Hamburg

Neuer Schnelltest für Ärzte: Antibiotika oder nicht?

Dr. Dirk Heinrich, niedergelassener HNO-Arzt aus Hamburg-Horn und Vorsitzender des Berufsverbandes der HNO-Ärzte.

Dr. Dirk Heinrich, niedergelassener HNO-Arzt aus Hamburg-Horn und Vorsitzender des Berufsverbandes der HNO-Ärzte.

Foto: Andreas Laible

Hamburger Kassen und Ärzte kämpfen gegen multiresistente Keime. CRP-Schnelltest gibt nach Minuten Aufschluss über Art der Infektion.

Hamburg. Der Hals schmerzt, die Nase läuft, das Thermometer zeigt Fieber an. Brauche ich jetzt Bettruhe und Wadenwickel oder ein Antibiotikum? Die Behandlung hängt bekanntlich davon ab, ob ein Virus Auslöser der Krankheit ist oder ob es sich um einen bakteriellen Infekt handelt. Die Laborauswertung des bislang von vielen Hamburger Ärzten verwendeten Tests dauert in der Regel ein bis zwei Tage. Das soll sich nun ändern.

Die Kassenärztliche Vereinigung Hamburg (KVH) und die Mehrzahl der Krankenkassen (BKK Landesverband Nordwest, AOK Rheinland/ Hamburg, IKK classic und DAK-Gesundheit) starten jetzt ein Modellprojekt: Mittels eines CRP-Schnellstest – CRP steht für C-reaktives Protein – kann der Arzt in wenigen Minuten feststellen, ob sich sein Patient mit Viren oder Bakterien infiziert hat. Im ersten Fall bedarf es einer entzündungshemmenden Therapie. Im zweiten Fall kann der Arzt ein Antibiotikum verschreiben.

Ärzte und Kassen erleichtern gezielte Antibiotika-Gabe

Hamburgs Haus-, Kinder- und HNO-Ärzte können den CRP-Schnelltest in der eigenen Praxis durchführen. Dies trägt dazu bei, die Entwicklung multiresistenter Keime zu verhindern. Vorteil des CRP-Schnelltests: Der Arzt kann Antibiotika gezielt verordnen. Der CRP-Schnelltest funktioniert wie ein Blutzuckertest und zeigt an, ob im Körper bakteriell bedingte Entzündungswerte vorhanden sind. Bei schweren bakteriellen Infektionen kommt es zu einem Anstieg des C-reaktiven Proteins (CRP), der bei viralen Infektionen in der Regel ausbleibt. Hieran kann abgelesen werden, ob der Einsatz eines Antibiotikums sinnvoll ist.

„Die Ärzte in Hamburg haben in den vergangenen Jahren mit der Initiative ‚Antibiotika gezielt einsetzen‘ große Erfolge erreicht“, erläuterte Walter Plassmann, Vorstandsvorsitzender der KVH, „die Verordnungen gerade für Kinder sind signifikant zurückgegangen.“ Der Einsatz des CRP-Tests soll die Ärzte bei dieser Arbeit weiter unterstützen und nicht zuletzt den Patienten die Unsicherheit nehmen. „Wir hören immer wieder, dass Patienten Druck ausüben, um Antibiotika verordnet zu bekommen; mit dem Test können ihnen mögliche Sorgen genommen werden.“

Es werden immer noch zu viele Antibiotika verordnet

In Deutschland würden immer noch zu viele Antibiotika aufgrund einer Erkältung, Bronchitis oder Grippe verordnet, sagt Dr. Dirk Janssen, stellvertretender Vorstand des BKK Landesverbandes Nordwest für die am Vertrag beteiligten Krankenkassen. „80 bis 90 Prozent der Atemwegsinfekte – zu denen Erkältung und Co. gehören – sind durch Viren verursacht. Antibiotika helfen hier nicht. Damit Antibiotika und besonders Reserveantibiotika bei bakteriellen Infektionen ihre Wirkung behalten, müssen sie gezielter eingesetzt werden.

„Als Ärzte sind wir verpflichtet, jeden Schaden von unseren Patienten abzuwenden soweit das möglich ist, hierzu zählt auch die unnötige Gabe von Arzneimitteln. Deshalb kommt dieser Vertrag vor allem den Hamburger Patientinnen und Patienten zugute“, sagt Dr. Dirk Heinrich, niedergelassener HNO-Arzt aus Hamburg-Horn und Vorsitzender des Berufsverbandes der HNO-Ärzte.

„Zum einen können wir mit ihm innerhalb kurzer Zeit eine fundierte therapeutische Entscheidung fällen und diese – auch im Gespräch mit unseren Patienten – besser kommunizieren. Zum anderen profitieren alle Menschen davon, wenn auch in Zukunft wirksame Antibiotika zur Verfügung stehen.“

Der CRP-Vertrag wird durch eine von der Christian-Albrecht-Universität in Kiel durchgeführten wissenschaftlichen Evaluation begleitet.

Multiresistente Keime sind ein wachsendes Problem

Die gesundheitspolitische Sprecherin der FDP-Bürgerschaftsfraktion Jennyfer Dutschke sagte zum Modellprojekt für CRP-Schnelltests: „Wir begrüßen die Initiative der Kassenärztlichen Vereinigung und der Krankenkassen ausdrücklich. Der Kampf gegen multiresistente Keime ist wichtig für eine bessere Gesundheitsversorgung in Hamburg."

Krankheitserreger, die gegen gängige Therapieformen resistent seien, seien ein wachsendes Problem in der medizinischen Versorgung. "Ihre Ausbreitung hängt nach Erkenntnissen von Experten mit der häufigen Verschreibung von Antibiotika zusammen. Wenn der nun gestartete Schnelltest dazu führt, dass sich mit weniger Antibiotika die gleichen Behandlungserfolge erzielen lassen, wäre das ein wichtiger Fortschritt.“