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Debakel bei Hamburgs Mathe-Abi: Wie konnte das passieren?

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Peter Ulrich Meyer
Schülerinnen und Schüler bei einer schriftlichen Abiturprüfung.

Schülerinnen und Schüler bei einer schriftlichen Abiturprüfung.

Foto: dpa Picture-Alliance / Roland Weihrauch / picture-alliance/ dpa

Schulbehörde setzt Noten wegen zu schwieriger Abitur-Aufgaben herauf. Opposition macht Senator verantwortlich.

Hamburg. Wenigstens die Ungewissheit der vergangenen Wochen ist vorbei: Die rund 1200 Schülerinnen und Schüler, die die Mathematik-Abiturklausur auf grundlegendem Niveau am 3. Mai geschrieben haben, erfahren spätestens heute ihre endgültige Zensur. In den meisten Fällen wird das Ergebnis um etwa eine halbe Note besser ausfallen als zunächst vorgesehen. Allerdings: Wer null Punkte hatte, wird auf dem Niveau bleiben.

Wie berichtet, hatte das Institut für Qualität im Bildungswesen (IQB) der Schulbehörde bestätigt, dass zwei der vier gestellten Aufgaben in der Mathe-Klausur zu schwer waren. Das ist insofern durchaus überraschend, als das IQB die Aufgaben zuvor selbst geprüft und ausgewählt hat. Die Aufgaben waren Teil des bundesweiten Aufgaben-Pools, aus dem sich die Länder bedienen können. Hamburg hat ausschließlich Pool-Aufgaben für die Abi-Klausuren benutzt, andere Länder zum Teil oder auch gar nicht.

Die zur Verfügung stehende Zeit war zu knapp

Die Experten sind zu dem Ergebnis gekommen, dass jede der vier Aufgaben für sich gesehen angemessen und lösbar war. Allerdings sei die zur Verfügung stehende Zeit angesichts der Komplexität von zwei Aufgaben zu knapp gewesen. Die Beantwortung der beiden Aufgaben aus den als besonders schwierig geltenden Sachgebieten lineare Algebra und analytische Geometrie war deswegen besonders zeitaufaufwendig, weil sie zu „textlastig“ waren. Das heißt: Die Abiturienten benötigten längere Zeit, um die angesprochenen mathematischen Pro­blem zu erkennen und zu lösen.

Die Folgen waren erheblich: Während die Durchschnittsnote der Mathe-Abiklausur auf grundlegendem Niveau in Hamburg 2018 bei 3,41 auf der traditionellen Sechser-Skala lag (2017: 3,56), fiel die diesjährige Klausur nach Einschätzung der Schulen im Durchschnitt um etwa eine Note schlechter aus.

Schüler starteten wegen der Klausur eine Online-Petition

Über den Einsatz von Aufgaben mit langen Textpassagen im Mathe-Abitur wird schon seit mehreren Jahren diskutiert. Grundsätzlich erhöhen konkrete Beispielfälle die Anschaulichkeit in der ab­strakten Mathematik. Andererseits setzen diese Aufgaben ein Textverständnis voraus, über das offensichtlich nicht alle Schüler in ausreichendem Maße verfügen. Besonders Schüler, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, haben häufiger Schwierigkeiten, die geforderten Rechenoperationen zu erkennen, obwohl sie vielleicht abstrakt dazu in der Lage wären, die Aufgaben zu lösen.

Unmittelbar nach den Klausuren hatten Schüler gegen die aus ihrer Sicht zu schwierigen Aufgaben protestiert und eine Online-Petition gestartet – nicht nur in Hamburg, sondern auch in anderen Bundesländern, obwohl dort zum Teil völlig andere Aufgaben gestellt wurden. Das bayrische Kultusministerium zum Beispiel verwendete überhaupt keine Aufgaben aus dem bundesweiten Pool, sondern ausschließlich in Bayern erarbeitete Fragestellungen.

Ist es gerecht, dass die Noten der Hamburger Abiturklausuren der Mathematik angehoben werden?

Es wurden bisher 1911 Stimmen abgegeben.

Hamburg geht einen anderen Weg als einige andere Bundesländer

Aufgrund der Proteste der Schüler und nach Rückmeldungen von Schulleitern und Mathematiklehrern hatte die Schulbehörde zunächst nur eingeräumt, dass die Mathe-Klausur „relativ schwer“ gewesen sei. Deswegen wurde den betroffenen Schülerinnen und Schülern Ende Mai eingeräumt, dass sie ihre Gesamtnote durch eine freiwillige mündliche Prüfung verbessern können. Das Angebot gilt weiterhin, die Prüfungen finden zwischen dem 12. und 15. Juni statt.

