Prozess gegen SS-Wachmann

Hamburg: Zeuge aus USA umarmt ehemaligen KZ-Wachmann

Peter Loth aus Florida (USA) ist Nebenkläger in dem Prozess gegen einen ehemaligen SS-Wachmann des Konzentrationslagers Stutthof.

Peter Loth aus Florida (USA) ist Nebenkläger in dem Prozess gegen einen ehemaligen SS-Wachmann des Konzentrationslagers Stutthof.

Foto: Christian Charisius/dpa

Er kam in Gefangenschaft zur Welt: Im Prozess gegen den 93-Jährigen sorgte Moshe Peter Loth für eine berührende Überraschung.

Hamburg. Am Ende, als viele Fragen beantwortet sind und alles gesagt zu sein scheint, liegen die beiden Männer einander in den Armen und weinen. Es sind wohl Tränen der Rührung, aber auch Tränen des Schmerzes – über Erlebtes, über Erinnerungen, die zutiefst weh tun. Und gerade weil diese Szene eine besondere Harmonie vermittelt, ist sie doch umso erstaunlicher.

Denn die beiden Männer, die sich da beim Prozess im Gerichtssaal umarmen, haben den Zweiten Weltkrieg mit all seinen Grauen und seinen entsetzlichen Folgen auf zwei entgegengesetzten Seiten erlebt; man kann ohne Übertreibung sagen, dass es unterschiedliche Welten waren: der eine als Wachmann im Konzentrationslager Stutthof, der andere als Gefangener.

Ehemaliger Gefangener umarmt KZ-Wachmann

„Passen Sie alle auf! Ich werde ihn umarmen und ihm vergeben“, sagt Moshe Peter Loth, nachdem der 76-Jährige im Prozess gegen den früheren Wachmann im KZ Stutthof, Bruno D., davon erzählt hat, wie er durch den Krieg vollkommen entwurzelt wurde. Wie ihm seine Kindheit genommen wurde, seine Familie und seine Heimat, von all den Qualen, die er durch den Krieg erlitten hat.

„Sie haben uns ein Leben geschildert, vollkommen ausgestoßen, wenn ich das so nennen darf“, fasst die Vorsitzende Richterin Anne Meier-Göring die Erzählung zusammen. „Kann man leben mit dieser Geschichte? Muss man verzweifeln?“ „Ich war verzweifelt und voller Hass“, antwortet der Zeuge. „Ich war sehr wütend. Warum hat man mich allein gelassen? Warum hat man mir nicht geholfen? Dann aber habe ich gelernt zu vergeben.“ Und dann steht der Mann, der in Gefangenschaft geboren wurde, auf und schließt Bruno D. in die Arme. Der 93 Jahre alte Angeklagte, so wirkt es, möchte den jüngeren Mann gar nicht mehr loslassen, so sehr rührt ihn die Geste der Milde und des Verzeihens.

Beihilfe zum Mord in 5230 Fällen

Er erhoffe sich von dem Prozess „Gerechtigkeit“, wird der Zeuge später in einem Interview sagen. Und er halte es für wichtig, dass Männer wie Bruno D. vor Gericht gestellt werden. Dem Angeklagten wird Beihilfe zum Mord in 5230 Fällen vorgeworfen, weil er „die heimtückische und grausame Tötung insbesondere jüdischer Häftlinge unterstützt“ habe.

Zu den Aufgaben des damals 17 beziehungsweise 18 Jahre alte Wachmannes gehörte es laut Anklage, die Flucht, Revolte und Befreiung von Häftlingen zu verhindern. Im Prozess hatte der 93-Jährige bereits detailreich über die Vorfälle im KZ Stutthof erzählt, wie sie ihn belastet haben und wie er damit umgegangen ist.

An die Zeit in Stutthof hat Moshe Peter Loth selber keine Erinnerung. Ende 1943 wurde er geboren, im Folgejahr kam seine Mutter mit ihm in das Konzentrationslager. Sein Großvater sei Nazi gewesen, der seine jüdische Frau von der Gestapo habe umbringen lassen und die Tochter ins Konzentrationslager gebracht habe. Bei Kriegsende sei seine Mutter von ihm getrennt worden, erzählt der Zeuge. Er kam in polnische und russische Waisenhäuser.

