Modellbau

Wie aus 42.000 Streichhölzern der Hamburger Michel wird

Franz Gruber zwischen seinen Bauwerken aus Streichhölzern.

Franz Gruber zwischen seinen Bauwerken aus Streichhölzern.

Foto: Franz Gruber

Franz Grubers Werk umfasst nach mehr als 50 Jahren, 13.000 Stunden und etwa 850.000 verbauten Streichhölzern 70 Modelle.

Hamburg. Als er den letzten von rund 58.000 Streichhölzern verleimt hatte, holte Franz Gruber tief Luft, betrachtete sein Meisterwerk – und fühlte sich an seine frühere Wahlheimat Hamburg erinnert. Die geschichtsträchtige Kirche am Hopfenmarkt stand ihm zu Füßen. Der originalgetreue Nachbau dauerte, präzise gestoppt, 1050 Stunden.

Anders als in der Hansestadt jedoch steht das Gotteshaus daheim in Babenhausen bei Darmstadt unmittelbar neben dem Michel. Für diese Hauptkirche investierte der gebürtige Österreicher 800 Stunden und 42.000 kleine Hölzer. Sein Michel ist 1,20 Meter hoch und misst mithin etwa ein Hundertstel des 132 Meter hohen Originals.

850.000 abgebrannte Streichhölzer verbaut

„Bauen ist wie Meditation“, sagt Gruber dem Abendblatt. „Ich bin tief in meine Bauarbeiten versunken und bemerke gar nicht, wie die Zeit vergeht.“ Das kann man wohl sagen: Nach mehr als 50 Jahren, gut 13.000 Stunden und etwa 850.000 abgebrannten und verbauten Streichhölzern umfasst die Sammlung des gelernten Elektrikers und späteren Einzelhandelskaufmanns aktuell 70 Modelle. Neben den beiden Hamburger Kirchen gehören weltbekannte Bauwerke wie der Petersdom, Notre-Dame, der Buckingham Palast sowie das Kapitol zur Sammlung.

Die Idee für dieses ebenso zeitintensive wie ausgefallene Hobby kam dem seinerzeit 17-Jährigen während einer schweren Krankheit. Da er drei Monate nicht nach draußen gehen durfte, begann er mit Streichhölzern und Leim zu werkeln. Das Glücksgefühl, sein Elternhaus im Zillertal in Tirol in Miniaturform hergestellt zu haben, trug zur Genesung bei. Sein erstes Streichholzhaus bestand aus 70.000 Teilen. Dreilagig. Geschafft!

Franz Gruber arbeitete als Elektriker im Hafen

Ein turbulenter Lebensweg mit diversen Wohnorten und Tätigkeiten ist ein Kapitel für sich. 1969, im Alter von 20 Jahren, fuhr der Franzl, wie ihn die Schulfreunde nannten, mit seinem Kumpel Friedl im Zug nach Hamburg. Die Millionenstadt in der norddeutschen Tiefebene wirkte wie ein Magnet auf das tatendurstige Duo. Seine Lebensgefährtin „importierte“ Franz Gruber aus Österreich. Er hatte sie beim Schuhplatteln auf dem Dorfe kennengelernt. 1969 heirateten die beiden; drei Jahre später kam ein Sohn zur Welt.

Der Franz aus Tirol arbeitete als Elektriker im Hafen, bevor er beim Kaufhaus Neckermann anheuerte. Gruber machte im Sauseschritt Karriere. Nach der Übernahme von Neckermann durch Karstadt 1976 ging es weiter bergauf. Einige Stationen: jüngster Distriktleiter, jüngster Vertriebsleiter, jüngster Vertriebsdirektor. Muße zum filigranen Handwerk mit den winzigen Holzstäbchen blieb in dieser Zeit nur ausnahmsweise.

Dies änderte sich mit Beginn des Ruhestands 2005. Seinen österreichischen Dialekt hatte sich Gruber schon vor seinem Umzug nach Hessen weitgehend abgelegt: „Weil die Leute immer mutmaßten, ich stamme aus Bayern.“ Das missfiel ihm. Heute ist seine hessische Sprachmelodie markant. Und als nach den ersten Monaten als Pensionär Unruhe keimte, kamen ihm die Streichhölzer in den Sinn. Endlich war Zeit für die figelinsche Freizeitbeschäftigung. Von der Ehefrau toleriert, zieht sich der „Gruber Franz“, wann immer es geht, in den Hobbykeller zurück. „Dort verfliegen die Stunden wie Minuten“, sagt er.

Versicherungswert: 160.000 Euro

Pioniertat fernab des Berufslebens war die Dresdner Frauenkirche: 550 Stunden, 26.000 Streichhölzer. Mittlerweile hatte der etwas andere Bauherr seine Technik verändert. Bastelbögen und 3-D-Puzzles dienen als Vorlage – auch wegen der Stabilität und des ansonsten selbst für geduldige Menschen maßlosen Zeitaufwands.

Die zusammengesteckten Puzzles dienen als Vorlage für einen maßstabsgerechten Nachbau. Großformatige Meisterstücke bestehen aus einem Unterbau aus Sperrholz, einer Schicht Streichhölzer und bis zu sechs Bauteilen. Wegen des Transports. Hin und wieder präsentiert Gruber seine Sammlung bei Ausstellungen. Versicherungswert: 160.000 Euro. Nicht nur der Hessische Rundfunk strahlte einen Film über die besondere Kunstfertigkeit aus. Auch im Internet sind Details zu sehen.

„Ich investiere jede Menge Zeit, aber nicht viel Geld“, sagt Franz Gruber. Ein Zehnerpaket mit je 38 Zündhölzern kostet im Super- oder Baumarkt bei günstigem Kauf 34 Cent. Der Bau des Hamburger Michel mit 42.000 Hölzern fiel mit gut 40 Euro mäßig aus. Hinzu kommen Anschaffungen für Leim, Messer, Pinsel, Bleistifte, Pinzetten und Sägen. Die Streichhölzer werden keinesfalls einzeln abgebrannt, sondern mit einem raffinierten Kniff. Dabei platziert er im Freien 40 Schachteln so nebeneinander, dass der Schwefel kurz entzündet wird. Nach einem ausgefeilten Prinzip erlischt er mangels Sauerstoff von selbst.

Eine Firma spendierte ihm 600.000 Hölzer

Erfahrung macht sich bezahlt. Während der Baumeister aus Babenhausen sein Material früher von zollfreien Butterfahrten heimwärts schleppte, kennt er heutzutage Schnäppchen bei den Einzelhandelsketten. Immer wieder stellen Firmen nicht mehr benötigte Werbestreichhölzer zur Verfügung. Im März 2018 spendierte ein Unternehmen 600.000 Zündhölzer. „Das reicht für zehn Jahre“, hofft er.

Passé sind also die Zeiten, in denen Gruber von Verkäufern misstrauische Blicke erntete – und für einen Brandstifter gehalten wurde. Wenn der Bastler sein Smartphone zückte und Fotos seiner Gebäude zeigte, waren die Zweifel zerstreut. „Die Leidenschaft brennt“, formuliert er ganz bewusst. Und ein Ende ist nicht in Sicht.