Trauer

Älteste Hamburgerin mit 112 Jahren gestorben

Lydia Smuda (hier mit 110 Jahren) ist großer Boxfan, besonders die Klitschkos liebt sie. Wladimir besuchte die alte Dame in ihrem Altenheim.

Lydia Smuda (hier mit 110 Jahren) ist großer Boxfan, besonders die Klitschkos liebt sie. Wladimir besuchte die alte Dame in ihrem Altenheim.

Foto: Marcelo Hernandez

Lydia Smuda war ein großer Fan der Klitschko-Brüder und brachte Bürgermeister Olaf Scholz aus dem Konzept.

Hamburg. Es gibt sie wirklich: Menschen, die andere berühren können, die das Herz erfreuen und die Welt ein kleines bisschen lebenswerter erscheinen lassen. Lydia Smuda ist so ein Mensch gewesen. Die Hamburgerin starb bereits am 6. Juni, wie nun bekannt geworden ist. Unglaubliche 112 Jahre alt wurde die Hamburgerin, die als älteste Bewohnerin der Hansestadt bekannt war und die auch zu den ältesten Deutschen gehörte.

Auf die ihr oft gestellte Frage nach dem Geheimrezept ihres langen Lebens pflegte die plietsche und gläubige Hamburgerin gern zu entgegen: „Das hat der liebe Gott gewollt. Ich habe dafür nichts getan.“ Doch zuletzt hatte Lydia Smuda zunehmend den Eindruck, Gott könne vielleicht auch vergessen haben, sie abzuholen. Offensichtlich hatte er es nur nicht so eilig damit.

Lydia Smuda stürzte und wurde operiert

In der vergangenen Woche schlief Lydia Smuda nach einem langen und erfüllten Leben dann friedlich in ihrem Bett ein, wie ihre Betreuerin und Weggefährtin Fitnat Soyka berichtet. „Ich habe bei ihr gesessen“, erzählt Soyka. Nach einem Sturz im April und einer anschließenden Operation sei es Lydia Smuda sichtlich schlechter gegangen. Kurz kam sie noch auf die Pflegestation der Seniorenanlage in Osdorf, wo sie zuvor lange gelebt hatte. Soyka war bei ihr und erzählt, was Lydia Smuda zum Schluss zu ihr sagte: „Ich bin angekommen, ich habe keine Schmerzen.“ Dabei habe sie sie angelächelt. „Sie hatte ein wunderschönes Leben“, sagt Soyka. „Es endet eine Ära.“

Ja, es endete ein Leben, das mehr als ein Jahrhundert andauerte. Die älteste Hamburgerin hat zwei Weltkriege, das Ende der Monarchie, vier Währungen, Wirtschaftskrisen und goldene Jahre, Hitlers Machtergreifung und seinen Untergang, die Nürnberger Prozesse, die Berliner Luftbrücke, den Aufbau der Mauer und ihren Fall, sieben Bundeskanzler und eine Kanzlerin erlebt und überlebt. Sie hat den Zerfall Europas und die Bemühungen um eine friedliche Vereinigung beobachten können. Wer kann das schon von sich behaupten?

Die Familie adoptierte die alte Dame als Ersatzoma

Privat begann für Lydia Smuda vor 20 Jahren noch einmal ein neues Kapitel und auch für Fitnat Soyka. Denn damals lernten sich die beiden Frauen in der Arztpraxis von Soykas Mann Andreas kennen. Die Familie adoptierte die alleinstehende Dame als Ersatzoma. Sie war bei der Taufe der Kinder in der ersten Reihe dabei. Gemeinsam ging es in den Zirkus und zu den Hoffesten der Familie Soyka, die ein landwirtschaftliches Projekt vor den Toren Hamburgs betreiben. „Sie hat unsere ganze Familie geprägt“, sagt Soyka. Besonders gern mochte Lydia Smuda die gemeinsamen Ausflüge zu ihrem Lieblingsrestaurant in Blankenese: Im Fischclub kannte man die alte Dame, die zu gern ein Glas Wein trank – allerdings immer nur in Maßen.

Am 6. November 1906 wurde Elisa Emma Lydia, wie sie mit vollem Namen heißt, in Remscheid geboren. Als Tochter der Fabrikantenfamilie Berger wuchs sie gut behütet und – typisch für die damalige Zeit – streng erzogen auf. „Wir hatten nichts zu sagen, nur zu gehorchen“, berichtete sie einst dem Hamburger Abendblatt im Gespräch.

