Hamburg – von der norddeutschen Fachwerkstadt zur Metropole

Der Schaarmarkt mit dem Michel  im Hintergrund, um 1870.

Der Schaarmarkt mit dem Michel im Hintergrund, um 1870.

Foto: Georg Koppmann / Vintage Germany / Junius Verlag

Ein neuer, spektakulärer Bildband von Abendblatt und Junius Verlag präsentiert seltene Fotoaufnahmen aus der Zeit von 1860 bis 1885.

Hamburg. Bücher vermögen, Unglaubliches zu leisten: Sie können fesseln und begeistern, Menschen mitnehmen und verändern – und manchmal gar durch Zeit und Raum reisen. „Hamburg in frühen Fotografien“ heißt ein Bildband des Historikers Jan Zimmermann, der Leser und Betrachter entführt in ein längst vergangenes Kapitel der Stadtgeschichte und zugleich in die Urzeit der Fotografie.

Im November 1868 fand neben der Börse – dort, wo heute das Rathaus steht – die „Photographische Ausstellung in Hamburg“ statt, eine Leistungsschau der neuen Technik, aber auch eine Bestandsaufnahme der Stadt Hamburg nach dem verheerenden Brand von 1842. Die „Hamburger Nachrichten“ schrieben damals: „Das Ausstellungsgebäude liegt im günstigsten Theil der Stadt, vis-a-vis der Börse, auf einem freien Platze, und zeugt dessen äußere und innere Ausstattung von dem Geschmacke des Baumeisters. ... Ueber dem Eingange ist ein Balcon angebracht, auf welchem namentlich Albums und derartige Arbeiten zur Schau gestellt sind.“

Die Lichtbildkunst stand in diesen Jahren vor ihrem endgültigen Durchbruch: Erfunden in den 30er-Jahren des 19. Jahrhunderts, setzte sich die Fotografie rasch durch, zunächst nur bei Por­träts, später aber auch für Stadt-Landschaften.

Fremdes und vertrautes Hamburg

Das Buch konzentriert sich auf Bilder aus dem 19. Jahrhundert, als es der Fotografie gelang, zum Massenmedium zu werden. Die Aufnahmen zeigen eine Stadt, die fremd ist und seltsam vertraut. Das Hamburg der 60er- und 70er-Jahre war eine Stadt im radikalen Umbruch. Gleich mehrere Zeit- und Wegmarken stehen für den radikalen Wandel.

Da ist zum einen der verheerende Stadtbrand von 1842. Am Himmelfahrtstag, dem 5. Mai, brach um kurz nach Mitternacht in der Deichstraße 44 beim Cigarrenmacher Cohen ein Feuer aus. Eine lange Trockenheit und starke Südwinde verwandelten das kleinen Feuer rasch in ein Inferno: Zunächst erfassten die Flammen das Nikolaiviertel und zerstörten am Nachmittag die Nikolaikirche. Beständig fraß sich das Feuer vom Hafenrand Richtung Alster: Das alte Rathaus an der Trostbrücke wurde am 6. Mai gesprengt, doch die Feuersbrunst wütete weiter gen Norden.

Erst die Binnenalster und drehende Winde vermochten das Inferno am 8. Mai zu stoppen. 51 Menschen kamen ums Leben, mindestens 20.000 Hamburger waren obdachlos geworden, ein Viertel der Stadt war zerstört – insgesamt brannten mindestens 1000 Häuser nieder, andere Quellen schreiben sogar von 1779 Häusern. Gleich auf Seite 6 zeigt das Buch „Hamburg in frühen Fotografien“ ein Bild von Hermann Biow aus dem Jahr 1842, das weltberühmt werden sollte: Der Blick geht über die Trümmer, den Jungfernstieg bis hin zur Alster – ein Foto „zum sichersten Andenken an die Gestalt des Jammers für die Nachkommen“. Und ein Foto, das diese Nachkommen erschreckend an die Bilder der Zerstörung durch die „Operation Gomorrha“ erinnert. Es wirkt wie ein Fanal für das, was 101 Jahre später über die Stadt hineinbrechen sollte.

