Hamburg

Abwasserleitungen: Hausbesitzern drohen hohe Kosten

Hamburger Wohnhaus am Alsterkanal in Eppendorf (Symbolfoto).

Hamburger Wohnhaus am Alsterkanal in Eppendorf (Symbolfoto).

Foto: picture alliance

Behörde warnt vor "Kanalhaien". Prüfung von Leitungen bis Ende 2020 kann teuer werden. Was Eigentümer wissen sollten.

Hamburg.  Es ist ein Termin, den kaum ein Hamburger Haus- oder Wohnungsbesitzer auf dem Zettel hat: Am 31. Dezember 2020 läuft die Frist ab, in der viele Eigentümer die Dichtheit der Abwasserleitungen auf ihren Grundstücken prüfen lassen müssen.

Die Behörde für Umwelt und Energie (BUE) setzt damit einen Stichtag für diese Prüfungen, die in Hamburg in einem Abstand von jeweils 25 Jahren vorgeschrieben sind. Bei Neubauten erfolgen diese Untersuchungen seit Längerem in der Bauphase, die 25-Jahres-Frist läuft dann ab diesem Termin. Für Tausende Besitzer von älteren Immobilien könnte die vorgeschriebene Prüfung teure Konsequenzen haben.

Sanierung kostet mehrer Tausend Euro

Nach Angaben der BUE sind in Hamburg wie in anderen Bundesländern 30 bis 50 Prozent der privaten Abwasserleitungen nicht dicht. Bauten, die bis Anfang der 1970er-Jahre errichtet wurden, gelten als besonders anfällig. Damals wurden Rohre aus Ton oder Steingut verbaut. Diese zeigen nun Risse oder sind gebrochen. Diese Leitungen zu sanieren oder zu ersetzen kann etliche Tausend Euro kosten.

Bereits die Prüfung eines Einfamilienhauses kostet in der Regel mindestens 400 Euro, bei Mehrfamilienhäusern 1000 bis 2000 Euro. In der Regel werden die Leitungen mit eingeführten Minikameras begutachtet. Wichtig ist allerdings, dass nur ein eigens zertifizierter Betrieb diese Prüfung übernimmt. Dass diese Kontrollen wichtig sind, ist unstrittig. Durch lecke Abwasserrohre können Schadstoffe ins Grundwasser gelangen. Zudem kann die Immobilie massiven Schaden nehmen, sollte Abwasser unter der Bodenplatte eindringen.

Behörde warnt vor Kanal-Haien

Die Behörde wird keine Erinnerungsschreiben an die betroffenen Haushalte schicken. Torsten Flomm, Vorsitzender des Hamburger Grundeigentümer-Verbands, hält das für falsch: „Die Stadt kann nicht erwarten, dass sich Hauseigentümer regelmäßig über entsprechende Regelungen informieren.“ Allerdings muss laut Behörde niemand fürchten, dass gleich Bußgelder verhängt werden, wenn man die Frist versäumt. Es gebe nur stichprobenhaltige Kontrollen sowie „kulante Fristen zum Nachholen der Prüfung“. Bußgelder seien bislang in keinem Fall verhängt worden.

Gewarnt wird vor Betrügern, die als „Kanal-Haie“ bei Immobilienbesitzern klingeln und ihnen eine angeblich notwendige Sanierung der Rohre für einen völlig überhöhten Preis aufschwatzen. Vor allem hochbetagte Hauseigentümer werden Opfer dieser Betrugsmasche.

Das müssen Hausbesitzer jetzt wissen:

Wie oft muss geprüft werden?

In Hamburg muss eine Dichtheitsprüfung alle 25 Jahre nachgewiesen werden. Für diese Prüfungen setzte die Behörde für Umwelt und Energie (BUE) nun als Stichtag den 31. Dezember 2020 an. Bei Neubauprojekten – hier wird bereits seit Längerem die Dichtheit der Leitungen in der Bauphase geprüft und dokumentiert – läuft diese Frist 25 Jahre nach Baufertigstellung ab. Diese Eigentümer sind also vom Stichtag 31. Dezember 2020 in der Regel nicht betroffen.

