Bildung

Fast 1000 neue Lehrkräfte in Hamburg eingestellt

Es sind vor allem Lehrerinnen, die ihren Dienst antreten – nicht einmal jede dritte Stelle ist mit Männern besetzt.

Es sind vor allem Lehrerinnen, die ihren Dienst antreten – nicht einmal jede dritte Stelle ist mit Männern besetzt.

Foto: picture alliance

Allein 413 Referendare starteten in den Hamburger Schuldienst – ein Rekordwert. Nur 4,4 Prozent sind Quereinsteiger.

Hamburg.  Mehr Feierlichkeit, repräsentative Würde und Tradition des Stadtstaats geht kaum: Zum ersten Mal begrüßte Schulsenator Ties Rabe (SPD) im Großen Festsaal des Rathauses die neuen Referendare und ausgebildeten Lehrer, die am 1. August ihre Arbeit aufgenommen haben. Fast 1000 Lehrkräfte – 413 Referendare und 573 Junglehrer – starteten in den Schuldienst. Das ist neuer Rekord. Bislang wurden die angehenden und die fertig ausgebildeten Lehrer und Lehrerinnen im eher schmucklosen Hörsaal des Landesinstituts für Lehrerbildung in Eimsbüttel begrüßt.

Die Wahl des Ortes sollte die Anerkennung für die Arbeit der Schulpädagogen und deren Bedeutung für die Stadt deutlich machen – auch Polizisten und Feuerwehrleute werden mittlerweile im Großen Festsaal vereidigt. Doch selbst der größte Raum des Rathauses konnte nicht alle Pädagogen auf einmal fassen. Es gab zwei Senatsempfänge, zuerst für die Referendare, dann für die Junglehrer.

Nur 29 Prozent der Referendare sind männlich

„Ich bin ganz zufrieden mit der Tatsache, dass es uns gelungen ist, alle Plätze für Referendare zu besetzen“, sagte Rabe. Vor allem wegen der steigenden Schülerzahl – bis 2030 werden 40.000 Jungen und Mädchen zusätzlich an den staatlichen Schulen erwartet – hat der Senat die Ausbildungskapazitäten deutlich erhöht. Zum 1. August haben 413 Frauen und Männer mit dem eineinhalbjährigen Vorbereitungsdienst begonnen, wie das Referendariat offiziell heißt. „Das ist eine Rekordzahl“, sagte Rabe.

In der Summe der beiden Starttermine (Februar und August) wurden 2017 noch 537 Referendare eingestellt, 2018 waren es 655 und im laufenden Jahr werden es 748 sein. Im kommenden Jahr sollen dann jährlich 810 Referendare ihre Ausbildung beginnen – ein Plus von 40 Prozent seit 2017. Die angehenden Lehrkräfte sind im Durchschnitt 31 Jahre alt, und 58 Prozent haben an der Universität Hamburg ihr Masterexamen gemacht. Das ist ein eher unterdurchschnittlicher Wert – in den vergangenen Jahren lag der Anteil der Hamburger Hochschulabsolventen bei rund zwei Dritteln. Rabe wies darauf hin, dass nur 29 Prozent der Referendare Männer seien. „Das finde ich bedauerlich“, sagte der Senator, ohne einen Grund für die männliche Zurückhaltung benennen zu können. „Am Geld kann es nicht liegen. Lehrer kriegen ein ordentliches Gehalt“, befand Rabe. Lehrer gehörten zu den oberen zwölf Prozent auf der Gehaltsskala.

Berwerbermangel? Nicht in Hamburg

„In vielen Bundesländern herrscht erheblicher Bewerbermangel, viele Ausbildungsplätze müssen mit Quereinsteigern besetzt werden oder bleiben unbesetzt“, sagte der SPD-Politiker. In Hamburg seien dagegen alle 413 Plätze besetzt worden, und darunter waren nur 4,4 Prozent (18 Frauen und Männer) Quereinsteiger. Dabei handelt es sich um angehende Berufsschullehrer für Elektrotechnik, Physiker und künftige Pädagogen, die das Fach Theater unterrichten werden. „Dieses Fach kann man an der Universität gar nicht auf Lehramt studieren. Hier sind wir also auf Quereinsteiger angewiesen“, sagte Rabe.

