Abendblatt-Serie

100 große Fragen: Welche Bedeutung hat Familie heutzutage?

Christian Strümpell hält Hochzeitseinladungen aus Indien in der Hand, Thordis Reimer will auf den Zeitfaktor aufmerksam machen, fehlende Zeit sei die größte Herausforderung für Familien.

Christian Strümpell hält Hochzeitseinladungen aus Indien in der Hand, Thordis Reimer will auf den Zeitfaktor aufmerksam machen, fehlende Zeit sei die größte Herausforderung für Familien.

Foto: Foto: Marcelo Hernandez

Warum Blutsbande so stark wirken, das soziale Netz die Familienbande aber teilweise als Schutzraum ablöst, erklären zwei Experten.

Hamburg.  Sie gehört zur sogenannten „Sandwich Generation“, kümmert sich also gleichzeitig um Kinder, Enkelkinder und Eltern. Er lebt in der klassischen Kleinfamilie. Dr. Thordis Reimer und Dr. Christian Strümpell wissen, welche Familienform heute am häufigsten gelebt wird, und ob es überhaupt noch den Wunsch nach Familie gibt.

Welches ist die gängigste Familienform in Deutschland?

Dr. Thordis Reimer: Die gängigste Familienform im Haushalt mit minderjährigen Kindern ist die des verheirateten heterosexuellen Paares (2/3). Etwas mehr als jeder zehnte Haushalt mit Kindern lebt ohne Trauschein zusammen; beinahe jeder fünfte Haushalt besteht nur aus einem anwesenden Elternteil. Paargemeinschaft ist nicht immer auch mit Elternschaft verbunden: Ca. 15 Prozent der Haushalte sind Patchworkfamilien.

Dr. Christian Strümpell: Ich hätte immer gedacht, die Zahl der Alleinerziehenden sei größer?

Reimer: Hier in Hamburg ist es auch so, das sind Durchschnittswerte, in der Großstadt sieht es anders aus.

Bei der Mafia steht die Familie über allem. Wie sieht es außerhalb krimineller Vereinigungen aus?

Strümpell: Diese weit verbreitete Ansicht geht zum großen Teil auch auf „Mafia-Romantik“ zurück, etwa einen Film wie „Der Pate“. Mafia-Forscher betonen dagegen, dass Mafias knallhart kalkulierende Unternehmen sind, und ich bin mir nicht sicher, inwiefern Familie da über allem steht. In Indien, wo ich als Ethnologe seit längerer Zeit forsche, gelten familiäre Kontakte in der Regel als besonders zuverlässige Ressource, um beispielsweise eine Anstellung zu bekommen oder ein Grundstück erwerben zu können. In Südasien läuft viel so, aber Vetternwirtschaft gibt es hierzulande auch. Familie hat immer eine wirtschaftliche Seite und ist ein wichtiger Faktor bei der Reproduktion von Milieus und Klassen.

Reimer: In meinen Interviews mit berufstätigen Vätern haben diese durchweg betont, dass für sie Familie an erster Stelle steht. Im Berufsalltag haben sie jedoch oft Schwierigkeiten, den Anforderungen ihrer Familie gerecht zu werden. Dabei geht es vorwiegend um Zeit oder die Möglichkeit, Arbeit flexibel um familiale Anforderungen herum zu gestalten. Bei der Mafia ist es der „Boss“, der die Gesetze der Familie formuliert; bei den berufstätigen Vätern von heute sind es die traditionellen Arbeitskulturen, die es Männern erschweren, Familie auch im Alltag an die erste Stelle zu stellen.

Träumen viele Menschen noch von einer Familie, oder hat dieses Modell ausgedient?

Reimer: Viele junge Menschen, insbesondere Mädchen und junge Frauen, halten Familie weiterhin für sehr wichtig, um glücklich zu sein. Soziale Netzwerke, nicht Facebook, sondern Freunde, spielen heute aber auch eine große Rolle, sie haben einen Bedeutungsgewinn in unserer Zeit. Doch das Ideal der Kleinfamilie besteht weiter.

Strümpell: Das Ideal springt einen ja auch an jeder Ecke an. Gerade bin ich an einer Sparkassen-Werbung vorbeigelaufen, da saßen zwei Kinder in einem Haus aus Pappe, Mama und Papa standen daneben. Wenn die eigenen Eltern schon so gelebt haben, dann wird man selbst mit diesem Gedanken sozialisiert.

Früher war die Familie eine Versorgungsgemeinschaft, heute geht es eher um emotionalen Zusammenhalt, oder nicht?

