Psychogramm

Donnerstagsräuber Michael J.: Kindischer "Staatsfeind Nr. 1"

Große Inszenierung: Am letzten Verhandlungstag genoss Donnerstagsräuber Michael J. noch einmal das Bad in der Reporter-Menge.

Große Inszenierung: Am letzten Verhandlungstag genoss Donnerstagsräuber Michael J. noch einmal das Bad in der Reporter-Menge.

Foto: dpa

Landgericht Hamburg hält 71-jährigen Serienbankräuber "für weiterhin gefährlich". Bei Richterin klingt aber auch Selbstkritik an.

Hamburg. Die Urteilsverkündung war noch nicht beendet, da posaunte Serienbankräuber Michael J. schon lauthals heraus: "Revision lege ich schon gleich jetzt ein." Einmal wirklich ruhig und bis zum Schluss zuzuhören, das war dem 71-Jährigen auch jetzt am finalen Tag seines Prozesses nicht möglich. Ganz der Mann, als der er sich während seines gesamten Verfahrens produziert hatte: selbstgefällig, rastlos, uneinsichtig. Einer, der seine eigene Moral hat, der Banküberfälle in Ordnung findet und sich selbst für den Größten hält. Und der über seine Verbrechen sagte: "Reue dürfen Sie von mir nicht erwarten."

Donnerstagsräuber laut Richterin "weiter gefährlich"

Unter anderem wegen dieser Einstellung ist Michael J. nach Überzeugung des Gerichts "für die Allgemeinheit weiterhin gefährlich", sagte die Vorsitzende Richterin. Deshalb lautete die Entscheidung der Kammer, nicht nur zwölfeinhalb Jahre Freiheitsstrafe gegen den Mann zu verhängen, sondern auch die Sicherungsverwahrung für ihn anzuordnen.

Ein solcher Täter kann auch nach Verbüßung seiner Haftstrafe erst dann freikommen, wenn Fachleute davon ausgehen, dass er nicht mehr für die Allgemeinheit gefährlich ist. "Was wir sicher meinen, ist, dass Sie Ihre moralischen Werte nicht ändern werden und es weiterhin für legitim halten, Banküberfälle zu begehen und Menschen zu bedrohen", sagte die Kammervorsitzende.

Michael J. erbeutete 25.000 Euro von der Haspa

Das Gericht verurteilte Michael J. unter anderem schwerer räuberischer Erpressung und versuchten Mordes. Der 71-Jährige hatte im Prozess eingeräumt, in den Jahren 2011 und 2017 sowie zu Beginn dieses Jahres jeweils maskiert und mit einer Pistole bewaffnet drei Haspa-Filialen überfallen zu haben. Dabei hatte er insgesamt rund 25.000 Euro erbeutet. Unmittelbar nach dem letzten Bankraub wurde er festgenommen.

Wegen seiner Eigenart, stets am Donnerstag zuzuschlagen, wurde er als "Donnerstagsräuber" bekannt. 2017 hatte er während des Überfalls zudem auf einen Bankangestellten geschossen. Die Kugel traf das Opfer im Bauch und verfehlte unter anderem eine Aorta nur um Millimeter. Der Mann hatte sehr viel Glück, dass er überlebt hat.

Das ist der Donnerstagsräuber Michael J.:

  • Der Hamburger Donnerstagsräuber begeht seit 50 Jahren Verbrechen.
  • Er kam zu seinem Namen, weil er zumeist donnerstags kurz vor Ladenschluss seine kriminellen Taten beging.
  • Der zuletzt in Kiel wohnende Deutsche war wegen schwerer räuberischer Erpressung und versuchten Mordes angeklagt.
  • Er hatte zwischen 2011 und 2019 drei Hamburger Banken überfallen und dabei etwa 25.000 Euro erbeutet.
  • Bei einem der Raubzüge im Januar 2017 hatte er den Haspa-Mitarbeiter Lars Krause durch einen Bauchschuss lebensgefährlich verletzt.

Lebensgefährlicher Schuss als "Versehen"?

"Keiner drückt hier den Alarm, sonst erschieße ich euch!“ Mit dieser Warnung hatte Michael J. bei seinen Überfällen die Angestellten einzuschüchtern versucht, um möglichst hohe Beute zu machen. Er selber hatte es als Versehen bezeichnet, dass er einen Mann mit einem Schuss lebensgefährlich verletzte.

