„Seid nett zueinander“

Rücksicht im Verkehr – in Hamburg nur ein frommer Wunsch

| Lesedauer: 6 Minuten
Juliane Lauterbach
Auto- und Fahrradfahrer empfinden einander oftmals als rücksichtslos.

Auto- und Fahrradfahrer empfinden einander oftmals als rücksichtslos.

Foto: Big_Ryan / Getty Images

Nur in Berlin wird noch rücksichtsloser gefahren: Das Klima auf den Straßen hat sich verschlechtert. Was sind die Gründe?

Hamburg. Eppendorfer Weg, ein Sommernachmittag 2019: Eigentlich ist es eine banale Situation. Es geht um einen Parkplatz und darum, dass der eine Mann glaubt, der andere habe ihm diesen gerade vor der Nase weggeschnappt. Deswegen steigt er aus seinem Auto aus und schlägt dem vermeintlichen Übeltäter ins Gesicht.

Ein Faustschlag wegen eines Parkplatzes? War das ein Einzelfall? Einfach Pech? War der Mann mit dem falschen Fuß aufgestanden? Hatte er schlecht geschlafen? Hatte er es eilig?

Alsterdorfer Straße: Eine Frau ist mit ihren beiden Kindern mit dem Fahrrad unterwegs. Eines der Kinder klingelt, weil es einen Mann überholen will. Doch dieser hört das Klingeln nicht, geht einen Schritt zur Seite und kollidiert mit dem Kind, das vom Fahrrad fällt. Das Kind verletzt sich an der Nase, die zu bluten beginnt. Die Mutter tröstet und überlegt fieberhaft, wo sie jetzt Taschentücher herbekommen könnte, als plötzlich ein fremder Mann dasteht, der ihnen eine Rolle Küchenpapier und ein Glas Wasser überreicht. Wo er das so schnell herhabe? Ganz einfach: Der Mann hatte den Unfall gesehen und war sofort in den nächsten Laden geeilt, um das Papier und das Wasser zu besorgen.

Ein Einzelfall? Hatte der Mann einfach gute Laune an diesem Tag? Hätte sich auch ein paar Straßenecken weiter jemand gefunden, der der Frau geholfen hätte?

Freude am Fahren nimmt ab

Wer in Hamburg unterwegs ist – egal ob als Rad- oder Autofahrer, ob als Fußgänger oder U-Bahn-Fahrer –, der kann in der Regel viel berichten. Er erlebt, wie sich erwachsene Menschen anbrüllen, weil einer zu schnell oder zu langsam oder auf der falschen Seite gefahren ist. Aber er erlebt auch, dass oft schnell helfende Hände gefunden sind, wenn es darum geht, den Kinderwagen in die U-Bahn zu hieven.

Ist die Stimmung im Straßenverkehr in Hamburg also tatsächlich schlechter geworden, wie es so oft heißt? Wer Dirk Lau, Sprecher des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs Hamburg (ADFC) fragt, der bekommt als Antwort: „Ja, das Klima hat sich verschlechtert.“ Und das kann er sogar mit Daten belegen. Denn der Fahrrad-Club befragt regelmäßig seine Mitglieder, wie sicher sie sich als Radfahrer auf den Straßen fühlen. Ergebnis: Die Freude am Radfahren und das Sicherheitsgefühl haben sich zuletzt erneut verschlechtert. Die Gründe dafür seien oftmals die ungenügende In­frastruktur für Fahrradfahrer. Ob das allein zu mehr Wut führe? „Nein“, sagt Dirk Lau. „Aber wenn man sich ohnehin schon nicht sicher fühlt im Straßenverkehr, dann ist das keine gute Basis für ein entspanntes Miteinander. Dazu braucht es viel mehr Platz fürs Rad in Hamburg.“

