Hamburg

Linke kritisiert Einsatz von Security beim Kinderschutz

Linke-Fraktionschefin Sabine Boeddinghaus

Linke-Fraktionschefin Sabine Boeddinghaus

Foto: picture alliance / Christophe Gateau/dpa

21-mal in fünf Monaten wurden Kinder vom Sicherheitspersonal „festgehalten“. Linkspartei: Schuld ist der Mangel an Pädagogen.

Hamburg. Die Fraktion der Linkspartei in der Bürgerschaft übt schwere Kritik an den Zuständen in Kinderschutzeinrichtungen der Stadt, insbesondere am Einsatz von Sicherheitspersonal. So sei es in zwei Kinderschutzgruppen (Rohrammerweg und Rothenhäuser Damm) zwischen Ende August 2018 und Februar 2019 zu 21 Eingriffen der Security gekommen. Wie der Senat auf eine Kleine Anfrage der Links-Fraktion mitteilte, seien die Kinder „festgehalten“ worden.

„Security hat in solchen Einrichtungen, die mit hoch belasteten Kindern arbeiten, nichts zu suchen“, kritisiert Linke-Fraktionschefin Sabine Boeddinghaus. „Der Weg, in immer mehr Bereichen der Kinder- und Jugendhilfe mit Security-Personal zu arbeiten, dürfte in Deutschland einmalig sein und sollte vom rot-grünen Senat nicht weiter beschritten werden.“

Security-Personal soll pädagogisches Arbeiten unterstützen

Die drei Kinderschutzgruppen bieten insgesamt 24 Plätze für sechs- bis zwölfjährige Kinder. Im fraglichen Zeitraum war aber auch je ein Vier- und ein Fünfjähriges Kind in den Einrichtungen. Zudem gibt es sechs Kinderschutzhäuser mit insgesamt 81 Plätzen für kleinere Kinder bis sechs Jahre. In diesen Einrichtungen ist kein Sicherheitspersonal vor Ort.

Der Senat betont, dass grundsätzlich zwar „auch der Umgang mit Konflikten, das Streitschlichten und Beruhigen eines Kindes mit körperlichem Kontakt zu den Aufgaben der pädagogischen Fachkräfte“ gehöre. In besonderen Einzelfällen und eskalierten Situationen sei „eine pädagogische Zugänglichkeit aber nicht mehr gegeben“, so der Senat. „Zeigen Kinder ein hoch aggressives und gewalttätiges Verhalten, dem allein durch pädagogische Intervention nicht begegnet werden kann, kann in diesen Situationen der Sicherheitsdienst durch seine Präsenz und deeskalierende Intervention das pädagogische Handeln der Betreuerinnen und Betreuer unterstützen.“ Martin Helferich, Sprecher der Sozialbehörde, bringt es so auf den Punkt: „Es wird Security-Personal eingesetzt, damit pädagogisches Arbeiten möglich ist.“

Häufiger Personal-Wechsel mache Security-Einsätze nötig

Mehmet Yildiz, kinderpolitischer Sprecher der Links-Fraktion, überzeugt diese Argumentation nicht: „Die Behörde sagt, Security-Mitarbeiter kämen nur zum Einsatz, wenn eine ‚pädagogische Zugänglichkeit‘ nicht mehr gegeben ist. Da stellt sich die Frage: Wo ist sie geblieben? Auf wen geht sie über?“ Er frage sich: „Will die Fachbehörde wirklich für ab Vierjährige hochbelastete, teilweise traumatisierte Kinder definieren, wo in solchen Einrichtungen pädagogisches Handeln beginnt und endet?“

Yildiz vermutete, dass eher die häufigen Personal-Wechsel und die Überlastung der Beschäftigten die Security-Einsätze nötig machte: So hätten laut Senat von 2016 bis 2018 insgesamt 72 Personalwechsel stattgefunden – bei lediglich 114 Mitarbeitern. Zudem seien derzeit 6,67 Stellen vakant.

Für viele Kinder sind Einrichtungen Dauerzustand

Wie die Anfrage ergab, war ferner die Verweildauern der Kinder in den Kinderschutzeinrichtungen deutlich länger als eigentlich vorgesehen. Obwohl drei Monate eigentlich die Höchstdauer sein sollte, liege der Mittelwert nur in zwei von neun Einrichtungen bei unter 90 Tagen, aber in sieben Häusern bei 95 bis 191 Tagen, wie Boeddinghaus kritisiert. „Für viele Kinder sind diese Einrichtungen kein Übergangszuhause, sondern ein Dauerzustand. Das muss sich dringend ändern.“ Der Zustand der Schutz-Einrichtungen entspreche „in keiner Weise den Empfehlungen der Enquete-Kommission, die gerade eben von allen Parteien verabschiedet wurden“, sagt Sabine Boeddinghaus. Aus Sicht ihrer Partei müssten vor allem die Personalschlüssel verbessert werden.

Auch Michael Lezius, Vorsitzender der Yagmur Gedächtnisstiftung, die an den gewaltsamen Tod des dreijährigen Mädchens im Jahr 2013 erinnert, kritisiert den kostenintensiven Einsatz der Security-Dienste: „Das ist ein unhaltbarer Zustand. Es müssen immer genug Fachkräfte vor Ort sein. Dafür müssen die Personalschlüssel so verbessert werden, dass auch bei Krankheit, Urlaub und Fortbildung genügend Fachkräfte anwesend sind.“