Stadtgeschichte

Was der Gift-Skandal von Eidelstedt für Hamburg bedeutete

Ein Feuerwehrmann  auf dem Stoltzenberg-Gelände.

Ein Feuerwehrmann auf dem Stoltzenberg-Gelände.

Foto: picture-alliance

Vor 40 Jahren tötete eine Explosion bei der Firma Stoltzenberg einen Jungen. Unfassbare Zustände kamen ans Licht.

Hamburg. Über etliche Skandale und Skandälchen aus Hamburgs Geschichte ist längst Gras gewachsen. Vieles von dem, was einst die Gemüter bewegte und oft wochenlang die Medien beherrschte, wirkt im Rückblick aufgebauscht oder läppisch, und die Aufregung von damals lässt sich oft nur noch schwer nachvollziehen. Für den Stoltzen­berg-Skandal, der im September 1979 ins Rollen kam, gilt das nicht. Im Gegenteil. Wer sich heute damit beschäftigt, muss sich immer noch zwangsläufig fragen, wie es damals so weit kommen konnte. Die Umstände, die dazu beitrugen, dass ein Kind sterben musste und zwei weitere schwer verletzt wurden, erscheinen immer noch mindestens so haarsträubend wie damals.

Am 6. September 1979 war der Lüdersring in Lurup von einer schweren Explosion erschüttert worden. Der elfjährige Oliver L. wurde getötet, sein Bruder Thomas und dessen Kumpel Stephan (beide 13) schwer verletzt. Die Explosion war so gewaltig, dass sie sogar Türen aus den Angeln riss. Schnell stellte sich heraus, dass die drei Kinder mit Munition hantiert hatten, und ebenso schnell stand der Herkunftsort fest: das Gelände der Eidelstedter Chemie-Firma Stoltzenberg an der Ecke Farnhornstieg/Hellgrundweg unweit der A 7. „Die Menge und die Gefährlichkeit der Gift- und Kampfstoffe, die auf dem Gelände jahrzehntelang weitgehend ungesichert herumgelegen hatten, überstiegen das Maß des Begreifbaren“, schrieb das Hamburger Abendblatt.

Zyankali, Arsen, Tabun und Strychnin

Ein Auszug aus der Schreckensliste: Hochgiftiges Zyankali, Arsen, Tabun und Strychnin lagerten auf dem Gelände neben Mörsergranaten und leicht entzündlichem Phosphor. Den vor Ort zusammengetrommelten Spezialisten bot sich ein schauderhaftes Bild: Defekte Behälter, aus denen Substanzen tropften, undefinierbare Schrottberge und halb in der Erde vergrabene Kisten und Tonnen fanden sich überall auf dem unübersichtlichen, nur durch einen wackeligen Zaun gesicherten Gelände. Giftiger Zinkschlamm war in Kisten abgefüllt und in Schuppen und Verschlägen gestapelt worden.

Nebeltöpfe und Nebelgranaten wurden gefunden – und zwar in so hoher Zahl, dass die Zählung und Erfassung irgendwann eingestellt werden musste und die Menge nur noch in Tonnen berechnet werden konnte. Da Hamburg damals bei der Beseitigung solcher Altlasten noch längst nicht so gut aufgestellt war wie heute, rückten Spezialisten der Bundeswehr an, um die Lage vor Ort halbwegs in den Griff zu bekommen. Tagelang wurden die hochgefährlichen Funde auf Lastwagen geladen und ins niedersächsische Munster-Lager gebracht, wo man sie unschädlich machte.

Gifte hätten für ganzen Stadtteil gereicht

Kaum zu glauben: Als die lebensgefährdenden Substanzen, die jahrelang in unmittelbarer Nähe von Wohnhäusern und Firmen gelagert worden waren, mit zahlreichen Lkw nach Niedersachsen transportiert wurden, musste der Elbtunnel aus Sicherheitsgründen für den restlichen Verkehr gesperrt werden. Die sichergestellten Gifte hätten ausgereicht, um einen ganzen Stadtteil zu entvölkern, und es grenzt an ein Wunder, dass Hamburg von einem solchen Unglück verschont blieb.