Reimer: Der Wohlfahrtsstaat hat einige Leistungen der traditionellen Versorgungsgemeinschaften übernommen, die soziale Absicherung beispielsweise oder die Kinderbetreuungsstruktur. Die Familie ist allerdings immer noch die Hauptversorgerin, gerade wenn es um finanzielle Leistungen jenseits der Grundversorgung geht. Da gibt es finanzielle Transfers in sehr großen Maßen, gerade von den Eltern zu den Kindern.

Strümpell: Die wohlfahrtsstaatliche Absicherung wird in vielen Bereichen eher ab- als ausgebaut. So hat die Familie weiterhin eine besondere Rolle bei der Versorgung inne. Aber natürlich geht es auch um tatkräftige und emotionale Unterstützung bei der Bewältigung des Familienalltags. Mit einer Familie fällt einfach viel Arbeit an.

Das klingt so anstrengend. Familie sollte doch eigentlich ein Schutzraum sein.

Reimer: Die sogenannten „Blutsbande“ können deswegen so stark sein, weil sie unabhängig von Sympathie oder Interessen bestehen. Egal, wie ich mich verhalte, wie sonderbar oder wenig verbindlich ich bin, man wird mich als Teil der Familie akzeptieren. Das ist ein besonderer Schutzraum. Ich selbst erfahre allerdings den größten Schutz durch mein soziales Netz, das für mich in Teilen noch besser funktioniert als die Familienbande.

Welche verschiedenen Bedeutungen kann eine Familie haben? Und für wen?

Reimer: Viele von uns suchen sich heute ihre Familie aus, in Zeiten der Individualisierung bestimmen wir selbst, wen wir als Familie betrachten.

Strümpell: Es herrscht heute eine größere Freiheit bei der Wahl der Familienform. Nicht umsonst gilt der Spruch: Man muss sich seine Eltern gut aussuchen.

Früher haben sich vor allem die Frauen um die Kinderbetreuung gekümmert.

Reimer: Es sind auch heute immer noch überwiegend die Mütter, die sich mehr kümmern als die Väter, und zwar weltweit. Väter investieren zwar immer mehr Zeit in Kinderbetreuung, aber für Mütter gilt dies auch. Wir verbringen heute tendenziell mehr Zeit mit unseren Kindern als die Generation vor uns.

Warum nehmen nicht noch mehr Väter Elternzeit? Hat das Konzept nichts gebracht?

Reimer: Doch, es war ein großer Schritt in Richtung Gleichberechtigung. Derzeit bezieht jeder dritte Vater eines Kleinkindes Elterngeld. Insbesondere die exklusiven zwei Monate für den zweiten Elternteil, die oft als Vätermonate bezeichnet werden, haben eine große Rolle dabei gespielt, dass auch Väter Auszeiten nach der Geburt eines Kindes nehmen. Diese seit 2007 per Gesetz bestehenden exklusiven Ansprüche treffen mittlerweile auch am Arbeitsplatz auf etwas mehr Akzeptanz. Allerdings verzichten viele Väter trotzdem auf die Inanspruchnahme solcher Elternzeiten, da sie negative Konsequenzen in Bezug auf ihre berufliche Karriere befürchten. Für die Zukunft muss überlegt werden, ob die exklusiven Rechte für den zweiten Elternteil auf mehr Monate ausgeweitet werden können und ob die Lohnersatzrate des Elterngeldes von derzeit 65 auf 100 Prozent ohne Höchstbezugsgrenze ausgeweitet werden sollte.

Strümpell: Ich habe auch keine Elternzeit genommen, das ging zu dem Zeitpunkt finanziell leider nicht.

Welche Rolle nimmt der Vater heutzutage in der Familie ein?

Reimer: Der Vater hat meist immer noch die Rolle des Haupternährers in der Familie. Zwar sind in mehr als der Hälfte der Paarhaushalte mit Kindern beide Eltern berufstätig, meist arbeiten die Frauen jedoch in Teilzeit. In jeder dritten Familie mit Kindern ist zudem der Vater der Alleinernährer. Diese Ernährerrolle steht in starkem Kontrast zu den Vorstellungen aktiver Vaterschaft. Hier ist vor allem Zeit die Kerndimension eines Konfliktes zwischen Arbeit und Familie, unter dem viele Väter heutzutage leiden.

Wer gilt heute als Familienvorstand?

Reimer: In unseren soziologischen Datensätzen steht der Mann oft ganz traditionell auf Platz „1“ des Haushaltes.