Zeuge wurde für seine Nationalität bestraft

„Da kamen die Soldaten nachts, haben die Kinder missbraucht und vergewaltigt.“ Weil er seinen Papieren zufolge Deutscher war, „wurde ich dafür bestraft, nach dem Krieg“. Ohne Heimat und ohne Familie durch die meiste Zeit seiner Kindheit und Jugend: Dies ist ein weiteres der traumatisierenden Erlebnisse, die der Krieg mit sich brachte. „Da ist der Schmerz, nicht zu wissen, wer man ist“, schildert der Zeuge.

„Das Schlimmste für mich war, als ich etwa sechs Jahre alt war, zu sehen, wie Kinder umgebracht wurden.“ Nachts seien die Russen gekommen. Dann seien die Kinder am Nacken gepackt worden. „Dann wurde ihnen eine Waffe in den Mund gesteckt und abgefeuert.“ Ein kleines Mädchen habe ihn noch angefleht, ihr zu helfen. „Dann fiel ein Schuss, und sie wurde in den Graben geworfen. Dann war ich dran.“ Aber eine Frau habe sich schützend vor ihn gestellt. „Ich weiß nicht, wie sie es geschafft hat, ihr Leben für jemanden zu geben. Dann wurde sie vergewaltigt. Und wieder vergewaltigt."

Russen hielten Loth für einen Spion

Schließlich, etwa 1958, habe eine polnische Frau, die sich um ihn kümmerte, den Kontakt zu seiner Mutter wiederherstellen können, erzählt der Zeuge weiter. Seine Mutter sei mittlerweile mit einem amerikanischen Soldaten verheiratet gewesen und habe mit ihm in einer Militärbasis in Deutschland gelebt. Wegen eines Briefes, den Moshe Peter Loth von dort von seiner Mutter bekam, habe man ihn bei den Russen für einen Spion gehalten.

„Ich war doch nur ein Junge. Ich war 15 Jahre alt. Man hat mir die Zähne ausgeschlagen und die Hände gebrochen“, erzählt der heute in Florida lebende 76-Jährige. Später in Amerika habe er als Stiefsohn eines Farbigen im Südstaat Georgia nicht auf eine weiße Schule gehen dürfen. Aber wegen seiner weißen Hautfarbe hätten ihn auch Schulen für Farbige nicht akzeptiert. „Ich habe in Deutschland angerufen und gesagt, dass ich nach Hause will. Aber sie verstanden mich nicht, weil ich nur polnisch sprach.“ Und bei der polnischen Botschaft, an die sich Moshe Peter Loth dann wandte, hätten sie gesagt, „ich bin Deutscher. Der Krieg hat so viel verursacht, ich verstehe das nicht.“

Zeuge vergibt ehemaligem KZ-Wachmann

Früher sei er verzweifelt und voller Hass gewesen. „Bis ich gemerkt habe, ich muss vergeben.“ Der Zeuge, der auch Nebenkläger ist, möchte schließlich von dem Angeklagten wissen, wie er zu seiner Zeit in Stutthof steht. Der 93-Jährige beteuert erneut, dass er zum Dienst im KZ gezwungen worden sei. „Mir tut es leid, was Ihnen passiert ist“, sagt Bruno D. mit Blick auf den Zeugen. „Ich bin erschüttert.“

Da möchte der Mann, der als Baby im KZ war, wissen: „Würden Sie mir vergeben, dass ich wütend war und hasserfüllt?“ Und der frühere Wachmann antwortet: „Auf jeden Fall. Ich habe keinen Hass.“ Der 93-Jährige versucht noch, sich für die Umarmung mit dem Amerikaner aus seinem Rollstuhl aufzurappeln. Es gelingt ihm nicht. Er umfasst die Schultern des Jüngeren, klopft ihm auf den Rücken, streicht ihm über die Wange – mit Tränen in den Augen.