Hamburg

„Ich beobachte die derzeitige Diskussion etwas irritiert“

Miriam Rürup leitet das Hamburger Institut für die Geschichte der deutschen Juden. Die Wiederaufbaupläne sieht sie skeptisch.

Hamburg. Professorin Miriam Rürup leitet in Hamburg das Institut für die Geschichte der deutschen Juden. Sie schlägt vor, mehr Differenzierung in die Debatte über den Wiederaufbau der Bornplatz­synagoge zu bringen.

Unterstützen Sie den Vorschlag zum Neubau?

Miriam Rürup: Wenn wir derzeit darüber diskutieren, so freue ich mich zwar über Aufmerksamkeit, die jüdischem Leben erneut geschenkt wird. Doch ich beobachte das etwas irritiert und frage mich, woher diese Begeisterung dafür kommt, ein vorhandenes Mahnmal zu überbauen und eine Vorkriegssituation künstlich wiederherstellen zu wollen. Vielleicht sollten wir unsere Aufmerksamkeit auch einer historischen Perle zuwenden, die für eine historische Besonderheit Hamburgs steht, die durch die Nationalsozialisten zerstört wurde und erst in den letzten Jahren wieder Fuß fasst in Deutschland: das Liberale Judentum. Es nahm seinen Anfang in Hamburg, hier entstand 1844 der weltweit erste Synagogenbau eines liberalen Tempels überhaupt. Hamburg hat da eine außergewöhnliche Geschichte zu erzählen!

Sie meinen die Ruine an der Poolstraße in der Neustadt?

Ja, sie ist heute in einem Hinterhof zu finden und vermittelt selbst als Ruine ein eindrucksvolles Bild der ehemaligen Synagoge. Leider verrottet die Ruine dieses historisch so wertvollen und außergewöhnlichen Synagogenbaus, die von der Foundation for Jewish Heritage in die „Top 19 Watchlist“ der am stärksten bedrohten jüdischen Relikte in Europa aufgenommen wurde. Bei einer Überbauung des Hofes könnte beispielsweise auch die liberale Gemeinde Hamburgs (Davidstern), die bislang nur Räume einer Büroetage nutzen kann, endlich ein eigenes Dach über dem Kopf bekommen.

Wie hat die Zuwanderung das jüdische Leben in Hamburg bereichert?

Das Spannende an Hamburg ist ja, dass gerade die Migration die jüdische Gemeinschaft historisch immer wieder bereichert und damit auch immer wieder verändert hat. Dies war in ihren Anfängen mit der Zuwanderung der Sepharden von der Iberischen Halbinsel genauso wie mit der Zuwanderung von Juden aus Osteuropa. Nach dem Zweiten Weltkrieg ließen sich in den Wirtschaftswunderjahren der frühen Bundesrepublik zudem Juden aus dem Iran in Hamburg nieder. Einen neuerlichen Aufschwung erfuhr die jüdische Gemeinschaft in Deutschland nach dem Mauerfall und der Vereinigung der beiden deutschen Staaten im Jahr 1990, als eine starke Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion einsetzte. In den kommenden Jahren stieg die Mitgliederzahl beachtlich, und die Gemeinde verjüngte sich zugleich. Auch das jüdische Sozialleben veränderte sich dadurch.

Was wünschen Sie sich als Jüdin für Ihre Religionsgemeinschaft in Hamburg?

Es beruhigt und berührt mich natürlich, dass so viele Menschen sich nun aus Betroffenheit über den Anschlag von Halle für eine Stärkung des jüdischen Lebens einsetzen möchten. Ich würde deshalb vorschlagen, innezuhalten und uns zunächst zu fragen, wie jüdisches Leben in der Hansestadt unterstützt werden könnte. Hinweise wie die, erneut über ein jüdisches Museum oder ein Kulturzentrum nachzudenken, sind dabei sehr sinnvoll, und vielleicht kann die Machbarkeitsstudie, die nun in Auftrag gegeben wird, ja auch in diese Richtung konzipiert werden. Es müsste aus meiner Sicht ein Ort sein, der der Pluralität des Judentums Ausdruck verleiht.

Ist der Standort Bornplatz die beste Option?

Ich würde mich sehr freuen, wenn die Diskussion sich nicht bereits jetzt ausschließlich auf einen Ort verengt. Ja, es beschleicht mich die Sorge, dass mit der Überbauung des Mahnmals eine anhaltend offene Wunde überdeckt würde. Es wäre angeraten, über einen Ort etwa für ein jüdisches Kulturzentrum nachzudenken. Dies sollte weder ausschließlich religiös noch ausschließlich museal sein. Die Neustadt, in der die Tempelruine liegt, erzählt eine außergewöhnliche Geschichte jüdischer Vielfalt und jüdischer Kultur, die es wiederzuentdecken und zu beleben gilt. Dafür bietet die Ruine in der Poolstraße eine noch ungenutzte Chance als begehbares Kulturdenkmal.