Auszeichnung in Oslo

Hamburger Professor nennt Favoriten für Friedensnobelpreis

Michael Brzoska, ehemaliger  wissenschaftlicher Direktor des Insituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik in Hamburg (Archiv)

Michael Brzoska, ehemaliger wissenschaftlicher Direktor des Insituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik in Hamburg (Archiv)

Foto: imago images / Hubert Jelinek

Ex-Chef des Instituts für Friedensforschung setzt zehn Menschen und Organisationen auf seine Liste. Nur Greta Thunberg fehlt.

Hamburg. Geht der Friedensnobelpreis 2019 an Greta Thunberg? Am morgigen Freitag könnte die schwedische Klimaschutzaktivistin und Begründerin der Fridays for Future-Bewegung mit dem Friedensnobelpreis geehrt werden. Die 16-Jährige zählt zu den Favoriten für diese besondere Auszeichnung. Laut Nobelkomitee in Oslo gingen für den Friedensnobelpreis dieses Jahr 301 Nominierungen ein, 223 für Persönlichkeiten und 78 für Organisationen. Zu den Nominierten zählen unter anderen Persönlichkeiten wie Bundeskanzlerin Angela Merkel, Papst Franziskus und die neuseeländische Ministerpräsidentin Jacinda Ardern, Vorgeschlagen wurde auch US-Präsident Donald Trump,

Der Friedensnobelpreis soll nach dem Willen des Stifters Alfred Nobel an die Person oder Organisation vergeben werden, „der am meisten oder am besten auf die Verbrüderung der Völker und die Abschaffung oder Verminderung stehender Heere sowie das Abhalten oder die Förderung von Friedenskongressen hingewirkt“ und damit im jeweils vergangenen Jahr "der Menschheit den größten Nutzen erbracht“ hat.

Favoritenliste von Professor Michael Brzoska für den Friedensnobelpreis

Weil das Nobelpreis-Komitee in Oslo den Stifterwillen in den vergangenen Jahren jedoch zunehmend breiter auslege, komme auch 2019 ein weites Feld an Personen und Institutionen infrage, sagt Professor Dr. Michael Brzoska. Der ehemalige Wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik Hamburg (IFSH) hat eine Liste seiner Favoriten für den Friedensnobelpreis 2019 erstellt und begründet seine Wahl.

Abiye Ahmed: Ginge es nach der ursprünglichen Widmung Alfred Nobels hätte der Premierminister Äthiopiens die besten Chancen", so Brzoska. Er habe wesentlich dazu beigetragen, dass sich das extrem kriegsträchtige Verhältnis zwischen Äthiopien und Eritrea deutlich entspannt hat.

Welthandelsorganisation (WTO) und Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung (UNCTAD): Gegenseitige wirtschaftliche Abhängigkeit durch Handel soll den Frieden fördern. Aktuell drohen Handelskriege, die politische Spannungen, etwa zwischen den USA und China, verstärken könnten. Die Welthandelsorganisation hat die Aufgabe Handelsstreitigkeiten friedlich zu lösen. UNCTAD steht vor allem für Bemühungen um gerechte Strukturen des Welthandels.

Internal Displacement Monitoring Centre (IDMC) und Internationale Organisation für Migration (IOM): Flucht und Migration sind ein wachsendes Problem. Während das Hohe Kommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR), das sich vor allem um Flüchtlinge kümmert, bereits zweimal den Friedensnobelpreis erhielt (1954 und 1981), sind Organisationen, die sich auf die Hilfe für Binnenflüchtlinge konzentrieren, noch nicht ausgezeichnet worden.

Svetlana Gannushkina und Memorial: Die russische Menschenrechtsorganisation und ihre Gründerin und langjährige Leiterin üben offen Kritik an der russischen Beteiligung am Krieg in der Ukraine. Sie sind bereits seit mehreren Jahren Kandidatinnen für den Friedensnobelpreis.

Arktischer Rat: Trotz steigendem wirtschaftlichem und militärischem Interesse für die arktische Region, hat der Arktische Rat erfolgreich dazu beigetragen, Streitfragen zwischen den Anrainerstaaten zu lösen.

