Hamburg

Linkspartei will den Kaiser aus dem Rathaus verbannen

Vertreter der Linken erklären im Kaisersaal vor Journalisten, warum der Raum im Hamburger Rathaus künftig anders heißen sollte.

Vertreter der Linken erklären im Kaisersaal vor Journalisten, warum der Raum im Hamburger Rathaus künftig anders heißen sollte.

Foto: Roland Magunia

Linke wollen den Kaisersaal in „Republikanischer Saal“ umbenennen und fordern Erinnerungen an Umbruch vor 100 Jahren.

Hamburg. Dieser Vorstoß dürfte eine intensive Debatte anstoßen: Die Fraktion der Linkspartei in der Bürgerschaft beantragt, den Kaisersaal im Hamburger Rathaus in „Republikanischer Saal“ umzubenennen. Darüber hinaus fordert sie, die demokratischen Umbrüche der Jahre 1918 und 1919 endlich im Rathaus zu würdigen – etwa durch eine Gedenktafel für Helene Lange, die als Alterspräsidentin im März 1919 die erste demokratisch gewählte Bürgerschaft eröffnet hatte. An Heinrich Laufenberg, den Vorsitzenden des Arbeiter- und Soldatenrats, der der Stadt in seiner kurzen Wirkungsphase unter anderem das Frauenwahlrecht und den Acht-Stunden-Tag beschert hatte, soll ein Portrait in der Rathausdiele erinnern.

„Das Hamburger Rathaus ist groß vor allem in dem, was es nicht zeigt“

Die Linkspartei stört sich nicht nur an der Verehrung von umstrittenen Persönlichkeiten wie Kaiser Wilhelm II. im Rathaus, sondern vor allem daran, dass an die vor 100 Jahren erkämpften Errungenschaften an keiner Stelle erinnert wird. „Das Hamburger Rathaus ist groß vor allem in dem, was es nicht zeigt“, sagte der kulturpolitische Sprecher der Links-Fraktion, Norbert Hackbusch. „Nach den Feiern zu den revolutionären Ereignissen 1918, die auch die ersten wirklich demokratischen Wahlen und das Frauenwahlrecht gebracht haben, sehen wir uns hier um und entdecken keinen einzigen Hinweis darauf.“

So seien weder die Frauen- noch die Arbeiterbewegung sichtbar, die diesen Fortschritt erst erzwangen: „Dieses Haus ist Ende des 19. Jahrhunderts bewusst inszeniert worden, es ist gemachte Geschichte – bis heute. Wir wollen die Gegenwart und die Realität ins Rathaus holen“, sagte Hackbusch und verhüllte symbolisch die Büste von Kaiser Wilhelm I. im Kaisersaal mit einem roten Tuch.

Der Name des Saals erinnert an einen Besuch Kaiser Wilhelms II. in Hamburg

Der Raum ist der zweitgrößte und einer der prunkvollsten Säle im Rathaus. Seinen Namen erhielt er bereits 1895, zwei Jahre vor der Fertigstellung des Gebäudes, als Kaiser-Wilhelm II. in diesem Saal die Eröffnung des Nord-Ostsee-Kanals feierte. Büsten erinnern an seinen Großvater Kaiser Wilhelm I. und an den Reichskanzler Otto von Bismarck, die Wandgemälde zeigen frühere Bürgermeister. Ansonsten symbolisiert die gesamte Gestaltung des etwa 200 Personen fassenden Saals Hamburgs Rolle als Hafen- und Handelsstadt – insbesondere die aufwendige gestaltete Decke mit ihren 23 Stuckreliefs, die jeweils für eine andere Stadt als Handelspartner stehen.

Die Partei Die Linke möchte, dass demokratische Traditionen im Rathaus besser sichtbar gemacht werden. Unter anderem soll daher auch der Kaisersaal in Republikanischer Saal umbenannt werden. Halten Sie das für eine gute Idee?

„Die Stadt hat sich in den letzten 200 Jahren durch Industrialisierung und Handel von Grund auf verändert“, erinnerte der Sozialhistoriker Jürgen Bönig. „Bürgerschaft und Senat waren im 19. Jahrhundert den Folgen dieses Wandels nicht gewachsen – erst die Bevölkerung, die Arbeitenden erzwangen durch Demonstrationen, Streiks und Aufstände angemessene Reaktionen. Deren demokratische und republikanische Bestrebungen, die für das ganze Land wichtig waren, sollten endlich im Rathaus sichtbar werden.“ Bönig erinnerte daran, dass das riesige Hafengemälde von Hugo Vogel im Großen Festsaal ursprünglich auch Hafenarbeiter zeige sollte – die dann aber doch weggelassen wurden.

Für den blutigen Militäreinsatz gegen die Bevölkerung gibt es eine Gedenktafel

Der Historiker Michael Joho verwies darauf, dass es überhaupt nur einen Hinweis auf die Revolutionszeit im Rathaus gebe – das sei aber ausgerechnet eine Ehrung des blutigen Militäreinsatzes gegen die Bevölkerung nach den so genannten Sülze-Unruhen: „Rund 10.000 Mann Reichswehr und Freikorps marschierten am 1. Juli 1919 in Hamburg ein, hissten kaiserliche Flaggen und sorgten in den Arbeitervierteln für ein Blutbad“, so Joho. Noch 1969 habe der Senat die Gedenktafel für die reaktionären Militärs mit Blumen schmücken lassen – ihre Hamburger Opfer würden dagegen bis heute nicht erwähnt.

Der zeitgemäße Umgang mit historischen Persönlichkeiten sorgt immer wieder für Diskussionen. So hatte im Jahr 2011 der Hamburger Politologe Hans J. Kleinsteuber angeregt, das Reiterstandbild von Kaiser Wilhelm I. aus den Wallanlagen zurück auf den Rathausmarkt zu holen. Es folgte eine wochenlange Debatte über die historische Einordnung des Kaisers – an deren Ende der Monarch blieb, wo er war. Und heute noch steht.