Hamburg

Der Regenmarathon und das Wunder einer Läuferin

Miriam Vogt glücklich beim Marathon.

Miriam Vogt glücklich beim Marathon.

Foto: Marcelo Hernandez

10.497 Teilnehmer gingen an den Marathon-Start. Miriam Vogt trotzte nicht nur dem Wetter, sondern auch der Prophezeiung der Ärzte.

Hamburg.  Fünf Stunden und zwanzig Minuten. Zumindest nicht langsamer. Das hat sich Miriam Vogt für den Marathon vorgenommen. Eigentlich keine Spitzenzeit. Wenn man aber weiß, dass die 34-Jährige noch vor wenigen Jahren so wenig Kraft hatte, dass sie gerade einmal ein paar Schritte laufen konnte, ahnt, dass es hier ohnehin um etwas ganz anderes geht.

Denn Miriam Vogt musste sich nach einer aggressiven Form der Leukämie wieder zurück ins Leben kämpfen. Die Ärzte sagten: „Einen Marathon werden Sie wohl nicht mehr laufen.“ Das Gegenteil bewies die junge Frau aus Werne bei Dortmund im vergangen Jahr, als sie in Hamburg ihren ersten Marathon lief. „Ich war überwältig davon, was mein Körper noch immer leisten kann. Aber auch überwältigt davon, wie vielen Krebspatienten ich damit Mut machen konnte. Das Feedback war enorm.“

Auch deshalb war Miriam am Sonntag beim 34. Haspa Marathon wieder dabei. Zusammen mit 10.496 weiteren Läufern. Dass es kühler werden würde als an den Vortagen, war absehbar. Doch je näher der Termin rückte, desto schlechter wurden die Prognosen. Acht bis zehn Grad und Dauerregen. Sehr untypisch für den Hamburg-Marathon. Regenschirme waren in vielen Jahren jedenfalls nicht nötig – eine Ausnahme waren die Hagelschauer 2017. Und so war die Marathonstrecke meist gesäumt von einem Meer aus Regenschirmen. Laut einer Besucherin hätten in diesem Jahr im Grunde alle, die an der Strecke die Sportler anfeuerten, eine Medaille verdient.

Weniger Besucher als üblich

Und so waren stellenweise etwas weniger Besucher da als sonst, aber die, die trotz des Regens gekommen sind, gaben alles. Da war zum Beispiel Nils Brehm, der an der Lombardsbrücke mit Tröte und Plakat und vor allen Dingen mit durchdringender Stimme die Läufer motivierte. „Gerade bei dem Wetter brauchen die Leute die Unterstützung. Deshalb rufe ich manchmal einfach irgendwelche Namen, in der Hoffnung, dass sich jemand angesprochen fühlt.“

Ein paar Meter weiter klatschten auch Meike und ihre Freundinnen nach Kräften, um Meikes Bruder Björn anzufeuern. „Das Klatschen ist in diesem Jahr besonders wichtig, weil ja die meisten hier ja einen Regenschirm halten und die Hände nicht frei haben“, meint Meike. Auch Miriam Vogt sagt: „Das Anfeuern ist ein sehr wichtiger Faktor. Das trägt einen über die Strecke und motiviert, weiterzumachen. Gerade, wenn das Wetter schlecht ist.“ Und so ist es nicht unwahrscheinlich, dass der Regen auch ein Grund dafür war, dass dieses Mal trotz geänderten Verlaufs kein neuer Streckenrekord aufgestellt wurde.

Keine Rekorde angepeilt

Für Miriam und ihre „Fans“ sind derlei Rekorde und Spitzenzeiten nicht relevant. „Die Motivation, einen Marathon zu laufen, ist sicher bei jedem eine andere“, sagt sie. „Mir geht es darum, dass man all den negativen Geschichten über Krebserkrankungen eine positive entgegensetzt. Der Krebs hat mir zwar viel genommen, aber am Ende auch viel gegeben“, sagt sie. „Ich nehme nichts mehr einfach als selbstverständlich, und ich lebe viel bewusster als früher.“

Zu dieser neuen, bewussten Art des Lebens passe das Laufen perfekt, das sie erst nach der Erkrankung für sich entdeckt hat. „Dabei kann ich abschalten, runterkommen, die Umgebung genießen. Auch deshalb bin ich wieder beim Hamburg-Marathon dabei. Man kommt hier an tollen Ecken vorbei, sieht den Hafen, die Elbe, die Alster. Das ist wirklich toll.“ Als der erste Läufer nach zwei Stunden und acht Minuten ans Ziel kam, lief Miriam Vogt gerade um die Binnenalster. Da lag noch mehr als die Hälfte der Strecke vor ihr. Ein etwas langsameres Tempo hatte dieses Jahr einen entscheidenden Vorteil: Ab dem frühen Nachmittag verzog sich der Regen, ab und zu zeigte sich sogar mal die Sonne.

„Nächstes Jahr komme ich wieder“

Kurz nach 14 Uhr stand fest: Miriam Vogt hat es wieder geschafft. Nach vier Stunden und 31 Minuten erreichte sie die Ziellinie. Erschöpft und gleichzeitig voller innerer Kraft und Zuversicht: „Nächstes Jahr komme ich wieder.“