Barrierefreiheit

„Viele Praxen haben kein Interesse an Behinderten“

Kerstin Hagemann von der Patienten-Initiative Hamburg.

Kerstin Hagemann von der Patienten-Initiative Hamburg.

Foto: Thorsten Ahlf

Eine Patienteninitiative untersuchte die Barrierefreiheit in Hamburg. Eine der Gründerinnen zieht ein bitteres Fazit.

Hamburg. Für die Rechte von Patienten kämpft Kerstin Hagemann seit Jahrzehnten. Im Oktober 1978 ließ sich die Hamburgerin wegen einer Gehbehinderung von Prof. Rupprecht Bernbeck im damaligen Hamburger Allgemeinen Krankenhaus Barmbek operieren. Der Orthopäde setzte die Pfanne des Hüftgelenks falsch herum ein, nur einer von vielen schwerwiegenden Kunstfehlern. Im Jahre 1987 zahlte die Stadt als Bernbecks Arbeitgeber 30 Millionen D-Mark Entschädigungen.

Mit der von ihr und anderen Geschädigten gegründeten Patienteninitiative hat sie sich nun mit Unterstützung der AOK um ein Thema gekümmert, das viele Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen beschäftigt: Wie barrierefrei sind Arztpraxen in Hamburg? Kerstin Hagemann entwickelte mit einer Kollegin eine Checkliste: von verstellbaren Untersuchungsmöbeln über Informationen in leichter Sprache bis zum sprechenden Fahrstuhl für Sehbehinderte. Ein erster Bericht liegt nun vor, optisch dank der honorarfreien Dienste einer Medienagentur sehr ansprechend illus­triert. Im Miniatur Wunderland entstanden die Fotos.

Bitteres Fazit

Die inhaltliche Bilanz indes macht Kerstin Hagemann nicht wirklich glücklich. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass viele Praxen gar kein Interesse an Patienten mit einer Behinderung haben.“ Von 622 Praxen, die kontaktiert wurden, kamen 208 Absagen. Mit Begründungen wie: „WiR wollen nicht mit dem Thema Barrierefreiheit werben.“ Oder: „Das brauchen wir nicht. Wir haben gar keine Patienten im Rollstuhl.“ Das bittere Fazit von Kerstin Hagemann: „Wir haben erfahren, dass die UN-Behindertenrechtskonvention in der Privatwirtschaft nicht angekommen ist.“

Selbst die Intervention des Leiters des Fachamts Gesundheit Altona, der im Juni bei 171 Arzt- und Psychotherapiepraxen in Ottensen um Unterstützung für das Projekt warb, blieb weitgehend erfolglos. Es gab ganze vier Rückmeldungen. „Über die Gründe, die zu dieser geringen Beteiligung der angeschriebenen Arztpraxen führten, können wir nur spekulieren“, schreibt das Bezirksamt Altona auf Abendblatt-Anfrage. Weiter heißt es: „Gründe könnten unter anderem sein, dass möglicherweise barrierefreie Praxen nicht genannt werden wollten. Oder dass der Aufwand einer Begehung durch die Patienteninitiative für Praxen als zu groß eingeschätzt wurde.“

Kassenärztliche Vereinigung weist Vorwurf zurück

Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hamburg weist den Vorwurf, man habe kein Interesse an Inklusion, zurück: „Diese Behauptung ist zunächst einmal eine Unterstellung. Uns sind keine Diskriminierungen von behinderten Patienten bekannt“, schreibt die Kassenärzt­liche Vereinigung auf Anfrage des Hamburger Abendblatts. Das Projekt hat sich aus Sicht der KV überholt: „Die Praxen sind nun gesetzlich verpflichtet worden, Angaben zur Barrierefreiheit zu machen. Die Kassenärztlichen Vereinigungen haben dies auf ihren Homepages zu veröffentlichen.“ Man beginne jetzt mit der Datenerhebung.

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Gleichwohl konnte die Patienteninitiative trotz schmalen Budgets eine Web-App (planb.Hamburg) entwickeln, in der Betroffene 134 Praxen nach ihren Kriterien filtern können – nach der Art der Beeinträchtigung, der Postleitzahl oder Fachrichtung. „Eine geringe Zahl, aber der Stein ist ins Rollen gekommen“, sagt Kerstin Hagemann. Notwendig ist die Datenerhebung allemal: In Deutschland leben 10 Millionen Menschen mit einer Behinderung, davon sind mehr als 7,6 Millionen schwerbehindert.