Zum ersten Mal galten neue Zulassungskriterien für das Referendariat. Studierende, die bereits an Schulen unterrichtet und praktische Erfahrung gewonnen haben, konnten Bonuspunkte erwerben. Die neue Regelung hat sich für 52 der 413 Referendare (12,6 Prozent) positiv ausgewirkt, so dass sie aufgenommen werden konnten, übrigens alle mit Gymnasiallehramt. Diese Gruppe wäre ansonsten aufgrund der Kriterien Examensnote und Wartezeit nicht aufgenommen worden. Der Notendurchschnitt aller Referendare liegt bei 1,8.

Den größten Teil der künftigen Schulpädagogen machen die 158 angehenden Gymnasiallehrer aus. Die zweitgrößte Gruppe sind die 124 künftigen Grund-, Haupt- und Realschullehrer, die an Grundschulen und an Stadtteilschulen bis zur zehnten Klasse eingesetzt werden. Weitere 48 Referendare werden für den Unterricht an Berufsschulen ausgebildet, und 71 Frauen und Männer wechseln an Sonderschulen. Zwölf Lehrkräfte haben ihre pädagogische Ausbildung in ihrem Heimatland Russland, Frankreich, Portugal oder Afghanistan absolviert und durchlaufen hier eine sogenannte Anpassungsqualifizierung.

Jährlich müssen 800 bis 900 Lehrer neu eingestellt werden

Im Abendblatt-Interview hatte Rabe vor wenigen Tagen angekündigt, dass Hamburg wegen des Schülerzuwachses bis 2030 jährlich 250 bis 300 Lehrer zusätzlich einstellen müsse. „Wir sind in der glücklichen Lage, das die große Pensionierungswelle in Hamburg bereits abklingt“, sagte Rabe. In diesem Jahr werden rund 600 Lehrer pensioniert, im Rekordjahr 2016 waren es 908 Frauen und Männer. Addiert man die Pensionierungen und zusätzlich erforderlichen Lehrkräfte ergibt sich ein jährlicher Bedarf von 800 bis 900 Neueinstellungen.

Nach Angaben der Schulbehörde sind im laufenden Jahr bereits 880 Lehrkräfte (einschließlich der aktuellen 573) neu eingestellt worden, im Jahr zuvor waren es 894 und davor 869. Seit Rabes Amtsantritt 2011 hat sich die Zahl der Schüler um rund zehn Prozent erhöht. Im gleichen Zeitraum wuchs die Zahl der Lehrkräfte (einschließlich Sozialpädagogen und Erzieher) um fast 30 Prozent oder 4100 Stellen. Dass der Lehrerbedarf deutlich stärker gestiegen als der Schülerzuwachs, liegt an mehreren qualitativ wirkenden Verbesserungen: kleinere Klassen, mehr Förderstunden für die Inklusion, mehr Unterrichtsstunden an den Stadtteilschulen sowie mehr Ganztagsangebote. Die Pensionierungswelle der vergangenen Jahre und die große Zahl zusätzlicher Neueinstellungen haben dazu geführt, dass das Durchschnittsalter der Lehrer auf 44 Jahre gesunken ist.

„Es ist richtig, dem akuten Mangel an qualifiziertem Lehrpersonal entgegenzuwirken“, sagte Linken-Fraktionschefin Sabine Boeddinghaus. „Denn schon heute kann über alle Schulen hinweg der tatsächliche Bedarf nicht gedeckt werden.“ Das zeige sich in der enormen Quote an Lehraufträgen und zeitlich befristeten Verträgen.