Doch das Gericht wertete diese Tat als versuchten Mord. "Sie rechneten damit, dass Sie ihn treffen und damit auch tödlich verletzen könnten und nahmen das auch in Kauf", sagte die Vorsitzende Richterin entschieden.

Inszenierung als "Staatsfeind Nummer 1"

Michael J. indes hatte im insgesamt 16 Verhandlungstage dauernden Prozess den Fokus am liebsten nur ganz wenig auf die von ihm begangenen Verbrechen richten wollen. Stattdessen hatte sich der Serienbankräuber immer wieder wegen seiner juristischen Kenntnisse gebrüstet, die er sich während früherer Jahre im Knast angeeignet hatte.

Er habe "mehr Verfassungsbeschwerden gewonnen" als die meisten Anwälte war einer der Sätze, die er immer zu gern wieder abfeuerte. Außerdem wollte er wiederholt eine frühere Knastrevolte, die er angeführt hatte, thematisieren und hatte sich als Opfer von Verschwörungstheorien sowie als "Staatsfeind Nummer 1" betitelt. Dabei verkenne Michael J., so die Vorsitzende Richterin, "dass Sie nicht hier sitzen“, weil er ein Staatsfeind sei, "sondern weil Sie Banküberfälle begangen und einen Bankangestellten in den Bauch geschossen und damit einen versuchten Mord begangen haben".

Donnerstagsräuber lässt Reue vermissen

Dieses Bewusstsein dem Angeklagten zu vermitteln, sei nicht gelungen. Denn Michael J. habe stets betont, er habe seine eigene Moral und dürfe Banken überfallen. "Von Reue haben wir hier nichts gehört“, so die Richterin. Gesetze müssten nach der schiefen Sichtweise des Angeklagten wohl nur eingehalten werden, wenn es seine früheren Haftbedingungen betraf.

Aber außerhalb des Gefängnisses hätten Michael J. "die geltenden Gesetze nicht geschert". Er habe sich im Prozess "teilweise wie ein Kind geriert" und nicht zugehört. Er habe seine Selbstdarstellung zelebriert, in der Vergangenheit gelebt und auch "einen Realitätsverlust erlitten". Dies sei unter anderem im letzten Wort des Angeklagten offensichtlich geworden.

Der Streit um das letzte Wort vor Gericht

Zuletzt hatte ihm das Gericht, nach seinen bis dahin fünf Tage dauernden Ausführungen, das Wort entzogen. Die Kammer habe sich "lange schwer getan“, das letzte Wort des Angeklagten zu begrenzen, sagte die Vorsitzende dazu. Jedoch seien wohl nur fünf Prozent dessen, was Michael J. gesagt habe, in diesem Rahmen zulässig gewesen. "Wir hätten das letzte Wort früher begrenzen sollen.

Auch sei im Prozess immer wieder deutlich geworden, was der psychiatrische Sachverständige als "kombinierte narzisstische und dissoziale Persönlichkeitsstörung“ zusammengefasst hatte. Diese Störung, so der Gutachter damals, sei unter anderem von der Überschätzung der eigenen Person und der völligen Abwesenheit echter Empathie gekennzeichnet. Die Opfer seiner Verbrechen, die Frauen und Männer, die teilweise noch Jahre nach den Banküberfällen sichtlich schwer beeinträchtigt waren: Michael J. schien das alles kaum etwas anzugehen.

Ihm war nur seine eigene Befindlichkeit wichtig, sein Wohlergehen – und seine Selbstdarstellung.

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Michael J. selbst geht von lebenslänglich aus

Dass er sich selber für einen tollen Hecht hält, hatte Michael J. zuletzt unmittelbar vor der Urteilsverkündung gezeigt, als er dastand, vor etlichen Kameras und mit Sonnenbrille im Gesicht und stolz geschwellter Brust uralte Zeitungsartikel präsentierte. "Und im Übrigen halte ich auch den Rekord im letzten Wort“, meinte er, als sei das eine erstrebenswerte Leistung.

Dass andere angeblich noch länger geredet hätten, müsse falsch sein. Es wird wohl das letzte "letzte Wort“ von Michael J. gewesen sein. Er hat selber gesagt, dass er "nicht mehr in Freiheit gelange".