Und auch die Antwort des ADAC Hansa fällt nicht positiver aus: „Die Zahl der Mitglieder, die bei uns einen rauen Umgangston beklagen, nimmt seit Jahren zu“, so Sprecher Hans Pieper. „Besonders Auto- und Radfahrer zeigten sich hier sehr unzufrieden mit den Verhältnissen und vor allem mit dem Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer. 41 Prozent der Befragten waren im Auto mit dem Verhalten von Radfahrern sehr unzufrieden. Das Verhalten anderer Autofahrer störte 27 Prozent stark.“

Nur in Berlin sind die Zahlen schlechter

Andersherum zeigten sich 27 Prozent der Fahrradfahrer auch mit dem Verhalten der Autofahrer sehr unzufrieden. „Nur in Berlin wird das Miteinander negativer beurteilt“, so Pieper weiter. „Dies zeigt, wie wichtig ein umsichtiges und verständnisvolles Miteinander ist. Dazu kann jeder Verkehrsteilnehmer selbst beitragen.“

Ein verständnisvolles Miteinander, Rücksicht und ein wenig mehr Gelassenheit. Auch die Hamburger Politik hat Begriffe wie diese zuletzt in den Fokus gerückt. Mit der stadtweiten Kampagne „Hamburg gibt Acht“, initiiert vom Landesverband Verkehr (LBV), hat Hamburg Anfang des Jahres Bürgerinnen und Bürger dazu aufgerufen, Vorschläge einzureichen, wie aus einem Gegeneinander ein Miteinander werden kann. Heraus gekommen sind acht Regeln, die im Grunde an Klassenregeln erinnern, die Schüler gemeinsam formulieren, damit der Unterricht störungsfrei ablaufen kann und es keine Tränen gibt.

So haben die Hamburger etwa formuliert, dass die Augen auf die Straße und nicht aufs Handy gerichtet sein sollten, dass man Rücksicht nehmen und im Zweifel lieber einmal auf das eigene Recht verzichten sollte. Sie fordern auf mitzudenken, mit dem Tempo herunterzugehen, und erinnern daran, dass eine rote Ampel keine Anzeige ist, die man so oder so deuten kann.

In der Theorie sind alle für Rücksichtnahme

Es ist ein gemeinschaftlich formulierter Verhaltenskodex – an dessen Erstellung laut Innenbehörde viele Menschen teilgenommen haben. Innensenator Andy Grote (SPD) sagt: „Die hohe Beteiligung hat uns gezeigt, wie stark das Thema Verkehrssicherheit die Hamburgerinnen und Hamburger beschäftigt. Mit ihren Vorschlägen treffen die Bürgerinnen und Bürger den Nagel auf den Kopf. Je ernster jeder Einzelne diese Regeln nimmt, desto sicherer kommen wir alle durch den Verkehr.“

In der Theorie sind sich also alle einig. Warum aber hapert es in der Praxis dennoch so oft? „Letztlich liegt es daran, dass die meisten von uns in Eile bei der Abwägung vor allem die eigenen Vorteile mit den etwaigen Kosten, Straftaten und anderen Nachteilen abwägen. Es ist uns halt genau in dem Moment sehr wichtig, kurz die WhatsApp zu beantworten, und wir halten die Wahrscheinlichkeit des Auftretens der genannten Nachteile für gering“, sagt Professor Wolfgang Maennig, Verkehrsforscher an der Universität Hamburg. „Wir vergessen in solchen Situationen die Schäden, die anderen zukommen können.“

Doch zum Glück zeigt sich im Alltag auch, dass viele Menschen aufeinander achtgeben – ohne dass sie jemand dazu auffordern muss. Und manchmal sind es kleine Aufmerksamkeiten, die für allgemeine Entspannung sorgen. So wie der Kioskbesitzer am Fähranleger Finkenwerder, der alten oder gehbehinderten Menschen ganz selbstverständlich über die Gangway hilft – obwohl das nicht Teil seines Jobs ist, sondern seine Überzeugung.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Hamburg