Ursprünglich sollten die Eigentümer von Bestandsobjekten die Prüfungen sogar bis Ende 2015 vornehmen lassen. Diese Frist wurde 2014 bis Dezember 2020 verlängert, um die Termine zu entzerren. Schleswig-Holstein setzt eine Frist bis 2025, sofern die öffentlichen Schmutz- und Mischwasserkanäle bereits saniert sind oder bis 2022 noch saniert werden. Ansonsten gilt eine Frist von drei Jahren, beginnend ab dem Datum der Sanierung. In Niedersachsen gibt es keinen Stichtag. Allerdings lohnt immer ein Anruf bei der zuständigen Kommune, da es Sonderreglungen geben kann. Für Wasserschutzgebiete gelten ohnehin schärfere Bestimmungen.

Wieso ist es so wichtig, dass Abwasserleitungen wirklich dicht sind?

Hamburg bezieht sein Trinkwasser seit 1964 ausschließlich aus Grundwasser. „Mit dem Wachstum der Stadt steigt aktuell auch der Trinkwasserbedarf in Hamburg, und wir sind auf ausreichend sauberes Trinkwasser in gewohnt bester Qualität angewiesen, dafür muss langfristig das Grundwasser geschützt werden“, sagt BUE-Sprecher Jan Dube.

Abwasser kann Grundwasser verunreinigen, dabei geht es keineswegs nur um die Belastung durch Fäkalien. Gefahren für das Grundwasser drohen durch Haushaltschemikalien sowie laut BUE im wachsenden Maße durch vom Körper ausgeschiedene Arzneimittel: „In vielen Flüssen werden bereits Arzneimittel nachgewiesen, die in den Kläranlagen mit konventioneller Abwasserbehandlungstechnik nicht zurückgehalten werden können.“

Ingenieur Marcus Ziehm von Dr. Pipe, einem bundesweit tätigen Rohrsanierungsunternehmen, weist daraufhin, dass durch undichte Abwasserleitungen auch Grundwasser eindringen kann: „Damit werden die Klärwerke unnötig belastet.“ Zudem könnten undichte Leitungen unterhalb der Bodenplatte für massive Schäden am Gebäude sorgen, sogar die Standsicherheit gefährden.

Wie ist der Zustand der privaten Abwasserleitungen in Hamburg?

Laut BUE weisen 30 bis über 50 Prozent der privaten Abwasserleitungen Schäden auf. Betroffen sind besonders ältere Immobilien. „Bis in die 1970er-Jahre wurden Rohre aus Ton oder Steingut verbaut. Diese zeigen nun Risse. Manche sind sogar gebrochen“, sagt Ziehm. Doch auch Kunststoffleitungen würden keine Garantie bieten, mitunter habe es Nachlässigkeiten beim Bau – etwa fehlende Dichtungen – gegeben.

Wer zahlt, wer haftet?

Da gibt es kein Pardon: „Pflichtig ist hierbei der Eigentümer“ schreibt die Behörde. Die Sanierung maroder Rohre ist allein Sache des Besitzers der Immobilie, egal, ob es sich dabei ein privat genutztes Einfamilienhaus oder um ein Hochhaus im Besitz einer Wohnungsbaugenossenschaft handelt. Eigentümergemeinschaften beauftragen am besten ihren Verwalter.

Ein Verstoß gegen die Prüfpflicht könnte als Ordnungswidrigkeit geahndet werden. Allerdings hat die Stadt in solchen Fällen noch nie ein Bußgeld verhängt, sondern bei stichprobenartigen Kontrollen Erinnerungsschreiben verschickt. Bei dieser Kulanzregelung soll es bleiben, zumal die ohnehin ausgelasteten Fachfirmen einen Ansturm kaum bewältigen könnten.

Allerdings drohen bei Ignorieren der 25-Jahres-Fristen unangenehme Haftungsfragen, falls etwa durch ein defektes Abwasserrohr ein Schaden am Nachbargrundstück eintreten sollte.

Wer prüft? Welche Kosten entstehen?

