von vorn: Am 5. Dezember steigt die Studentin in Würzburg in den Flixbus ein. „Ich setzte mich allein in eine Zweierreihe im mittleren Abschnitt des Busses“, erzählt sie. Kurz nach der Abfahrt fällt ihr ein etwa 30-jähriger Mann auf. „Er saß genau parallel zu mir und schaute ständig rüber und grinste mich an“, sagt sie. Nach einer Weile habe er sich in die Sitzreihe direkt hinter sie gesetzt. „Aus dem Nichts spürte ich eine Hand an meiner linken Seite auf Brusthöhe. Als ich mich erschrocken umdrehte, sah ich in der Spiegelung des Fensters, wie der Mann hinter mir onanierte.“

„Der Mann schaute mir direkt in die Augen“

Svea L. habe nicht glauben können, was sie sah. „Um mich zu vergewissern, setzte ich mich in die parallele Sitzreihe und sah, dass es stimmte. Der Mann schaute mir direkt in die Augen“, berichtet sie. „Ich schrie laut und rannte nach vorne, um zu melden, was geschehen ist.“ Svea habe sich an den zweiten Busfahrer gewandt. „Er lag mit Kopfhörern in den Ohren und dem Smartphone in der Hand auf der Zweierbank hinter dem Fahrtplatz und sagte nur, dass ich mich doch einfach nach vorne setzen könnte.“

Ein Verhalten, das sie nicht nachvollziehen kann. „Das musste ich erst mal schlucken. Ich fühlte mich noch nie so unsicher und hilflos wie in diesem Moment.“ Ein paar Minuten später seien dann andere Mitfahrer auf sie zugegangen und hätten mit ihr über den Vorfall gesprochen. Erneut habe sich die junge Frau an den Busfahrer gewandt und ihn gebeten, die Polizei zu rufen. „Er reagierte ziemlich genervt und sagte, das solle ich selber machen.“

Doch andere Fahrgäste ermutigen sie zu dem Schritt. Schließlich greift Svea zum Handy und ruft die Polizei. „Wir vereinbarten am Telefon, dass die Beamten zum nächsten regulären Stopp des Busses in Hannover zum Haltepunkt kommen.“

Polizist griff ein

Und so kommt es dann auch. Die Beamten sind vor Ort, als der Bus hält. „Sie holten den beschuldigten Mann aus dem Bus, und ich musste natürlich meine Aussage machen, und meine Personalien mussten aufgenommen werden“, so Svea L. Dafür habe sie den Bus verlassen müssen. „Das habe ich den Busfahrern auch gesagt und sie gefragt, ob sie mit der Weiterfahrt kurz auf mich warten könnten“, so Svea L. „Aber sie sagten, das würde aus Zeitgründen nicht gehen.“ Svea L. stutzte. „Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass die mich da abends in der Dunkelheit und ohne mein Gepäck stehen lassen“, so Svea L. „Als ich mit zum Streifenwagen ging, sah ich, wie der Bus losfuhr. Zum Glück griff ein Polizist ein, lief dem Bus hinterher und befahl, stehen zu bleiben.“

Als Svea L. am späten Abend in Hamburg ankommt, ist sie mit den Nerven am Ende. „Am schlimmsten war das Gefühl, dass mich einfach keiner ernst genommen hat. Ich habe mich so allein gefühlt“, sagte sie. Neben der Anzeige gegen den Mitfahrer erwäge sie auch eine Anzeige gegen die beiden Busfahrer – wegen unterlassener Hilfeleistung.

Schreiben an Flixbus

Ihrer Wut hat Svea L. einen Tag nach dem Vorfall in einem Schreiben Luft gemacht, das sie an Flixbus gesendet hat. Die Antwort: „Es tut uns sehr leid, dass Sie solch eine – wie von Ihnen beschriebene – Erfahrung machen mussten, und bedauern vor allem, dass Sie mit dem Auftreten der Fahrer nicht zufrieden sein konnten.“ Und weiter: „Aufgrund des von Ihnen geschilderten Vorfalls haben wir daher unseren Buspartner um eine interne Stellungnahme gebeten. Sollte uns diese vorliegen, werden wir uns selbstverständlich erneut bei Ihnen melden. Unabhängig davon steht Ihnen eine Anzeige bei der Polizei selbstverständlich frei.“

Bis heute hat Svea L. keine weiteren Informationen von Flixbus erhalten. Deshalb hat sie sich entschlossen, den Fall öffentlich zu machen. Auf Nachfrage des Hamburger Abendblatts sagte Flixbus: „Wir möchten, dass sich unsere Fahrgäste an Bord jederzeit sicher und wohlfühlen. Daher sind unsere Fahrerinnen und Fahrer dazu angehalten, einen Vorfall wie diesen nicht nur unverzüglich unserer Betriebssteuerung zu melden, sondern auch umgehend die Polizei einzuschalten. Unsere Betriebssteuerung steht rund um die Uhr bei Unsicherheiten jeglicher Art zur Verfügung.“ Der eingesetzte Fahrer sei bereits um eine Stellungnahme gebeten worden. Unabhängig davon, wie diese ausfällt, steht Svea L.s Entschluss fest: „Ich werde nie wieder Flixbus fahren.“