Überlastungsanzeigen

Hilferuf der Betreuer in Hamburgs Flüchtlingsunterkünften

Flüchtlinge aus Syrien bei ihrer Ankunft in einer Flüchtlingsunterkunft. Betreuer in Hamburg fühlen sich überlastet. (Symbolbild).

Flüchtlinge aus Syrien bei ihrer Ankunft in einer Flüchtlingsunterkunft. Betreuer in Hamburg fühlen sich überlastet. (Symbolbild).

Foto: Bodo Schackow / dpa

In allen Eimsbütteler Unterkünften schaffen die Betreuer ihre Arbeit nicht mehr. Auch andere Heime betroffen.

Hamburg. Fördern & Wohnen (F&W) ächzt unter der Last der Integration: Mit diversen sogenannten Überlastungsanzeigen haben ausgerechnet die Betreuer der Flüchtlinge in den Unterkünften vor Ort angezeigt, dass sie ihre Arbeit im "Unterkunfts- und Sozialmanagement" (UKSM) nicht mehr schaffen. Sie sollen Neuankömmlingen beim Einzug und beim Papierkram helfen und erste Orientierung in der Fremde geben.

Im Bezirk Eimsbüttel sind alle Unterkünfte von diesem "Offenbarungseid" der Beschäftigten betroffen, in Harburg sind es zwei, in Wandsbek ist es eine Unterkunft. Das ergab die Antwort des Senats auf eine Kleine Anfrage der Linken-Bürgerschaftsfraktion.

Linken-Fraktion: Integration bleibt auf der Strecke

„Wenn Mitarbeiter zu einem solchen Mittel greifen, dann bedeutet das Alarmstufe Rot“, kritisiert Carola Ensslen, Eimsbütteler Linken-Bürgerschaftsabgeordnete und Fachsprecherin für Integration. „Das offenbart, dass Fördern & Wohnen ziemlich nachlässig mit Fürsorgepflichten umgeht. Hier hätte längst für personelle Entlastung gesorgt werden müssen. Und natürlich hat das auch Auswirkungen auf die Geflüchteten und Wohnungslosen in den Unterkünften. Integration bleibt so auf der Strecke.“

Kraft Arbeitsschutzgesetz haben Arbeitnehmer oder auch ganze Abteilungen Überlastungsanzeigen immer dann zu stellen, wenn die Arbeit absehbar nicht zu schaffen ist und dies zu Schäden bei Betroffenen führen kann. Die Mitarbeiter, die die Anzeigen stellen, schützen damit sich selbst vor etwaigen Schadenersatzansprüchen. Zugleich zeigen sie ihren Chefs Fürsorgepflichten und Handlungsbedarfe an, um Schaden für Betroffene, aber auch vom Unternehmen bzw. der Behörde abzuwenden. Dennoch gelten die Schwellen für so ein Überlastungs-Bekenntnis, das gegenüber dem Chef schriftlich zu erklären ist, als sehr hoch. Fördern & Wohnen ist als Anstalt öffentlichen Rechts (AöR) ein städtischer Betrieb.

Krankenstand deutlich überhöht

"Fördern & Wohnen begrüßt jede Bewerbung unabhängig davon, ob sie eine gezielte Bewerbung auf vorhandene Stellenausschreibungen darstellt oder eine Initiativbewerbung", teilte der Senat in seiner Antwort auf die Misere bei F&W mit. Stand Ende November waren 20 Stellen im Unternehmen nicht besetzt. Auch der Krankenstand ist mit durchschnittlich 11,5 Prozent überdurchschnittlich hoch, im Bereich des Unterkunftsmanagement an Erstaufnahmestandorten liegt er sogar bei 14,3 Prozent.

„Im Normalfall liegt der Krankenstand bei vier bis fünf Prozent“, sagte Ensslen. „Da liegt also bei Fördern & Wohnen etwas richtig schief. Das verwundert nicht: Wenn für Sozialarbeit, Beratung und Mitmenschlichkeit nicht genug Zeit ist, bringt das Mitarbeiter an ihre physischen und psychischen Belastungsgrenzen.“

1763 Überstunden aufgelaufen

Im Bereich Unterkunfts- und Sozialmanagement in Folgeunterkünften sind 998 Überstunden aufgelaufen, im Technischen Dienst 765. Personalmangel, erhöhten Beratungsbedarf und erhöhten Betreuungsbedarf durch psychisch und physisch kranke Bewohner nennt der Senat als wesentliche Ursachen.

Auch dürften nicht alle vakanten Stellen das Interesse von Sozialpädagogen finden. So sucht F&W zwei Teilzeitkräfte für die von der Innenbehörde betriebene "Rückführungseinrichtung", in der zumeist männliche Bewohner nach ihrer Ausweisung auf die Abschiebung warten. Laut F&W gehen durchschnittlich vier Initiativbewerbungen pro Monat im Unternehmen ein.