Wirtschaft

Hamburgs Einzelhändler suchen verzweifelt Personal

Auch an verkaufsoffenen Sonntagen setzen die Händler auf Showacts (hier: Musicaldarsteller), um Kunden anzulocken.

Auch an verkaufsoffenen Sonntagen setzen die Händler auf Showacts (hier: Musicaldarsteller), um Kunden anzulocken.

Besonders kleinere Geschäfte leiden unter dem Arbeitskräftemangel. Von Rekordumsätzen profitieren nicht alle.

Hamburg.  „Verkäufer gesucht.“ Auch in Zeiten fortschreitender Digitalisierung greifen zahlreiche Hamburger Einzelhändler auf eine ziemlich altmodische Methode zurück, um Mitarbeiter zu finden – mit einem Schild im Schaufenster ihres Geschäfts. Nicht selten verbunden mit dem Versprechen, dass man über die Arbeitszeiten auch reden könne. „Kommen Sie doch einfach herein.“ Wo noch vor einigen Jahren die Bewerber Schlange standen, melden sich heute immer weniger Arbeitswillige. Manchmal gar keine. Viele Unternehmen im Einzelhandel haben inzwischen ernsthafte Probleme. „Der Personalmangel wird sich weiter verschärfen“, sagt Brigitte Nolte, Hamburger Geschäftsführerin des Handelsverbands Nord.

Arbeitszeiten bis in den Abend und am Sonnabend schrecken vor allem junge Menschen ab. „Besonders hart betroffen sind kleine Läden, die weder über­tariflichen Löhne noch Aufstiegschancen bieten können“, sagt die Handelsexpertin. Die Firmen müssten jetzt überlegen, wie sie Arbeitsplätze attraktiver machen könnten. „Geld ist nicht alles“, meint Nolte. Vielmehr gehörten mehr Transparenz bei der Arbeitszeitgestaltung, weniger hierarchische Umgangsformen und gutes Betriebsklima zu den Entscheidungskriterien der Bewerber.

Auch Edeka sucht weiter neue Mitarbeiter

Angesichts des demografischen Wandels wird das Thema in der Branche immer wichtiger. „Die Besetzung von freien Stellen ist schwieriger geworden“, sagt Knut Böhrnsen, Sprecher der Hamburger Arbeitsagentur. 2018 standen Jobsuchenden im Jahresdurchschnitt 1200 freie Stellen pro Monat im Einzelhandel zur Verfügung, in diesem Jahr sind es 1250 – und das, obwohl die Zahl der gemeldeten Stellenangebote insgesamt gesunken ist (Zeitraum jeweils Januar bis November). Statistisch dauerte es 148 Tage, bis eine Stelle besetzt werden konnte. 2018 waren es 116 Tage. Insgesamt sind in Hamburg nach den jüngsten Zahlen der Behörde 69.500 Männer und Frauen im Einzelhandel (März 2019) beschäftigt – plus 3085 Auszubildende.

Auch Edeka, Deutschlands größter Lebensmittelhändler, sucht weiter neue Mitarbeiter in Hamburg. Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Beschäftigten von 6100 auf 615o gestiegen. Außerdem arbeiten Ende dieses Jahres bei der Bäckerei Junge, dem Duty-Free-Händler Gebr. Heinemann und den Mode-Unternehmen H&M und Peek&Cloppenburg mehr Menschen als im Vorjahr. Das geht aus der Tabelle der größten Arbeitgeber hervor, die das Abendblatt alljährlich erhebt. Spitzenreiter im Bereich Handel ist erneut die Otto Group mit 9163 Mitarbeitern.

Positive Konsumstimmung

Die absolute Zahl der Beschäftigten bei dem Handels- und Dienstleistungskonzern ist zwar im Vorjahresvergleich um knapp 100 gesunken. Das liegt nach Angaben eines Unternehmenssprechers daran, dass die Modeplattform About­ You nicht mehr als Beteiligungsgesellschaft geführt wird und deshalb 600 Mitarbeiter aus der Gesamtzahl herausgerechnet wurden. „Tatsächlich arbeiten bei der Gruppe ohne About You heute 500 Menschen mehr“, so der Sprecher. Weitere Einstellungen sind geplant.

Die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt hat mit der anhaltend positiven Konsumstimmung zu tun, die auch 2019 für neue Umsatzrekorde im Handel sorgt. In Hamburg werden nach einer Prognose des Handelsverbands Deutschland in diesem Jahr 14,74 Milliarden Euro umgesetzt. Das ist ein Plus von 3,2 Prozent im Vergleich zu 2018 – und mehr als erwartet. Wachstumstreiber ist erneut der Onlinehandel, im stationären Geschäft werden ähnlich wie im Vorjahr nur etwa 1,3 Prozent mehr erwirtschaftet. „Davon profitieren vor allem die großen Ketten“, sagt die Hamburger Einzelhandelschefin Nolte. Auch hier gilt: „Die kleinen Händler werden abgehängt.“

Tiefgreifender Wandel im Handel

Das ist nicht neu, aber langsam zeichnet sich der tiefgreifende Wandel im Handel auch in der Hamburger Innenstadt ab. Der Konzentrationsprozess verstärkt sich. Auch in attraktiven Verkaufslagen, wie am Neuen Wall, am Jungfernstieg oder an der Spitalerstraße, schließen Geschäfte. Betroffen sind nicht nur kleine oder inhabergeführte Unternehmen, auch größere Ketten verlassen die City. Neue – und passende – Mieter sind schwer zu finden. Teilweise gibt es längere Leerstände. Ein Beispiel ist das Streit’s Haus am Jungfernstieg. Dort war im April der schwedische Haushaltswaren-Händler Clas Ohlson ausgezogen.

Nach einer Zwischennutzung soll ein Jahr nach dem Auszug im April 2020 eine Rossmann-Filiale an der Flaniermeile eröffnen. Auch die schwedische Sportartikel-Kette Stadium schließt zwei von drei Filialen in Hamburg. Das Mode-unternehmen s.Oliver verlässt die Spitalerstraße. Habitat hat nach der Insolvenz den Laden am Großen Burstah geräumt. Noch sind die Räume nicht neu vermietet. An der Gerhofstraße/Poststraße wird ein Gebäudekomplex mit Ladenzeile umgebaut. Dort wird We Work einziehen, ein Anbieter von Coworking-Flächen. Offen ist, wie sich die Sportscheck-Übernahme durch den Warenhauskonzern Galeria Karstadt Kaufhof, zu dem Karstadt Sports gehört, auf die Häuser an der Mönckebergstraße auswirkt.

Zahl der Einzelhändler in Hamburg sinkt seit Jahren

„Es findet eine Marktbereinigung statt“, sagt Brigitte Nolte vom Handelsverband Nord. Die Zahl der Einzelhändler in Hamburg sinkt seit Jahren. Laut Unternehmensregister des Statistikamts Nord gab es Ende 2018 exakt 9213 Betriebe in Hamburg, 2015 waren es noch 9644. Neben dem veränderten Käuferverhalten sieht Nolte eine weitere Ursache in den hohen Mieten. Zwar sei die Immobilienwirtschaft inzwischen gesprächsbereiter, aber gerade bei kleinen Flächen bleibe der Druck hoch. „Die Eigentümer sehen, dass sie mit einer anderen Nutzung, etwa einem gastronomischen Betrieb, auch ihre Mieten bekommen.“ Die aktuellen Geschäftsschließungen sind aus ihrer Sicht nur der Anfang. „Es wird künftig häufigere Wechsel geben.“