Stadtplanung

„Wir müssen die Innenstadt neu erfinden“

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Angelika Hillmer
Hans Christian Lied hat mit der Harburger City viel vor. Ein Aspekt: den Bahnhof besser anbinden.

Hans Christian Lied hat mit der Harburger City viel vor. Ein Aspekt: den Bahnhof besser anbinden.

Foto: Angelika Hillmer / HA

Hans-Christian Lied wird zum 1. Februar Harburgs neuer Baudezernent. Er möchte die City aufwerten und dabei die B73 verschönern.

Harburg.  Er wohnt zwar in Barmbek, aber Harburg liegt ihm am Herzen. Von Berufs wegen. Seit 2014 leitet Hans Christian Lied die Stadt- und Landschaftsplanung des Bezirks und gestaltet damit das Gesicht des Hamburger Südens mit. Nun steht der nächste Karriereschritt bevor: Am 1. Februar 2020 wird Lied zum Harburger Baudezernenten berufen und folgt damit Jörg Heinrich Penner, der einen Monat später in den Ruhestand geht. Vor allem die Harburger Innenstadt ist Lied, dem „Grenzgänger zwischen Architektur und Städtebau“, wie er sich selbst bezeichnet, wichtig.

Der gebürtige Hesse ist in einem kleinen Ort bei Gießen aufgewachsen und hatte als Jugendlicher zwei Interessensgebiete, denen er bis heute treu geblieben ist: Biologie und Architektur. Der Faible für die Natur hat den heute 52-Jährigen vor gut 30 Jahren das erste Mal längere Zeit in den Norden verschlagen, im Zivildienst als Vogelwart in Dithmarschen. Es schloss sich zunächst ein Biologie- und Mathematik-Studium in Tübingen an, doch dann ging Lied seiner zweiten Leidenschaft nachging: Er wechselte an die Universität Kassel und studierte dort Architektur und Städtebau. „In Kassel gab es die Möglichkeit, Stadt- und Landschaftsplanung gemeinsam zu studieren“, sagt sich Lied. Seinen Abschluss machte er im Städtebau.

Bei Neubauprojekten grüne Freiräume schaffen

Auch in Harburg befasst sich der Vater zweier Töchter (acht und zehn Jahre alt) vor allem mit dem Städtebau, mit der Gestaltung der Stadtlandschaft. Dabei darf urbanes Grün nicht fehlen. Als ein besonders gelungenes städtebauliches Projekt bezeichnet Lied das Neuländer Quarree an der Ecke Hannoversche Straße/Neuländer Weg. Gebäude stehen dort noch nicht, grüne Wildnis beherrscht das Bild. „Das Projekt hat eine lange Planungshistorie. Im Laufe der Jahre hat sich dort ein Biotop gebildet. Deshalb gilt es, möglichst viel dieser Naturqualität zu erhalten. Die Gestaltung der Freiräume muss den Bedürfnissen der Bewohner gerecht werden und gleichzeitig viele Naturschutzaspekte berücksichtigen. Das ist in dem vorliegenden Konzept sehr gut gelungen.“

Auch das Neubaugebiet Fischbeker Reethen ist nach dem Geschmack des Stadtplaners. Es wird von Lieds ehemaligen Kollegen entwickelt und vermarktet, die IBA Hamburg GmbH. Sie entstand zur Internationalen Bauausstellung (IBA), die von 2006 bis 2013 lief. Bei der Ausstellung leitete Lied Projekte auf der Veddel und den zentralen Anlaufpunkt, das IBA Dock. Im Fischbeker Baugebiet wird nun unter anderem eine Wohnform angeboten, die Hans Christian Lied für besonders zukunftsfähig hält, so genannte Stadthäuser. Sie sind die urbane Form der Reihenhäuser: unterschiedlich aussehende, zwei- bis dreistöckige Wohnhäuser, die, nur durch eine Brandschutzmauer getrennt, Seite an Seite stehen. Kleine Terrassen und Privatgärten schaffen mitten in der Stadt ein grünes Wohnumfeld.

