„Die schaffen es, dem Papst ein Doppelbett anzudrehen“

Hamburg. „Stern“-Autor Arno Luik wird im Berliner Bahntower gefürchtet – seine Enthüllungen zum Milliardenprojekt „Stuttgart 21“ erschütterten das Ländle, der damalige Bahn-Vorstandschef Harmut Mehdorn sagte 2007 zu ihm: „Ich würde Sie ja gerne hauen. Aber Schläge bringen nichts, Sie bleiben ja doch bei Ihrer Meinung.“

Wie recht er damit haben würde, zeigt Luiks neues Buch „Schaden in der Oberleitung – Das geplante Desaster der Deutschen Bahn“ – es ist eine bitterböse Abrechnung mit der Privatisierung, die für Kunden wie den Steuerzahler immer mehr in einem Desaster endet. Dabei dringt Luik tief in die Problembereiche ein: Eine falsche Führungskultur, eine unzureichende Kontrolle, eine geradezu kafkaeske Expansion zum Global Player, vor allem aber die Fixierung auf einen Börsengang, den es dann nie gab.

„Ich habe das Buch angelegt wie eine Netflix-Serie“, sagt Luik. Ihn habe nicht Wut getrieben, eher schreibe er aus Notwehr. Der 64-Jährige fährt weiter Bahn – trotz alledem. In seinem Vorwort erinnert er daran, wie sein Vater, Bahnhofsvorsteher von Königsbronn, Geranien gepflanzt und die Mutter die Vorhänge genäht hat. „Sie hängen immer noch dort, nach über 50 Jahren – jetzt wehen sie über Trümmern im total ramponierten Bahnhof, der kein Bahnhof mehr ist.“ Es ist ein Problem des Menschen, dass er den langsamen Verfall kaum wahrnehmen kann. Luik macht ihn sichtbar.

Mitunter schießt er über das Ziel hinaus, wenn er von „Taliban der Moderne“ schreibt, von „S21-Junkies“ oder Sätze aus der Mottenkiste kramt: „Wer eine ökologische Verkehrspolitik will, darf zum Kapitalismus nicht schweigen.“ Ist die Schweiz, das Modellland der Bahner, nicht kapitalistisch? Andererseits sind es Sprache und Dramaturgie, die das Buch zu einem Krimi machen – man nimmt es zur Hand und legt es nicht mehr weg.

Luik konstatiert bitter: „Wirklich gut ist die Bahn nur noch in der Werbung. Sie würde es problemlos schaffen, dem Papst ein Doppelbett anzudrehen.“