Rissener Ufer

Festival-Atmosphäre bei Open-Air-Taufe an der Elbe

500 Täuflinge aus 65 Gemeinden wurden am Pfingstsonnabend mit Elbwasser in die Gemeinschaft der Christen aufgenommen.

Hamburg. Als die Schiffsglocke über den Elbstrand schallt, wird es leise. Das freudig-erwartungsvolle Gemurmel, Rufen und Lachen der großen Gemeinschaft, die mit den Füßen im Sand den ungemütlichen Böen trotzt, weicht einer feierlichen Aufmerksamkeit. „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“, beginnt Ulrike Murmann, ein Trommelwirbel ertönt, und Tausende Stimmen fallen ein: „Amen“. Erst nach dem dritten Mal ist die Pröbstin mit der Lautstärke zufrieden. Und das wohl größte Open-Air-Tauffest, das in Deutschland je gefeiert wurde, beginnt.

„5000 Menschen am Elbstrand”, freut sich Bischöfin Kirsten Fehrs. „Mehr war damals, als Jesus sich von Johannes am Jordan taufen ließ, auch nicht los.“ Sie erinnert an die Bedeutung der christlichen Taufe und des Wassers. „Ohne Wasser gäbe es kein Leben. Und was wäre Hamburg ohne die Elbe und die Alster?“ Die Botschaft sei: „So wie Hamburg von der Elbe lebt, so leben wir alle aus der Gnade Gottes.“ Hinzu käme, dass Pfingsten der Geburtstag der Kirche gefeiert werde.

Tauffest trotzt dem stürmischen Wetter

Neben der Verbundenheit zu Gott und Glauben war es bei vielen sicher auch die Liebe zum Elbstand, die am Sonnabend vor Pfingsten zu einem großen Interesse geführt hatte. Wahre Menschenströme setzen sich in den Mittagstunden in Richtung Rissener Ufer in Bewegung. In enger Taktung werden sie vom Bahnhof Blankenese mit HVV-Bussen so dicht wie möglich an den Veranstaltungsort gebracht.

Trotzdem muss noch ein längerer Fußmarsch bewältigt werden – mit Picknickkörben in der Hand und den kleinsten Täuflingen auf dem Arm – doch das tut der fröhlichen Stimmung keinen Abbruch. Ebenso wenig wie der graue Himmel. „Stürmisch, unplanbar und trotzdem schön – so ist doch auch das Leben“, fasst es Alba Cecilie Oftega Schütze zusammen, die ihre neun Monate alte Tochter Elli Emilia in der Elbe taufen lassen will und mit Taufpaten und Verwandten aus Schnelsen gekommen ist.

Köstlichkeiten und Kälte am Elbstrand

Immer mehr Menschen finden sich an den 500 Biertischen ein, die im Sand stehen, und packen ihre Körbe aus: Kuchen, Knabberkram, Erdbeeren und geschmierte Brötchen finden auf den weißen Tischtüchern Platz. Christine Müller-Misch und ihr Mann Philipp haben sich etwas ganz Besonderes für die Taufe ihrer zweieinhalbjährigen Tochter einfallen lassen: Die lange Tafel ist reich gedeckt mit Weckgläsern, die mit verschiedensten Köstlichkeiten gefüllt sind. Wenn Tomate-Mozzarella Spieße, Crissinis, Oliven und Co aufgegessen sind, wird Elbsand in die Gläser gefüllt.

„Das ist für die Gäste ein schönes Andenken, und für die Umwelt nicht belastend“, sagen die Eimsbüttler. Sie sind durch einen Brief ihrer Gemeinde auf die Möglichkeit der Elbtaufe aufmerksam gemacht worden. „Wir haben uns ertappt gefühlt, weil Therese noch nicht getauft war“, sagen sie. Aber sie sind froh, gewartet zu haben. „Es ist schön, dass sie jetzt all das hier bewusst mitbekommt.“

Im Laufe des Gottesdienstes wird es einigen Kindern zu langweilig – oder zu kalt? Sie stehen auf und spielen ein paar Meter weiter im Sand. Das trägt ebenso zur gelösten Festival-Atmosphäre bei wie die Live-Musik von der Bühne und die gemeinsam gesungenen Lieder. Die Großen bleiben an den Tischen sitzen und mummeln sich, so gut es geht, in Jacken und die ein oder andere Decke ein.

Taufe mit Elbwasser

Nach Ulrike Murmann, Pröbstin und Hautpastorin im Kirchenkreis Hamburg-Ost, und der Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs, spricht auch Probst Karl-Heinrich Melzer vom Kirchenkreis Hamburg-West. Denn nach der Elbtaufe 2011 des Kirchenkreis Hamburg-West mit 243 Täuflingen ist diese die erste gemeinsame Feier. „Die Taufe im Fluss ist eine Segenshandlung, sie ist Ausdruck einer besonderen Nähe zu Gott“, so Melzer. Wer einen Ort jenseits der Kirche für eine Taufe suche, werde keinen besseren als die Elbe finden.

Und dann ist es so weit. 92 Pastorinnen und Pastoren in schwarzen Talaren, unter denen hochgekrempelte Hosenbeinen, Gummistiefel oder bloße Füße hervorlugen, ziehen mit den 500 Täuflingen und deren Familien zum Wasser hinunter. Nur die wenigsten wollen die Taufe mit „normalem“ Wasser aus einer der mit Blumen geschmückten Taufschalen. Nein. Wenn schon Taufe an der Elbe, dann soll es auch Elbwasser sein.

Und so sind die Mütter, Tanten, Schwestern und Freundinnen, die eben noch mit nackten Beinen gefroren haben, jetzt klar im Vorteil: Sie gehen, die Schuhe in der Hand, ohne zu zögern mit den Geistlichen und den Täuflingen ins Wasser. Andere müssen am Ufer stehen bleiben, oder sich erst umständlich die Waden frei machen.

Familien kommen aus 65 Gemeinden

Die Schwestern Sofia (3) und Milena Witt (6) aus Lurup, beide Blumen im Haar, schieben einfach vergnügt die Leggins hoch, die sie unter ihren Kleidchen tragen. „Wir waren zunächst nicht ganz sicher, ob und wann Wir die Mädchen taufen lassen“, sagen ihre Eltern. Das an der Elbe feiern zu können, habe den Ausschlag gegeben. Aus 65 Gemeinden kommen die Familien, die jetzt nach und nach zur Taufe gebeten werden.

Der älteste Täufling ist 56 Jahre alt, die jüngste wurde zur Taufe angemeldet, als sie noch gar nicht geboren war: Mila Rakul, die jetzt 13 Wochen alt ist. „Ich war sofort begeistert, als ich von dem Tauffest gehört habe“, sagt Cherleen Elbeshausen, die schon ihres Namens wegen eine Affinität zu dem Strom hat, den sie gerade mit feuchtem Rocksaum verlässt.

Auch für die Pastorinnen und Pastoren ist es ein großer Tag. Etwa für Nina Schumann aus Eimsbüttel – obwohl sie schon einmal bei einer privaten Elbtaufe am Findling „Alter Schwede“ mitgewirkt hat. „Es herrscht so eine lockere Atmosphäre hier, das ist schon einzigartig“, sagt sie. Etwas ganz Besonderes ist die Elbtaufe auch für Katrin Groth, die als Prädikantin in Holm bislang lediglich ehrenamtlich Gottesdienste gehalten hat. „Dass ich heute hier taufen darf“, sagt sie, „hat mich zu Tränen gerührt.“