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Revolutionäre Entdeckungen? Wikipedia ist eine!

| Lesedauer: 9 Minuten
Edgar S. Hasse
Marc Fabian Buck (l.) und Horst
Weller: Schriftkultur als Leistung
der Kulturgeschichte und Nanotechnologie als modernes Forschungsfeld.

Marc Fabian Buck (l.) und Horst Weller: Schriftkultur als Leistung der Kulturgeschichte und Nanotechnologie als modernes Forschungsfeld.

Foto: Mark Sandten

Hamburger Experten erklären die Grenzen der Erkenntnis liegen und welche bahnbrechenden Erfindungen die Digitalisierung bringt.

Hamburg. Heureka! Ich hab’s gefunden – so lief einst Archimedes nackt durch Syrakus. In der Badewanne liegend hatte er erkannt, warum Schiffe schwimmen können. Gibt es noch heute so revolutionäre Erkenntnisse? Darüber diskutieren Professor Horst Weller (Chemiker und Fachbereichsleiter Zen­trum für Angewandte Nanotechnologie) und Marc Fabian Buck, Vertretungsprofessor Medienpädagogik/Digitalisierung in der Bildung, beide von der Uni Hamburg.

Hamburger Abendblatt: Was sind für Sie die größten Entdeckungen in der Menschheitsgeschichte?

Horst Weller: Es fing damit an, dass die Menschen Werkzeuge wie Hebel und Rad entdeckt haben. Meilensteine waren sicher auch die Entdeckung der Mathematik oder legendäre Geistesblitze wie das Archimedische Prinzip.

Und die Entdeckung des Feuers.

Weller: Ja, da muss einer gemerkt haben, dass das Fleisch noch besser schmeckt, wenn es gegrillt wird. Später wurde die Gewinnung von Metallen entdeckt, und Galileos Entdeckung der Jupitermonde leitete die Neuzeit ein. Anfang des 20. Jahrhunderts stieß das klassische Weltbild erneut an die Grenzen, was zu Einsteins Relativitätstheorie und der Quantenmechanik führte.

Welche Erkenntnisse würden Sie nennen?

Marc Fabian Buck: Das ist die Schriftkultur! Das ist aus unserer Sicht der bedeutendste Wandel in der Kulturgeschichte. Dazu kommt der Wunsch, die Dinge mit wissenschaftlichen Methoden zu systematisieren. Und natürlich, im Blick auf Europa, die Epoche der Aufklärung: Kinder und Erwachsene werden als autonome Subjekte verstanden.

Wie hat sich das Kindsein verändert?

Buck: Kindheit wurde als eigenständige Lebensphase erkannt. Dazu kommt das Recht auf Beschulung – und damit das Recht, nicht wie die Erwachsenen arbeiten zu müssen. Heute ist Kindheit sehr reguliert, aber wir sind dadurch besser geworden, auf Kinder aufzupassen – in medizinischer wie in pädagogischer Hinsicht.

Am Anfang jeder Erkenntnis steht eine Idee.

Weller: Ich würde sagen: die kritische Hinterfragung einer Beobachtung, aus der die Idee zur Beantwortung der Frage „Warum ist das so?“ erst erwächst und dann zu neuen Schlussfolgerungen führen kann. Dieser Prozess ist eng mit den technischen Möglichkeiten der Beobachtung verbunden: Ohne Fernrohr kein Galileo und ohne Mikroskopie keine moderne Medizin.

Wie genau können wir denn heute schauen?

Weller Bis auf die Ebene der Atome und Moleküle. Mit den neuesten Hamburger Maschinen können heute filmisch in Echtzeit dokumentieren, wie sich die einzelnen Elektronen und Atome in einem Molekül bewegen. Die schnellsten Prozesse geschehen dabei im milliardsten Teil einer milliardstel Sekunde. Das ist eine Revolution, die derzeit in der Wissenschaft geschieht. Wir lernen, wie sich Atome in einem Kristall anordnen müssen, damit das Material supraleitend wird, also Strom verlustfrei leiten kann oder wie sich Proteinmoleküle falten; einer der Schlüssel zum Verständnis des Lebens.

Gibt es Grenzen der Erkenntnis?

Weller: Sagen wir so: Die Komplexität nimmt zu.

Buck: Aus meiner Sicht ist die Digitalisierung im Sinne einer globalen Vernetzung eine große Triebfeder. Erkenntnisse können nur revolutionär werden, wenn sie überhaupt in der Bevölkerung ankommen und akzeptiert werden.

Was ist für Sie die überraschendste Forschungserkenntnis in der Digitalisierung?

Buck: Ich bin nach wie vor fasziniert von Wikipedia. Es ist ein großartiges Projekt, obwohl es dort auch erkenntnispolitische Streitigkeiten und die ständige Frage nach der Definitionshoheit gibt. Es ermöglicht Milliarden Menschen den Zugang zu Wissen.

Sind Sie selbst aktiv bei Wikipedia?

Buck: Ja, ich schreibe selbst Artikel und ermutige meine Studierenden, das auch zu tun.

Hat sich ihr Forschungsalltag verändert?

Buck: Ich arbeite größtenteils mit Texten. Nach wie vor muss ich studentische Hilfskräfte in die Staatsbibliothek schicken, um mir Texte zu besorgen. Aber vieles bekommt man online. Das hat aber auch Nachteile. Wir merken allerdings über alle Fächer, dass die hohe Produktionsgeschwindigkeit von Texten nicht immer mit einer hohen Qualität einhergeht.

Welche Erfindungen könnte es demnächst durch die Digitalisierung geben?

Buck: Prognosen sind immer schwierig, vor allem, wenn sie sich auf die Zukunft beziehen. Medientechnisch wird die Entwicklung zur Virtuellen und Augmentierten Realität weitergehen, denken wir nur an entsprechende Brillen und Software.