Für die als Konsequenz aus der IQB-Überprüfung nun angekündigte bessere Bewertung geht Hamburg einen anderen Weg als einige andere Bundesländer.

Das Saarland etwa, das nur einen Teil der Aufgaben aus dem bundesweiten Pool entnommen hat, setzt alle Mathe-Klausurnoten pauschal um drei Punkte herauf, was einer Note nach dem herkömmlichen Sechser-Schema entspricht. Die Schulbehörde verändert dagegen den Bewertungsmaßstab. Konkret: Zunächst galt, dass bei der Klausur maximal 100 Bewertungseinheiten zu erzielen waren, was 100 Prozent entsprach. Jetzt hat derjenige die Aufgaben bereits zu 100 Prozent erfüllt, der nur 85 Bewertungseinheiten erreicht hat. Anders ausgedrückt: Die beste Note (Eins plus oder 15 Punkte) gab es vorher für 96 Bewertungspunkte, jetzt reichen bereits 81 Punkte für die Topnote.

Probeklausur fiel ebenfalls sehr schlecht aus

Diese Differenz von 15 Bewertungseinheiten wird durch das Notensystem durchdekliniert. Um eine Fünf minus zu erreichen, muss ein Abiturient mindestens 17 Bewertungseinheiten geschafft haben – vorher waren es 32. Wer darunter liegt, bleibt bei einer Sechs. Bei einer pauschalen Anhebung aller Klausuren um eine Note wäre der Sechser-Kandidat noch auf eine Fünf gekommen.

Dieses Verfahren hatte die Schulbehörde noch vor zwei Jahren bei der ersten Probeklausur im Fach Mathematik gewählt. Die Probeklausur, die zum ersten Mal unter den Bedingungen des bundesweiten Abiturs geschrieben worden war, fiel ebenfalls sehr schlecht aus. „Bei der Probeklausur handelte es sich formal um eine normale Klassenarbeit. Das Abitur ist eine staatliche Prüfung, die die Studierfähigkeit feststellen soll. Da müssen andere Maßstäbe gelten“, sagt Peter Albrecht, Sprecher der Schulbehörde.

Bremen will dem Beispiel Hamburgs folgen

Die Bremer Schulbehörde teilte gestern mit, dass die Noten für die Mathe-Abiturklausuren in den dortigen Grundkursen heraufgesetzt werden sollen. Auch in Bremen sei die Zeit für die Bearbeitung der Aufgaben zu knapp gewesen. Das Bundesland will dem Beispiel Hamburgs folgen und den Bewertungsmaßstab ändern. Bayern und Schleswig-Holstein sehen keinen Grund zur Änderung der Noten.

Unterdessen ist eine politische Debatte über die Verantwortung für die schlechten Ergebnisse der Schüler in der Mathe-Klausur entbrannt, wobei die Opposition vor allem Schulsenator Ties Rabe (SPD) im Blick hat. „Es haben nicht die Schüler und Lehrer versagt, sondern der Schulsenator. Rabe wird mit der Notenanpassung nun endgültig zum Wiederholungstäter“, sagte die CDU-Schulpolitikerin Birgit Stöver mit Blick auf die Probeklausur 2017. „Das ist peinlich, denn dass die Hamburger Schüler Schwierigkeiten in Mathematik haben, ist bereits länger bekannt.“ Rot-Grün sei offensichtlich an einer Verbesserung des Mathe-Unterrichts nicht interessiert und verweigere sich den Vorschlägen der Opposition. „Wir fordern seit Langem klare Lehrpläne, mehr Mathe-Unterricht, mehr Fachlehrer sowie eine stärkere frühe Erziehung“, sagte Stöver.

„Es kann nicht sein, dass Schüler erst eine Petition starten müssen, damit der Senat merkt, dass etwas schiefläuft“, sagte FDP-Fraktionschefin Anna von Treuenfels-Frowein, die von Rabe erwartet, dass er in Zukunft zuvor den Schwierigkeitsgrad der Prüfungen genau kon­trollieren lässt. Die Linken-Fraktionschefin Sabine Boeddinghaus kritisierte das etappenweise Vorgehen der Behörde und hat eine umfangreiche Kleine Anfrage zur Abi-Klausur eingereicht.

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