Gleich mehrere Zerstörungswellen haben die Stadt heimgesucht – Feuer und Bombenkrieg, aber auch Modernisierung und Wiederaufbau. Hamburg hat sich gehäutet und wirkt an manchen Stellen nicht nur wie eine andere Metropole, sondern wie ein ganz anderer Ort in einem Paralleluniversum. Es gibt im Buch Fotos etwa aus der Altstadt, in denen jedes Gebäude fremd wirkt und nur die Türme der Hauptkirchen überhaupt einen Ansatzpunkt zur Orientierung ermöglichen. Bilder von Wandrahm oder dem Kehrwieder lassen ein Fachwerk-Hamburg wiedererstehen, das für den Bau der Speicherstadt in den 80er- und 90er-Jahren des 19. Jahrhunderts großflächig abgeräumt wurde.

In einem alten Reiseführer heißt es: „Die alte Stadt ... hat in ihren winkeligen Gassen, besetzt mit vielen schnörkeligen Bauten der vorigen Jahrhunderte, den Charakter jener Zeit bewahrt, doch ähnelt sie mit ihren zum Theil sehr engen Fleeten und unzähligen Speichern und Winden, mit ihren hohen Treppen vor den Thüren und dem kaufmännischen Gepräge mehr einer holländischen Stadt als einer mitteldeutschen.“

Wo heute das Rathaus steht, war 1861 eine Grünanlage

Es werden Fotos abgedruckt, die Bekanntes und Befremdliches vereinen – der Blick von den Alsterarkaden über die Kleine Alster von 1861 etwa zeigt die vertraute Alstervierteltreppe und die Börse (die heutige Handelskammer) – doch das Rathaus fehlt: Dort steht eine kleine Grünanlage. „Das projektirte Rathhaus, dessen Platz vorläufig noch mit Anlagen bedeckt ist, in welchem Kindermädchen spazieren, wird zwar dem Entwurfe nach ein grandioses Gebäude werden, aber über den Beginn des Baues ist noch Nichts beschlossen.“ Zimmermann hat die Bildunterschriften mit Texten aus dem 19. Jahrhundert, etwa alten Reiseführern, versehen – eine faszinierende Idee. Es sollte bis 1897 dauern, dass die Hamburger ihr neues Rathaus in Besitz nehmen konnten.

Manche Bilder könnten oberflächliche Betrachter als aktuell durchwinken, andere wirken aus der Zeit gefallen: Da stolzieren Bürger mit Zylinder durch die Stadt, Kutschen rollen über das Pflaster, Pferdebahnen warten auf Passagiere, manche Straßen sind noch nicht einmal befestigt – und an der Lombardsbrücke dreht sich noch die Windmühle, die 1865 abgebrochen wurde.

Andere Fotos holen Vergangenes aus dem Vergessen – wie etwa die Gartenbauausstellung des Jahres 1869, die überraschend modern wirkt. Auf Papier entstehen das Baumhaus am Baumwall wieder auf und der kunstvolle Bauhof in der Nähe des Meßbergs, ebenso der alte „Neue Jungfernstieg“ mit seiner kleinteiligen niedrigen Bebauung oder das Millioneninvestment Sillem’s Bazar. Bilder des Prachtbaus zwischen Jungfernstieg und Poststraße erinnern an die Galleria Vittorio Emanuele II in Mailand: Die großzügige Einkaufspassage mit poliertem Marmor, französischen Spiegeln und bronzeverzierten Türen, mit Glasdächern und einem mehrgeschossigen Glasoktogon in der Mitte wurde hymnisch gefeiert.

„Nach Hamburg fahren, und den Bazar nicht sehen, ist wie Rom ohne den Papst“, jubelten Zeitgenossen. Die „Leipziger Illustrirte“ schwärmte, diese Ladenstraße übertreffe ihre Vorbilder in Paris oder London an „Schönheit im allgemeinen und geschmackvoller Ausführung aller Einzelteile“. Weniger begeistert waren hingegen die Hamburger – die Kunden blieben aus, sodass ab 1881 an der Stelle der Sandsteinbau entstand, der heute den Hamburger Hof beheimatet.