Hassan ibn Talal: Der Onkel des jetzigen Königs von Jordanien hat zahlreiche Auszeichnungen für seine Bemühungen um interreligiösen Dialog erhalten.

Can Dündar und Cumhuriyet: Das hohe Gut der Pressefreiheit sei zunehmend in Gefahr. Die türkische Zeitung Cumhuriyet und ihr ehemaliger Chefredakteur Dündar könnten stellvertretend für viele verfolgte und gefährdete Journalistinnen und Journalisten ausgezeichnet werden.

Transparency International: Korruption verseucht in vielen Staaten Politik und Wirtschaft. Auch zur Widmung des Preises durch Alfred Nobel drängen sich Bezüge auf, so etwa durch die Folgen von Korruption für Rüstungsbeschaffungen. Transparency International ist nicht die einzige, aber älteste internationale Nichtregierungsorganisation in diesem Feld.

George Soros, Bill und Melissa Gates: Die Aufwendungen privater Sponsoren für Projekte und Programme, die im weiteren Sinne der Friedensförderung zugerechnet werden können, haben die Größenordnung der Unterstützung großer Staaten erreicht. Beispiele sind die Gesundheitsprogramme der Gates-Stiftung und die Demokratieförderung der Open Society, die von Soros unterstützt wird.

Mun Jae-in: Die intensiven und schwierigen Bemühungen des südkoreanischen Präsidenten um Frieden zwischen Nord und Süd und eine Entspannung des Verhältnisses zwischen Nordkorea und den USA waren zwar bisher nur begrenzt erfolgreich. Aber das Komitee könnte versucht sein, diese durch eine Preisverleihung zu befördern.

Michael Brzoska ist Senior Fellow am IFSH. Von Februar 2006 bis September 2016 war er Wissenschaftlicher Direktor des IFSH. Davor war er unter anderem Forschungsleiter und stellvertretender Direktor am Internationalen Konversionszentrum Bonn – Bonn International Center for Conversion (BICC), Hochschulassistent im Institut für Politische Wissenschaft der Universität Hamburg und Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Projektleiter im Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI), Schweden.

Friedensnobelpreis: Verleihung am 10. Dezember in Oslo

Der Friedensnobelpreis ist eine der renommiertesten Auszeichnungen weltweit. Benannt sind die Nobelpreise nach dem schwedischen Chemiker und Erfinder Alfred Nobel (1833-1896). Er hielt in seinem Testament fest, dass sein Nachlass die finanzielle Grundlage für fünf internationale Preise in den Sparten Physik, Chemie, Literatur, Medizin und Frieden werden solle. 1968 wurde in Erinnerung an Nobel zudem ein Wirtschaftspreis ins Leben gerufen.

Der Friedensnobelpreis wird seit 1901 jährlich am Todestag Alfred Nobels, 10. Dezember, in Oslo verliehen. Für die Vergabe des Friedensnobelpreises ist, im Gegensatz zu den anderen Kategorien des Nobelpreises, keine schwedische Institution zuständig, sondern ein vom norwegischen Parlament bestimmtes fünfköpfiges Komitee. Als einziger unter den Nobelpreisen wird die Auszeichnung nicht in Stockholm, sondern in Oslo verliehen. Besonders berühmte Träger des waren Albert Schweitzer (1952), Mutter Teresa (1979), Michail Gorbatschow (1990) Nelson Mandela (1993) und Barack Obama (2009).

Nobelpreisträger 2019

  • Physik James Peebles (Kanada/USA), Michel Mayor (Schweiz), Didier Queloz (Schweiz) für ihre Beiträge zum Verständnis des Universums und des Platzes der Erde im Kosmos.
  • Chemie John Goodenough (USA), Stanley Whittingham (USA) und Akira Yoshino (Japan) für die Entwicklung von Lithium-Ionen-Batterien.
  • Medizin William G. Kaelin Jr. (USA), Gregg L. Semenza (USA), Peter J. Ratcliffe (Großbritannien) für ihre Entdeckungen zu Zellreaktionen auf Sauerstoff.
  • Literatur Peter Handke (Österreich) und Olga Tokarczuk – 2018 (Polen)