Hamburg

Umweltsenator Kerstan legt Konzept für Wärmewende vor

Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne)

Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne)

Foto: dpa

Jens Kerstan hat Details zum Energiepark Hafen vorgestellt – als Ersatz für das Kohlekraftwerk Wedel. Kosten: 750 Millionen Euro.

Hamburg. Rund zwei Wochen, nachdem das Fernwärmenetz vollständig an die Stadt übergegangen ist, hat Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne) am Freitag sein Konzept für den Umbau der Wärmeversorgung für rund 489.000 Wohneinheiten in Hamburg vorgestellt. Das marode Kohlekraftwerk Wedel, das bisher den Großteil der Fernwärme liefert, soll demnach bis 2025 abgeschaltet werden.

Bis spätestens 2030 soll auch das Kraftwerk Tiefstack ohne Kohle laufen. Damit sinkt der Anteil der Kohlewärme binnen zehn Jahren von 64 auf null Prozent. Zugleich soll der Ausstoß des klimaschädlichen Kohlendioxids (CO2) von jährlich einer Million Tonnen bis 2025 auf 640.000 und 2030 dann nur noch 400.000 Tonnen gesenkt werden. Damit soll die Umstellung der Fernwärme den größten Beitrag zur Erreichung der Hamburger Klimaziele leisten.

Leitung unter der Elbe bis nach Bahrenfeld nötig

Das Kraftwerk Wedel wird in dem Konzept durch einen „Energiepark Hafen“ ersetzt, bei dem die Wärme im Wesentlichen südlich der Elbe erzeugt wird. Den größten Anteil soll dabei mit 530 Gigawattstunden (GWh) pro Jahr ein neu zu errichtendes Gaskraftwerk (KWK-Anlage) auf der Dradenau leisten. Rund 100 bis 120 GWh sollen aus industrieller Abwärme kommen, 100 bis 160 GWh aus einer Abwasser-Wärmepumpe.

Auch die Energiegewinnung aus Müllverwertung spielt eine wichtige Rolle: 130 bis 230 GWh an Wärme sollen jährlich durch Müllverbrennung in der Anlage Rugenberger Damm kommen und 350 GWh aus dem Zentrum für Ressourcen und Energie (ZRE) der Stadtreinigung in Stellingen. Das Heizwerk Haferweg liefert weitere zehn GWh, und aus überschüssigem Windstrom sollen mittels der so genannten "Power-to-head"-Technik weitere bis zu 10 GWh ins Netz fließen. Die neue Technologie eines unterirdischen Acquifer-Speichers soll außerdem zwischengespeicherte Wärme liefern, der Umfang steht bisher noch nicht fest. Um die Wärme von den Produktionsstätten im Süden in den Nordwesten Hamburgs zu transportieren, wo sie vor allem gebraucht wird, ist eine Leitung unter der Elbe bis nach Bahrenfeld nötig. Gegen den Bau gibt es bereits Widerstand.

Kosten belaufen sich auf 750 Millionen Euro

Die Kosten für den Fernwärme-Umbau und die Errichtung des „Energieparks Hafen“ werden nach derzeitiger Planung rund 750 Millionen Euro betragen. Am teuersten ist der Bau des Gaskraftwerks. Hinzu kommen rund 60 Millionen Euro für eine weitere Ertüchtigung des Kohlekraftwerks Wedel, damit dieses überhaupt noch die gesetzlichen Vorgaben erfüllt uns bis 2025 laufen darf.

Die Umweltbehörde hat in dieser Woche bereits den Genehmigungsantrag für die Elbleitung gestellt. Bis 2020 soll die Ausschreibung für die Beschaffung der Bauleistungen für das neue Gaskraftwerk (KWK = Kraft-Wärme-Kopplung) auf der Dradenau geplant werden. Spätestens 2021 sollen der Generalplaner feststehen, die Genehmigungen beantragt und die Beschaffung der Anlagentechnik ausgeschrieben werden. Mit dem Bau soll 2021 begonnen werden. Für 2023 ist der Probebetrieb des Energieparks geplant. Sobald das neue System 2024/25 in den Echtbetrieb geht, wird das Kraftwerk Wedel abgeschaltet. Die Öffentlichkeit soll durch Schreiben an Anwohner und Veranstaltungen informiert werden. Umweltsenator Kerstan ist in der kommenden Woche bei der Bürgerinitiative gegen den Leitungsbau in Othmarschen zu Gast.