Auch das längst untergegangene Gängeviertel, das „alte, schiefwinklichte, schlabbrige Hamburg“ (Heinrich Heine), lässt sich im Bildband durchwandern. Dort, wo nun das Weltkulturerbe Kontorhausviertel steht, reihte sich früher ein Fachwerkhaus an das andere. Was heute romantisch wirkt, war in Wahrheit ein völlig überbelegtes Viertel mit engen, krummen Gassen und katastrophalen hygienischen Zuständen. Es sollte aber bis ins 20. Jahrhundert dauern, bis die Stadterneuerung diesem alten Hamburg den Garaus machte.

Die Jahrhundertwende gilt als die Zeit des Hamburger Maßstabssprungs – bis dahin überragten die hohen Hauptkirchen weithin sichtbar die kleinen Bürgerhäuser. Erst mit der neuen Epoche wuchsen die Kontorhäuser mehrgeschossig in die Höhe und versperrten den Blick auf die Türme.

Kirchen sind Fixpunkte in einer sich wandelnden Stadt

Die Kirchen sind es, die wie Jahresringe die Veränderung der Stadt anzeigen – oft fotografiert und stetig im Wandel: So kann man auf vielen Bildern St. Petri ohne Turm sehen, der 1842 verbrannte, oder den Baufortschritt bei St. Nikolai verfolgen, deren Grundstein 1846 gelegt wurde, die aber erst 1874 fertiggestellt wurde. Ein Jahrzehnt zuvor konnte man die Fertigstellung der höchsten Kirche in Hamburg kaum erwarten: „An architektonischer Schönheit wird dieser gothische Bau keinem auf Erden weichen und ohne Gleichen im nördlichen Deutschland sein“, heißt es im Reiseführer von Robert Geißler aus dem Jahr 1861. Heute ist die große Kirche länger Ruine, als sie Gotteshaus war.

Faszinierend sind auch die Bilder von der Elbe mit einem Mastenwald von Segelschiffen am Niederhafen oder den St.-Pauli-Landungsbrücken, die sehr fremd anmuten. Ebenso ergeht es den Betrachtern bei Bildern von der Außenalster mit ihrer niedrigen Bebauung, einer dörflichen Hafenstraße oder den Villen des alten „Hamm“ – vor seiner Zerstörung 1943. Eher überschaubar ist das Bildmaterial zum damals noch selbstständigen Altona. Auch aus Blankenese, in Reiseführern 1869 als das „unstreitig großartigste Dorf Holsteins“ gerühmt, gibt es nur einige wenige Fotos. Sie alle muten deutlich kleinstädtischer oder gar dörflicher an als Hamburg.

Das Material stammt aus dem Fundus von 17 Fotografen

Die 17 Fotografen, die das Buch erstmals zusammenbringt und deren Werke zum Teil noch nie veröffentlicht wurden, fangen eine besondere Zeit ein: eine Zeit des Wandels, der Expansion nach der Aufhebung der Torsperre 1860, des industriellen Aufbruchs, der Entwicklung Hamburgs von einer norddeutschen Fachwerkstadt zu einer internationalen Metro­pole. Davon künden Details wie moderne Gaslaternen, aber auch opulente Neubauten wie der Kaiserspeicher, die Elbbrücken oder Bahnhöfe.

Ein Beitrag der „Hamburger Nachrichten“ aus dem Jahr 1866 zu frühen Fotos der Hansestadt hat heute, mehr als 150 Jahre später, nichts von seiner Gültigkeit eingebüßt: „Da die Fotografien die interessantesten Punkte Hamburgs, vorzugsweise die alten Stadttheile, welche zum Teil schon verschwunden sind, darstellen, so haben diese Hamburgensien für uns zugleich einen hohen historischen Wert.“

Es ist dem Junius Verlag zu verdanken, dass er diese Schätze gehoben hat.