Prozess in Hamburg

Mord an 91-Jähriger: Angeklagter schweigt zu Vorwürfen

Karsten G. im Gerichtssaal. Der Mann ist angeklagt, eine   pflegebedürftige 91-Jährige ermordet zu haben.

Karsten G. im Gerichtssaal. Der Mann ist angeklagt, eine pflegebedürftige 91-Jährige ermordet zu haben.

Foto: Roland Magunia

Karsten G. soll die alte Dame heimtückisch und aus Habgier getötet haben. Seniorin hatte Betreuer als Erben eingesetzt.

Hamburg. Am Ende ihres langen Lebens, als Ellen L. ihre Augen für immer verschlossen hatte, drapierte ihr Betreuer Kerzen um die Tote und zündete die Wachslichter an. Zuvor hatte der Mann die 91-Jährige noch in ihr Bett gelegt. Er habe dies aus Pietätsgründen getan, sagte Karsten G. später bei der Polizei. Und jahrelang habe er sich um gekümmert, aus wahrer Freundschaft. Doch echtes Mitgefühl und Selbstlosigkeit waren nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft nicht die dominierenden Beweggründe für den 74-Jährigen – eher das Gegenteil. Die Anklage geht davon aus, der der Betreuer die Seniorin ermordete, heimtückisch und aus Habgier.

Karsten G. äußert sich in seinem Prozess vor dem Schwurgericht nicht zu den Vorwürfen. Seine Verteidiger haben allerdings für ihn erklärt, dass ihr Mandant die Seniorin Ellen L. nicht getötet habe. Das hatte der Betreuer der alten Dame auch bei seiner Vernehmung beteuert, nachdem er am 19. Dezember vergangenen Jahres nach aufwendigen Ermittlungen schließlich verhaftet worden war. „Er sagte, er habe mit der Tötung der Frau nichts zu tun. Er habe sie nur tot aufgefunden“, sagte am Donnerstag die Ermittlungsführerin in dem Fall als Zeugin vor Gericht.

Rechtsmediziner entdeckten Hinweise auf Tötungsdelikt

Nach dem Tod der 91-Jährigen hatte ein Hausarzt zunächst bescheinigt, dass die alte Frau einem Herzversagen erlegen sei. Erst später in der Rechtsmedizin wurden Hinweise entdeckt, dass es sich um Tötungsdelikt handeln könnte. Unter anderem hatten die Forensiker Blutungen in den Augenbindehäuten entdeckt – Hinweise auf eine mögliche äußere Gewalteinwirkung. In der Anklage heißt es, Karsten G. habe der Frau einen weichen Gegenstand, sehr wahrscheinlich ein Kissen, aufs Gesicht gedrückt, um sie zu töten. Der Mann war von Ellen L. als ihr Betreuer und ihr Erbe eingesetzt worden. Nach ihrem Tod hatte er eine Eigentumswohnung in Blankenese, die sie ihm vermacht hatte, schnell verkauft. Noch zu Lebenszeiten soll er der alten und zuletzt an Demenz leidenden Dame etliche Überweisungsträger zur Unterschrift vorgelegt haben, um so insgesamt rund 40.000 Euro auf sein Konto zu bekommen. Hier wirft die Staatsanwaltschaft dem Betreuer gewerbsmäßigen Betrug vor.

Die Ermittlungen hätten ergeben, dass Karsten G. schon länger in finanziellen Schwierigkeiten war, berichtete die Kriminalbeamtin als Zeugin. Demnach hatte der 74-Jährige, der früher als Mikrobiologe arbeitete und selber eine Rente von knapp über 800 Euro bezog, öfter Besuch vom Gerichtsvollzieher. Wegen kleinerer Geldforderungen habe es auch schon Haftbefehle gegeben. In den Monaten vor dem Tod von Ellen L. allerdings flossen immer wieder höhere Beträge von ihrem Konto auf das von Karsten G. Die Abbuchungen von teilweise mehreren Tausend Euro hätten zur Folge gehabt, dass das Girokonto der Seniorin nicht mehr gedeckt war und vom Sparkonto ausgeglichen werden musste – bis auch dieses restlos geplündert war.

Widersprüchliche Aussagen belasteten Karsten G.

Karsten G. habe dazu in Vernehmung gesagt, die Überweisungen seien stets mit Ellen L. abgesprochen gewesen. Sie habe ihm das erlaubt, weil sie nichts mehr habe sparen wollen. Außerdem seien oft Anschaffungen fällig gewesen, etwa ein Krankenbett oder Kleidung. Rechnungen konnte der Verdächtige nicht vorlegen.

Vor allem aber konfrontierte die Ermittlerin den Betreuer mit seiner früheren Darstellung, wie er die Tote in ihrer Wohnung gefunden haben will. Ellen L. habe auf dem Fußboden in ihrem umgekippten Rollstuhl gelegen, hatte der 74-Jährige ausgesagt. Zunächst hatte er behauptet, der Rollstuhl sei nach hinten gestürzt, später behauptete er, das Gerät sei zur Seite gefallen. Rechtsmediziner und Polizei machten mit einem vergleichbaren Modell eines Rollstuhls und einer Zehnjährigen, die Größe und Gewicht der Verstorbenen hatte, Untersuchungen mit dem Ergebnis: So wie der Betreuer von Ellen L. es geschildert hatte, könne es nicht gewesen sein. Rechtsmediziner sind zu der Überzeugung gelangt, Ellen L hätte sich schwere Verletzungen an Kopf und Wirbelsäule zugezogen, wenn sie in der von Karsten G. beschriebenen Weise gestürzt wäre. Der Verdächtige habe dazu nur gesagt, diese Einschätzung teile er nicht. Der Prozess wird fortgesetzt.