Verschmilzt das Smartphone mit dem Gehirn?

Buck: Ich glaube, das passiert weniger schnell. Irrationale Skepsis gegenüber technologischen Neuerungen sind eine Konstante in der Menschheitsgeschichte, denken wir an die erste deutsche Eisenbahn und die Angst davor, dass diese Schwindel und andere Krankheitserscheinungen erzeugt bei hohen Geschwindigkeiten.

An welchen Projekten arbeiten Sie?

Weller: Wir arbeiten im Bereich der chemischen Nanotechnologie. Hier haben wir Projekte zu den Themen ultrafeste Werkstoffe, Brennstoffzellen, Display und Beleuchtungstechnologie bis hin zu den Lebenswissenschaften und Medizin.

Was machen Sie da genau?

Weller: Wir schauen, welche Eigenschaften biologische Moleküle haben. Das fängt mit der DNA an, in der die Erbinformation gespeichert ist. Sie ist zwei Nanometer breit. Ein Protein, das als Arbeitspferd im Körper gilt, ist ungefähr fünf Nanometer groß. Wir versuchen, diese Prozesse nachzumachen. Wir imitieren die Natur.

Wie Leonardo da Vinci?

Weller: Wenn Sie nur meinen, dass die Natur unser Vorbild ist, dann ja. Ansonsten ist der Vergleich doch reichlich hoch gegriffen. Die Chemie des 20. Jahrhunderts war dadurch bestimmt, dass wir komplizierte Moleküle synthetisiert haben und Regeln dafür gelernt haben. Heute gehen wir den nächsten Schritt: das Zusammenspiel der Moleküle in einer bestimmten geometrischen Anordnung.

In welchem Lebensbereich ist das relevant?

Weller: Das spielt in der Medizin eine große Rolle. Da geht es darum, die Diagnostik und die Therapie der großen Krankheiten zu verbessern. Wenn wir heute z. B. eine Chemotherapie machen, dann wird der ganze Körper mit Gift beladen. Weil Krebszellen etwas stärker „fressen“ als die anderen, nehmen sie mehr Gift auf und sterben. Das ist natürlich ein Tanz auf Messers Schneide. Wir versuchen, mit Medikamenten beladene Nanotransporter zu schaffen, die selektiv nur von den Krebszellen aufgenommen werden. Damit wird die Belastung der gesunden Zellen stark reduziert. In einem anderen Fall arbeiten wir mit einer Hamburger Firma an einem neuen Medikament gegen Autoimmumkrankheiten wie die Multiple Sklerose. Ende des Jahres sollen die ersten klinischen Tests starten. Wir bauen nach, was uns die Natur beim Stofftransport im Körper vormacht.

Ein weiterer Schwerpunkt ist die individu­alisierte Medizin.

Weller: In der Onkologie braucht man dafür sehr genaue Informationen über den Tumortyp. Nehmen wir z. B. das Prostatakarzinom, an dem etwa die Hälfte aller Männer im Alter erkranken. Viele Arten sind nicht so aggressiv, dass sie operiert werden müssen, andere schon. Dies verlässlich zu diagnostizieren wäre ein riesiger Durchbruch. Wir wollen dafür spezielle Marker auf Basis von Nanoteilchen entwickeln. Hamburg bietet sich für solche Forschungen an, weil hier weltweit die größte Gewebebank der verschiedenen Tumortypen existiert.

Es braucht aber nicht nur des menschlichen Geistes, auch Technik und Geld.

Weller: Unbedingt! Eines unserer wesentlichen Hilfsmittel sind Elektronen-Mikroskope.

Wie teuer?

Weller: Unser Bestes kostet zwischen drei und vier Millionen Euro. Wenn wir dann aber auch noch in Echtzeit sehen wollen, wie sich die Atome bewegen und neue Eigenschaften der Substanzen entstehen, dann brauchen wir einen Röntgenlaser. Der kostet gut eine Milliarde und steht in Hamburg.

Und wie ist es bei den Geisteswissenschaften?

Buck: Die Art und Weise hat sich verändert, wie Wissenschaft finanziert wird. Es geht viel um die Gewinnung von Drittmitteln und Sichtbarkeit auf der internationalen Bühne. Aber: Wir sogenannten Buchwissenschaften sind vergleichsweise günstig. Wir brauchen eigentlich nur Personal, das ist der größte Posten. Was ich beobachte: Geisteswissenschaften müssen sich stärker rechtfertigen gegenüber MINT-Fächern, die einen höheren bildungspolitischen Rückhalt genießen. Wir müssen auch darin besser werden, unsere Forschung besser zu kommunizieren. Unsere Fakultät hat darauf schon reagiert und eine entsprechende Stelle eingerichtet.

Könnte es in der Bildungsforschung auch in Zukunft revolutionäre Ideen geben?

Buck: Eine der klassischen Fragen ist, wie ich kritisches Denken einübe. Wie bringe ich jungen Leute bei, mit ihrer Lebenswelt so umzugehen, dass sie sie mit Kriterien beurteilen, die nicht aus den Dingen selbst kommen. Es ist gar nicht einfach, kritisches Denken einzuüben, zum Beispiel vor dem Hintergrund präsenter werdender Technik. Ich möchte, dass junge Leute, Schülerinnen und Schüler, argumentativ stark sind; dass sie gute Gründe finden für ihre Entscheidungen.

Welche Bedeutung hat die Neugier für Wissenschaft und Bildung?

Buck: Neugier ist die absolute Voraussetzung für Erkenntnis.

Weller: Neugier ist die Triebkraft jeder Veränderung und revolutionärer Ideen.

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