Die Klitschko-Brüder hatten es ihr angetan

Lydia Smuda wuchs mit drei Geschwistern auf und musste früh lernen, sich zu behaupten. Sie besuchte ein Internat, schloss mit 19 Jahren ihr Examen zur Erzieherin und Lehrkraft ab. Als Kindermädchen und Hauslehrerin arbeitete sie anschließend für teils adlige Familien. Disziplin, Respekt, Pünktlichkeit waren ihr dementsprechend sehr wichtig. Gern erinnerte sie sich an diese Zeit zurück. Die Kinder, die sie damals betreute, bezeichnete sie als „ihre“ Kinder. Eigene bekamen sie und ihr Mann „Hans“ Rudolf Smuda, der 1982 verstarb nicht.

Weniger gern erinnerte sich Lydia Smuda an die Zeit des Zweiten Weltkrieges. Prägend war für sie dabei eine Begegnung mit einem NS-Mann, dem sie als damalige Leiterin eines Kinderheims in Thüringen Parole bot und ihn schlussendlich sogar ohrfeigte. Von einem Kinderarzt, der selbst mit seiner Frau später das Land verließ, wurde sie vor drohendem Unheil gewarnt. Sie floh.

Auseinandersetzungen scheute Lydia Smuda nicht. Auch mit manchem ihrer Arbeitgeber, die manchmal mehr von dem Hausmädchen wollten, musste sie einen Kampf ausfechten. Vielleicht war sie deshalb auch so ein begeisterter Anhänger des Boxsports. Besonders die Klitschko-Brüder hatten es ihr angetan. Sie allerdings später auch ihnen. Denn nach einem Besuch Wladimir Klitschkos anlässlich ihres 110. Geburtstages war die Boxlegende eindeutig auch ein Fan von der ältesten Hamburgerin. Die beiden waren sich auf Anhieb sympathisch, vergaßen die Kameras um sich herum und sprachen miteinander, als würden sie sich schon ewig kennen. Und Klitschko kam wieder. Besuchte die Hamburgerin erneut. Diesmal ganz ohne Medienrummel, einfach zum Klönen.

Beisetzung im engsten Bekanntenkreis geplant

Die kleine Dame in ihrem Rollstuhl konnte eben eine enorme Präsenz und Lebensfreude ausstrahlen. Mit ihrer Schlagfertigkeit und ihrem Humor überraschte sie auch manchen Bürgermeister, der ihr zum Geburtstag gratulieren wollte und einen vielleicht typischen Termin nach Zeitplan in einem Seniorenheim erwartet hatte. Sogar der damalige Bürgermeister Olaf Scholz taute angesichts der direkten und unnachahmlichen Art Smudas auf.

„Lydia Smuda war eine besondere Persönlichkeit. Ihre nüchterne, aber zugleich sehr zuversichtliche und optimistische Sicht auf die Dinge haben mich sehr beeindruckt. Lydia Smuda wird uns fehlen“, sagt Hamburger heutiger Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD). „Sie war etwas ganz, ganz besonders“, bringt es ihre Freundin Fitnat Soyka auf den Punkt. Natürlich hatte Lydia Smuda genaue Vorstellungen für ihre Beerdigung, um die sich nun ihre Betreuerin und Freundin kümmert. Die älteste Hamburgerin möchte eingeäschert und auf dem Ohlsdorfer Friedhof neben ihrem Mann beerdigt werden – im engsten Kreis von Freunden und Familie. Sogar die Pastorin hatte sie bereits ausgewählt. Ein Datum steht noch nicht fest.

Fitnat Soyka plant zudem eine Abschiedsfeier. Sie möchte das Pflegepersonal einladen – und zwar zu einem Essen in Lydia Smudas Lieblingsrestaurant. „Es liegt mir sehr am Herzen, diejenigen einzuladen, die Schwerstarbeit geleistet haben und mich für die Mühe zu bedanken“, so Soyka. Gemeinsam wolle man sich an die alte Damen erinnern und mit einem Glas Wein auf sie anstoßen – das wäre so ganz nach dem Geschmack der ältesten Hamburgerin gewesen.