Hamburg

Wie kann Journalismus überleben – und die Wahrheit retten?

Alan Rusbridger, ehemaliger Herausgeber des Guardian und Pulitzer-Preisträger, spricht auf der Medienkonferenz scoopcamp im Kehrwieder Theater.

Alan Rusbridger, ehemaliger Herausgeber des Guardian und Pulitzer-Preisträger, spricht auf der Medienkonferenz scoopcamp im Kehrwieder Theater.

Foto: dpa

Beim Scoopcamp suchen Medienmacher Wege aus der Krise. „Keine Gerechtigkeit ohne Fakten“, sagt Ex-„Guardian“-Chef Rusbridger.

Hamburg. Die Frage lässt einen erst einmal ratlos zurück: Wer soll Fakten und Wahrheit in diesen Zeiten eigentlich noch Geltung verschaffen – wenn eine Zeitung wie die „Times“ eine Million Leser erreicht, Donald Trump mit seinen Tweets aber 65 Millionen und Facebook mehr als zwei Milliarden Menschen? Die Einführung von Facebook und Twitter und des Smartphones vor mehr als zehn Jahren haben die Welt revolutionär verändert – nicht nur zum Guten. Es ist fast so, als sei die Wahrheit abgeschafft worden oder als habe jeder seine eigene und glaube anderen angeblichen Fakten.

Alan Rusbridger, Ex-Chef des britischen „Guardian“, hat am Mittwoch als prominentester Redner des „Scoopcamps“ ein düsteres Bild der Lage der Welt und der Medien gezeichnet. Bis heute sei noch nicht abzusehen, wir dramatisch die Einführung des Smartphones die Gesellschaft verändere, sagte er bei der Medien-Innovationskonferenz im Theater Kehrwieder. „Es gibt aber keine Gerechtigkeit ohne Fakten“, so der Journalist, der einst in seiner Zeitung die Enthüllungen von Edward Snowden zu den Überwachungsmethoden des US-Geheimdienstes NSA öffentlich machte.

Zeiten des Informations-Chaos

Gerade in Zeiten des Informations-Chaos und der Informations-Ungleichheit sei Journalismus wichtig. Gerade jetzt aber ist sein Geschäftsmodell weggebrochen. Um zu überleben, müsse Journalismus sich hinterfragen und die Menschen überzeugen, dass sie Journalismus brauchen und Medien vertrauen können. Er selbst empfehle, auf investigativen Journalismus zu setzen, so Rusbridger. Das Motto müsse auch heute lauten: „Comment is free, facts are sacred“, also: Die Kommentierung ist frei, aber die Fakten sind heilig.

Bei der Suche nach dem Geschäftsmodell hält Rusbridger wenig von digitalen Abomodellen („Paywalls“). Nachrichten seien ein öffentliches Gut und müssten frei sein, sagte er. Stattdessen setzten der „Guardian“ und andere auf „Mitgliedschaften“, durch die Leser Zugang zur Redaktion, zu Veranstaltungen mit Politikern oder anderen Prominenten bekommen – und sich als Teil ihrer Zeitung fühlen. Sollte sich aber kein Geschäftsmodell finden lassen, müsse nach Rusbridger ein „Plan B“ greifen. Dann müsse man die Menschen überzeugen, dass Journalismus ein Dienst an der Öffentlichkeit sei, vergleichbar dem von Polizisten. Und das bedeutet dann wohl, dass dieser Dienst eben auch öffentlich finanziert werden muss.

Journalismus der Zukunft

Beim Scoopcamp gab es aber nicht nur düstere Nachrichten aus der Medienwelt – sondern auch viele neue Ideen für den Journalismus der Zukunft. Es wurden neue Methoden des visuellen Erzählens vorgestellt, Start-ups präsentierten ihre Projekte, und in Workshops ging es darum, wie Medien ihre Nutzer besser verstehen können und mit welchen Inhalten man diese am ehesten zu zahlenden Kunden machen kann.

Zu Beginn der Konferenz war bereits der diesjährige „Scoop Award“ für die besten Innovationen verliehen worden, und zwar an Shazna Nessa, die beim „Wall Street Journal“ das Erzählen mit „interaktiven und visuellen Formaten“ vorangetrieben hat. „In unserer sich wandelnden Medienwelt braucht es Journalisten, die Menschen hinter sich versammeln und den Journalismus in die Zukunft führen“, sagte Laudatorin Anita Zielina von der City University of New York. „Shazna Nessa gehört zu dieser sehr seltenen Art von Journalisten. Sie steht für Innovation und Inspiration und hat mit ihrem Fokus auf einen visuellen Journalismus die gesamte Medienbranche nachhaltig verändert.“