Winterhuder Fährhaus

Wenn "Kerle im Herbst" plötzlich über Spermien reden

“Kerle im Herbst”: Christian Wolff, Max Schautzer und Horst Janson als  rüstige Rentner.

“Kerle im Herbst”: Christian Wolff, Max Schautzer und Horst Janson als rüstige Rentner.

Foto: Loredana La Rocca

"Wir sind Vater!", lautet die Erkenntnis der neuen Komödie über eine Senioren-WG auf Mallorca. Premiere mit Gags, aber auch Klischees.

Hamburg. Drei Senioren jenseits der 70, die sich noch aus Schulzeiten kennen, haben sich auf Mallorca zu einer Männer-WG zusammengeschlossen, um ihre letzten Tage nicht allein verbringen zu müssen. Der Ausgangspunkt der Komödie von Katrin Wiegand, die am Freitagabend unter der Regie von Horst Johanning im Winterhuder Fährhaus Hamburg-Premiere feierte, bietet durchaus Gag-Potential.

Nicht ausgeschöpft

Mit den Theater- und Filmgrößen Horst Janson, Christian Wolff und Max Schautzer, der bei der Premiere auch sein Hamburger Bühnendebüt gab, ist sie auch noch hochkarätig besetzt. Doch sowohl das Potential der Handlung als auch das der Schauspieler werden in dem Stück nicht vollständig ausgeschöpft.

„Ich könnte heute noch jede haben, wenn ich wollte“, schon der erste Satz, den Rentner Manfred (Janson) im Liegestuhl liegend und Bier trinkend seinem Jugendfreund Wolfgang (Wolff) unter die Nase reibt, trieft vor Klischeehaftigkeit. Wolfgang wiederum, der sich in einem pink-weiß gestreiften Shirt und rosafarbener Brille im Liegestuhl daneben mit einem Fächer elegant Luft zu wedelt, bleibt sichtlich unbeeindruckt und lässt lieber lakonische Bemerkungen wie „Hautkrebs als Todesursache ist in unserem Alter eher unwahrscheinlich“ fallen.

Während die beiden sich über dieses und jenes kabbeln, stößt Rolf (Schautzer), der dritte im Bunde, als „Turnvater Jahn“ mit seinem heiß geliebten Rennrad hinzu. Es werden zotige Witze gerissen, über Sport im Alter und zu hohe Cholesterinwerte diskutiert. Plattitüde reiht sich an Plattitüde. Ihr Alltag wird jäh durchbrochen als ihre ehemalige Schulkameradin Karin postalisch ihren Besuch ankündigt.

Einer ist homosexuell

Aufregung macht sich in der WG breit. Doch Karin lässt sich nicht blicken, stattdessen überbringt die hochschwangere Haushälterin Dani (Sarah Jane Janson) in regelmäßigen Abständen neue Briefe und sorgt damit bei dem rüstigen Trio für immer neuen Gesprächs- und Zündstoff. Denn wie sich herausstellt hatte jeder der drei, selbst der homosexuelle Wolfgang, um die Zeit des Abiballs etwas mit Karin.

Und so werden auf der Terrasse der mallorquinischen Finca, die auf der Bühne als helle Holzkonstruktion mit rankenden Kunstblättern durchaus mediterranes Flair vermittelt, alte Wunden aufgerissen, die in der Erkenntnis münden, dass einer der drei der Vater von Karins Tochter sein muss.

Leider überrascht das wenig, denn die Handlung ist durchweg durchschaubar und wirkt sehr konstruiert und so wird auch schnell klar, welche Rolle Haushälterin Dani neben kochen, aufräumen und dem Wachen über die drei Rentner hat: Sie ist Karins Enkelin Daniela, die sich mit den Briefen der Oma auf die Suche nach dem werdenden Urgroßvater macht. Denn wie sich herausstellt sind sowohl ihre Mutter als auch ihre Großmutter bereits verstorben.

Enges Korsett?

Was man den Schauspielern lassen muss ist, dass sie sich hier und da ihres engen Korsetts der klischeehaften Rollen entledigen und im Zusammenspiel große Spielfreude vermitteln. Vor allem Christian Wolff gelingt es, den schwulen Wolfgang trotz der überzeichneten Requisiten wie der ausschließlich rosafarbenen Kleidung und dem permanenten Fächer-Wedeln, als sehr humorvollen Charakter zu etablieren ohne dabei affektiert zu wirken.

Mit der Erkenntnis „Wir sind Vater!“, welche die Pause einläutet, nimmt die anfangs schleppende Handlung in der zweiten Hälfte mit dem Streit um die durchsetzungsfähigsten Spermien dann auch an Fahrt auf. Die Verwandtschaftsverhältnisse werden jedoch nicht aufgeklärt.

Der Fall von „besonders schwerer Vergangenheitsbewältigung“ wird mit der Geburt der Urenkelin abgeschlossen, als die drei sich entscheiden, sich die Groß- und Urgroßvaterschaft zu teilen.

Vom Premierenpublikum gibt es für die beachtlichen Leistung der Schauspieler recht langen, freundlichen Beifall, jedoch keine Standing Ovations.

„Kerle im Herbst“ bis 9.6., täglich außer Mo (je 19.30, So 18.00), Komödie Winterhuder Fährhaus (U Hudtwalckerstraße), Hudtwalckerstr. 13, Karten zu 16,54 bis 43,74 Euro in der Abendblatt-Geschäftsstelle, Großer Burstah 18-32 und unter der Tickethotline T. 30 30 98 98.