55 Prozent der Wärme entstehen künftig klimaneutral

Dass das Kohlekraftwerk Wedel nun zum Teil durch ein großes Gaskraftwerk ersetzt wird, hat Kerstan bereits Kritik eingebracht – denn auch Gas ist ein fossiler Energieträger und schädigt damit das Klima, wenn auch deutlich weniger als die Kohleverbrennung. Hintergrund ist das Bemühen (vor allem der SPD) um Preisstabilität für die Wärmekunden. Der rot-grüne Senat hat ihnen zugesichert, dass ihre Preise nicht stärker steigen als die für andere Energieformen. Das ist zunächst offenbar nur mit der vergleichsweise günstigen Gasverfeuerung möglich. Kerstan betont aber, dass künftig immerhin 55 Prozent der Wärme klimaneutral entstünden. Langfristig solle dieser Anteil steigen, das neue moderne Kraftwerk werde auch für andere Betriebsarten ausgelegt.

„Die Hamburger Wärmewende ist eines der größten und ehrgeizigsten Energiewendeprojekte in Deutschland“, sagte der Umweltsenator am Freitag. „Nachdem der Rückkauf endlich in trockenen Tüchern ist, geht es jetzt in die Umsetzung der Wärmewende. Wir haben gut vorgearbeitet und liegen voll im Zeitplan. Der Ersatz des Kohlekraftwerks Wedel ist mit 360.000 Tonnen CO2-Einsparung jährlich der größte Einzelbeitrag zur Erreichung unserer Klimaziele. Wir schaffen bis spätestens 2030 den Kohleausstieg in der Wärme."

Scharfe Kritik von der FDP

Der Energiepark Hafen sein „ein flexibles und dezentrales Konzept, das vorhandene Wärmequellen intelligent nutzt und perspektivisch komplett klimafreundlich betrieben werden kann“, so Kerstan. „Unser Ziel bleibt es, das Kohlekraftwerk Wedel nach der Heizperiode 24/25 endgültig abzuschalten. Die Südleitung verläuft komplett im öffentlichen Straßenraum, es wird keine private Fläche benötigt. Auf der gesamten Länge müssen lediglich 30 bis 40 Bäume gefällt werden, diese werden alle ersetzt.“ Durch eine wandernde Baustelle werde es „nur kurzzeitig zu Einschränkungen für die Anwohner kommen."

FDP-Fraktionschef Michael Kruse übte scharfe Kritik am rot-grünen Wärmekonzept. „Nun plant Kerstan ein 400 MW-Gaskraftwerk neben dem laufenden Kohlekraftwerk, und mit der Vergrößerung steigen auch die Emissionen“. so Kruse. „Die verzögerte Umrüstung Tiefstacks und der zusätzliche Ankauf von Müll zur Gewinnung von Wärmeenergie machen das Senatskonzept zu einem teuren Ökodesaster. Hamburg bekommt von Rot-Grün eine Wärmeblende statt einer Wärmewende."

CDU-Umweltpolitiker Stephan Gamm sprach von "altem Wein in neuen, teuren Schläuchen" und warf Kerstan vor, er mache die Wärme und damit das Wohnen teurer. "Die Ökobilanz ist zudem mehr als fragwürdig", so Gamm. "Erst werden 1,8 Milliarden Euro für den Rückkauf von Strom-, Gas und Fernwärmenetz ausgegeben, ohne dass davon ein einziger Euro klimawirksam wird. Jetzt will Senator Kerstan mit einem neuen, riesigen Gaskraftwerk die Verbrennung fossiler Energieträger auf Jahrzehnte zementieren."