Lied hält viel von privaten Baugemeinschaften

Solche Projekte werden gern von Baugemeinschaften realisiert, zu denen sich mehrere private Bauherren zusammenschließen. Als Teil einer solchen Baugemeinschaft hat sich die Familie Lied in Barmbek ihr Zuhause geschaffen. Und wird dort wohl auch bleiben. „Ich benötige 40 Minuten für den Arbeitsweg, das ist kein Problem. Ich fahre nach Süden, meine Frau nach Norden. Sie arbeitet in Schleswig-Holstein.“ Die Töchter gehen in Barmbek zur Schule. Ein Umzug nach Harburg sei nicht geplant, so Lied, aber auch hier gebe es für ihn attraktive Wohnorte, betont er.

Von den großen Harburger Entwicklungsgebieten, dem Binnenhafen, der Innenstadt und den drei Neubauquartieren in Neugraben-Fischbek, ist dem angehenden Baudezernenten der Rahmenplan für die Entwicklung der Harburger City bis 2040 besonders wichtig. Der Plan wird gerade ausgearbeitet. „Wir müssen die Innenstadt neu erfinden“, sagt Lied. Er denkt dabei an zwei Achsen, die das Stadtbild aufwerten sollen.

In Nord-Süd-Richtung gelte es, die historische Entwicklung Harburgs deutlich zu machen. Sie begann mit der Zitadelle auf der heutigen Schlossinsel. Von dort wuchs der Ort über die Harburger Schloßstraße, den Schloßmühlendamm, die Lüneburger und die Wilstorfer Straße weiter nach Süden. Diese Trasse möchte Lied neu beleben: „Wir brauchen eine neue, großzügige Unterführung unter der B73 und der Bahntrasse hindurch, die die Schloßstraße mit dem Schloßmühlendamm verbindet. Beide Straßen sollten eine höhere Aufenthaltsqualität bekommen und dann als grüne Ader in die Innenstadt führen.“

Hans Christian Lied räumt ein, dass eine neue Unterführung – und der Bau einer Landschaftsbrücke in Höhe des Schellerdamms – seit Jahren im Bezirk diskutiert werden, ohne dass sich konkrete Projekte daraus entwickelt hätten. „Wir müssen hier dicke Bretter bohren“, sagt er, „aber ich hoffe, dass dies während meiner Harburg-Zeit gelingt.“ Also innerhalb von höchstens 15 Jahren. Denn dann erreicht Lied nach heutigem Stand das Rentenalter.

Eine begrünte Nord-Süd-Trasse werte die Wohnqualität der angrenzenden Viertel auf, betont der Stadtplaner. Deren Attraktivität würde noch mehr gesteigert, wenn das zweite Leitbild umgesetzt wird: Der Verlauf der B73 mit der angrenzenden Bahntrasse sollte zur Lebensader Harburgs werden, wünscht sich Lied und greift damit ein Konzept des Frankfurter Planungsbüros Raumwerk auf. Danach könnte der Straßenraum noch stärker begrünt und die City durch mehrere Brücken mit dem Binnenhafen „vernäht“ werden. Lied: „Wir müssen die B73 neu interpretieren. Heute wird sie als Rückseite der Innenstadt wahrgenommen. Wer Harburg nur von der B73 her kennt, wird es nicht schön finden. Das muss sich ändern.“

Der östliche Startpunkt der Lebensader wäre der Harburger Bahnhof. Dieses „wunderschöne Gebäude“ stehe derzeit im Abseits und müsse wieder näher an die City gerückt werden, so Lied. Das Bahnhofsumfeld habe großes Entwicklungspotenzial. Deshalb hat sich Lied den Ende des 19. Jahrhunderts errichteten Backsteinbau als Gebäudemotiv für das Abendblatt-Foto ausgewählt. „In den vergangenen Jahrzehnten hat die Stadtplanung sich zu wenig mit dem Bahnhofsumfeld beschäftigt.“

Dass Harburg sein Grün behält, sei wichtig; im Zusammenhang mit der Velorouten-Planung sollten möglichst keine Bäume gefällt werden, sagt Lied. Seine grüne Ader lebt er aber vorwiegend im Privaten aus: Der Hobby-Ornithologe und -Botaniker unternimmt gern Wanderungen durch die Natur, in Hamburg und andernorts. Zuletzt auf einer Reise nach Rumänien. Aber natürlich schaute er sich dort auch die Städte an.

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