Strümpell: An Bildern kann man viel erkennen. In Indien war es beispielsweise auffällig, dass Familienfotos auch in Familien, die sich als modern verstehen, in der Regel so aufgebaut waren, dass der Mann im Zentrum steht, die Frau an einer Seite neben ihm steht und die Kinder an der anderen. Diese bildliche Darstellung spiegelt die sozialen Vorstellungen wider und macht deutlich, dass der Mann die zentrale Position einnimmt. Vor 100 Jahren sahen Familienfotos hier häufig so aus, dass der Mann hinter der sitzenden Frau stand und darum herum die Kinder drapiert waren. DerMann überragte also alle anderen. Heute stehen oder sitzen die Eltern auf einer Ebene und die Kinder dazwischen. Das suggeriert, dass zumindest nicht mehr das Ideal existiert, dass der Mann als Haushaltsvorstand fungiert. Dafür spricht auch, dass Figuren wie beispielsweise Rudi Assauer mit ihren Macho-Sprüchen, dass er niemals den Kochtopf angefasst hat, den meisten als aus der Zeitgefallen gelten. Ich erinnere mich auch noch, wie uns ein älterer Lehrer sagte, ihm rollen sich die Fußnägel auf, wenn er einen Mann beim Kinderwagenschieben sieht.

Damit wären wir bei Klischees. Warum ist es wichtig, dass zu einer Familie Vater und Mutter gehören, oder ist es das für die Kinder gar nicht, sondern nur für uns Spießer?

Reimer: Vielleicht ist diese Aussage in unserer Gesellschaft eher andersherum zu formulieren: Für viele Paare gehören Kinder zu einer Familie. Eine Spießer-Haltung ist es heutzutage vielleicht, wenn man denkt, dass nur leibliche Eltern die Vater- oder Mutterrolle übernehmen können oder dass Kindern von gleichgeschlechtlichen Eltern etwas fehlt.

Ist die angebliche Vereinbarkeit von Beruf und Familie Realität oder Wunschdenken?

Reimer: Familien fehlt heutzutage Zeit. Darin liegt die größte Herausforderung für Familien. Was wir brauchen, sind Work-life-Konzepte in Unternehmen, die ihre Vereinbarkeitsmaßnahmen auch ganz selbstverständlich für Väter vorsehen. Dies finden wir derzeit schon bei den meisten öffentlichen Arbeitgebern, jedoch selten in Privatunternehmen.

Strümpell: In Schweden hat man damit begonnen, mit Arbeitszeitkonzepten zu experimentieren und in einigen Fällen den Arbeitstag auf sechs Stunden zu reduzieren. Herauskam, dass man in der Zeit meistens genauso viel produziert wie in acht Stunden. Und wieso überhaupt acht Stunden? Es ist ja kein Naturgesetz, dass ein Arbeitstag acht Stunden haben muss. Das ist politisch so ausgehandelt, und die Politik bestimmt nicht immer das Ideal.

Was sind die größten Probleme für Familien?

Strümpell: Prekäre Beschäftigungsverhältnisse wie Zeitarbeit oder befristete Verträge stellen eine nicht zu unterschätzende Herausforderung für Familien da. Wenn man nie weiß, wie lange man einen Job noch hat, dann neigt man eher dazu zu sagen, nein, ich kann mich nicht um Familie kümmern. Man gründet keine Familie oder sehr spät. Viele machen noch Überstunden, weil sie fürchten, den Job zu verlieren, den Vertrag nicht verlängert zu bekommen. Wirtschaftliche Zwänge haben Auswirkungen auf Familie.

Leo Tolstois Gesellschaftsroman „Anna Karenina“ beginnt mit dem Satz: „Alle glücklichen Familien gleichen einander; jede unglückliche Familie jedoch ist auf ihre besondere Weise unglücklich.“ Reicht wirklich ein einziger Faktor zum Misslingen?

Strümpell: Das ist eine gute Frage …

An die sich natürlich die Frage anschließt, wie man Misslingen bemisst. Scheidungsraten etwa sind meines Erachtens kein besonders aussagekräftiger Index, wenn ich daran denke, wie gering die beispielsweise in Indien sind und wie unglücklich viele Familien dort sind.

Worauf sollte man unbedingt achten, wenn man eine Familie gründen möchte?

Reimer: Für eine Familie muss man kämpfen und auch mal weniger schöne Phasen aushalten.

Strümpell: Eine Familie gründet man am besten mit einem Menschen, den man wirklich liebt, und für diesen Menschen muss man sich Zeit nehmen, damit diese Liebe bestehen bleibt – selbst wenn die gemeinsamen Kinder sehr viel Raum einnehmen.

Was unterscheidet Familien von Freunden?

Reimer: Freunde suche ich mir aus, die Familie nicht immer. Freundschaften können aufgelöst werden, Familienbande bleiben bestehen.