Die Ermittlungen ergaben schließlich, dass nach dem Tod des Firmeninhabers Hugo Stoltzenberg 1974 dessen Prokurist Martin L. den Laden halbherzig weitergeführt hatte, ohne sich um die Sicherheitsvorschriften zu kümmern. Irgendwann muss der relativ betagte L. die Übersicht verloren und den Dingen ihren gefährlichen Lauf gelassen haben. Ein späteres Ermittlungsverfahren gegen L. wurde wegen dessen schlechten Gesundheitszustands eingestellt.

Es gab Hinweise auf die Zustände vor Ort

Der eigentliche Skandal, der auch dafür sorgte, dass der Fall Stoltzenberg bundesweit Schlagzeilen machte: Immer wieder hatte es Hinweise auf die Zustände vor Ort gegeben, denen aber letztlich nicht konsequent genug nachgegangen worden war. Ein noch im selben Jahr eingerichteter Parlamentarischer Untersuchungsausschuss (PUA) förderte Unglaubliches zutage. Demnach hatten zwischen 1945 und 1979 bei 230 Besichtigungen rund 600 Behördenbedienstete die intern als „Klitsche“ bezeichnete Firma inspiziert – ohne Konsequenzen.

Die Emotionen kochten hoch. Zeitweise schien sogar der Stuhl von Bürgermeister Hans-Ulrich Klose (SPD) zu wackeln, doch dann musste ein anderer gehen: Justizsenator Frank Dahrendorf (SPD) nahm seinen Hut, weil er rund acht Jahre zuvor – damals noch als Staatsrat – die Gefährdungslage im Fall Stoltzenberg falsch eingeschätzt hatte. Ansonsten blieb es bei Empörungserklärungen. Entgegen den Empfehlungen des Untersuchungsausschusses verzichtete man auch auf die Einleitung von disziplinarischen Maßnahmen gegen die zahlreichen Behördenmitarbeiter, die total versagt hatten. Und das, obwohl einigen von ihnen unter anderem „mangelnde Kenntnisse von Gesetzen und Vernachlässigung von Aufgaben“ vorgeworfen wurden.

Kessel mit Gelbkreuzgas explodiert

Im Zusammenhang mit den Ereignissen des Jahres 1979 kam auch eine historische Parallele zur Sprache, die man nur als höchst makaber bezeichnen kann. Denn schon einmal hatte die Firma Stoltzenberg durch ein schweres Unglück von sich reden gemacht: 1928 war bei Stoltzenberg, damals noch am Standort Wilhelmsburg, ein Kessel mit hochgiftigem Gelbkreuzgas explodiert. Neun Menschen starben, 150 mussten in Krankenhäusern behandelt werden.

Nach der Räumung des rund 7500 Quadratmeter großen Geländes begann 1980 die Sanierung, bei der unter anderem der Boden metertief abgetragen und als Sondermüll entsorgt wurde. Die direkten Anwohner mussten tagsüber ihre Häuser und Wohnungen verlassen, erst abends konnten sie zurückehren. Viele jammerten damals über die Unannehmlichkeiten – heute kann man ihre Klagen im Internet als Filmchen angucken.

Problembewusstsein hat sich verändert

Dabei muss verblüffen, dass so ziemlich jeder in der Gegend von den lebensgefährlichen Zuständen wusste, ohne sich mit übermäßigem Engagement für eine Änderung einzusetzen. Man hatte registriert, dass Kinder mit Munition spielten, und sich irgendwann offenbar daran gewöhnt. Behörden dauerhaft einschalten, sich nicht abwimmeln lassen und nötigenfalls auch Krach schlagen – das war damals noch viel weniger selbstverständlich als heute.

Der Rückblick auf den Stoltzenberg-Skandal zeigt damit auch, wie stark sich das Problembewusstsein der Menschen in Hamburg innerhalb der vergangenen 40 Jahre verändert hat. Man kann davon ausgehen: Die Zeitbombe Stoltzenberg würde heutzutage wohl nicht mehr so lange ticken.