Gültig sind nur Dichtheitsnachweise von zertifizierten Fachbetrieben. Es reicht also nicht, einfach einen Klempner zu beauftragen. Über www.hamburg.de/abwasserleitung kann man unter Eingabe der Postleitzahl den nächstgelegenen Fachbetrieb finden.

Die Verbraucherzentrale empfiehlt, sich mehrere Angebote einzuholen. Die Kosten hängen von der Lage und der Länge der Leitungen ab, bei Einfamilienhäusern sollte man mit mindestens 400 Euro rechnen, bei Mehrfamilienhäusern zwischen 1000 und 2000 Euro. Es kann sich lohnen, das Projekt mit Nachbarn anzugehen, um sich die Kosten für die Anfahrt zu teilen.

Wie wird informiert, wann geprüft werden muss?

Die BUE sieht den Eigentümer in der Pflicht. In einer dem Abendblatt vorliegenden Mail an einen Eigentümer heißt es: „Eine persönliche Aufforderung an jeden einzelnen Eigentümer eines Hamburger Grundstücks kann leider nicht erfolgen. Es handelt sich um eine gesetzliche Regelung, der die Bürger auch ohne Aufforderung nachkommen müssen.“ Torsten Flomm, Vorsitzender des Hamburger Grundeigentümer-Verbands, hält dies für ein Unding: „Die Stadt kann nicht erwarten, dass sich Hauseigentümer von sich aus regelmäßig über entsprechende Regelungen informieren. Zudem wechseln bei Immobilien häufig die Besitzer. Die Stadt hätte die entsprechenden Schreiben längst verschicken müssen.“ Der Verband registrierte viele Anfragen von Mitgliedern, die erst durch einen Artikel in der Verbandszeitschrift von der Frist erfuhren.

Wie wird geprüft?

In der Regel setzen die Unternehmen auf eine TV-Inspektion. Dabei werden die Rohre zunächst mit Wasserdruck gereinigt, dann wird eine Minikamera eingeführt. Dies funktioniert auch bei Leitungen mit Bögen.

Was passiert, wenn Schäden festgestellt werden?

Dies hängt davon ab, wie groß der Schaden ist. Eingeteilt werden die Schäden in drei Klassen. Hat die Leitung nur einen haarfeinen Riss, gilt sie bis zur nächsten Prüfung als dicht. Bei einem mittleren Schaden hat der Eigentümer fünf Jahre Zeit für die Reparatur, ein Rohrbruch muss dagegen innerhalb von sechs Monaten beseitigt werden. Mittlere Schäden können häufig mit dem sogenannten Lining-Verfahren behoben werden. Dabei wird ein mit Kunstharz getränkter Schlauch in das Rohr eingeführt und an der lecken Stelle mit dem Altrohr verklebt oder per UV-Licht ausgehärtet. Sind die Leitungen jedoch stark marode, muss das Erdreich aufgegraben werden, um neue Leitungen zu verlegen. Dann können auch Kosten von etlichen Tausend Euro entstehen.

Wirken sich die Sanierungskosten auf die Miete aus?

Nein, in aller Regel können diese Kosten nicht auf die Miete umgelegt werden. Es handelt sich hier nicht um eine Modernisierung wie bei einer Wärmeisolierung oder den Einbau von Fahrstühlen, wo der Mieter durch Energieeinsparung oder mehr Komfort profitiert.

Wie groß ist die Gefahr von Betrug?

Wie in jeder Branche gibt es auch in diesem Gewerbe schwarze Schafe. Gefürchtet sind „Kanal-Haie“, die an Haustüren klingeln und besonders kostengünstige Prüfungen anbieten. In diese Falle tappen vor allem hochbetagte Hauseigentümer, denen dann eine oft gar nicht notwendige Sanierung aufgeschwatzt wird. In Essen zockten Betrüger bei einem älteren Ehepaar 30.000 Euro ab. Das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung rät: „Keinesfalls sollten Sie sich von einer Firma zu einer sofortigen Dichtheitsprüfung oder Sanierung überreden lassen. Vermeiden Sie Geschäfte an der Haustür! Planen Sie in Ruhe die erforderlichen Arbeiten, holen Sie sich unabhängigen Rat ein, und fragen Sie mehrere Firmen an, um vergleichen zu können.“